Nach dem Erfolg des Infernal Affairs Dreiteilers ist es kein Wunder, dass gerade das Undercover-Motiv für die weiteren Nachfolgeproduktionen in leichten Abwandlungen wieder verwendet wurde. Das Schweben zwischen zwei gesellschaftlichen Zuständen, Hin-und Herpendeln zwischen Verbrechensbekämpfung und Kriminalität, Vortäuschen der Identität und das ständige Treiben an den Rand des Abgrunds bietet vielfältige Möglichkeiten von verhängnisvoller Verkettung der Ereignisse, von unterschiedlichen Bezugsrahmen für den Protagonisten, der zugleich als Solist und im Kollektiv arbeiten muss, für moralische Entscheidungen und idealistische Grenzsituationen. Vor allem auch die Themenauswahl kommt dem Kantonesischen Kino sehr zu gute; seit jeher behandelt man das Problem von Loyalität, Treue und Freundschaft gegenüber den Verlockungen des Materiellen. Ein widerstrebendes Spiel zwischen der Pflicht und dem eigenen Willen, zwischen Gemüt und Gefühl und Verstand und Herz; alles vor dem Hintergrund der existenziellen Bedrohung speziell und dem ewigen Kampf zwischen Cops VS Robbers allgemein. Eine einfache Handlung mit überaus solider Handhabe, in der alles auf einer Stelle geschieht und der Anschein der Oberflächlichkeit zwischen Arglist und Paranoia, Illusion und Irreführung ein wichtiges Kriterium ist.
Die Formel des Undercoverpolizisten, der sich frisch von der Akademie weg in die Triaden begeben, dabei sein vorheriges Leben ebenso wie seine bisherigen Freunde und Familie auflösen und in einer vollständig gegensätzlichen Situation zurechtfinden muss fand deswegen nicht umsonst so häufig seinen Weg auf die zeitgenössische Leinwand. Regisseur Billy Chung hat auch bereits mit dem folgerichtig betitelten Undercover Blues [ 2000 ] einen Blick auf die komplizierte Kernfrage geworfen und sich kurz darauf mit Colour of the Loyalty [ 2005 ] erneut mit der Welt von Organisierter Kriminalität, Illegalität, Günstlingswirtschaft beschäftigt und taucht diesmal noch weiter in die gewalttätig-verschworene Geheimgesellschaft ein. Eine Weltordnung, die zwar die Ungerechtigkeit toleriert, aber trotzdem einen merkwürdigen Ehrenkodex proklamiert. Dabei erinnert man in manchen Bezügen an den letztjährigen On the Edge, der sich bereits ausführlicher mit der Schwierigkeit des Lebens nach der Inkognito-Aufgabe beschäftigt: Die argwöhnisch beobachtete Rückkehr in den Polizeidienst, der nicht enden wollende Konflikt mit dem einmal verspielten Vertrauen und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen; allerdings hierbei ohne textgebundene Erörterung.
Auch Feng [ Shawn Yu ] hat nach vier Jahren versteckter Arbeit bei Gangsterboss Wah Ying [ Ken Tong ] mit seinem gegenwärtigen Leben zu kämpfen. Zwar bekam er für dessen Festnahme prompte Belobigungen, steckt seitdem aber in unwichtigen Fällen fest und konnte sich nachträglich auch nicht mehr in die Gemeinschaft seiner Kollegen zurechtfinden. Seine damalige Freundin Sandy [ Monie Tung ] hat er ohne ein weiteres Wort verlassen, mit seinem Partner Ho [ Eddie Pang ] verbindet ihn weiter nichts mehr und seinen Vater hat er im falschen Glauben verloren, dass sein Sohn die Seiten gewechselt hat.
Nur noch ein Freund Fai [ Sam Lee ], ein kleiner Drogendealer ist geblieben. Als dieser im Beisein Fengs einen sie beim Koksschnupfen erwischenden Gesetzeshüter erschießt, rächt sich nicht nur der Spuk der Vergangenheit, sondern auch der Albtraum des unentrinnbaren Schicksals.
Undercover hält sich nicht lange mit einer vermeintlich rosigen Gegenwart auf, sondern zeigt von Beginn weg ein verpfuschtes Leben, dass die Auswirkungen direkt aus der instabilen Lage vorgetäuschter Existenz bezieht. Die Krisen häufen sich aus der mangelnden Sicherheit der Wesenseinheit. Das Wer/Was/Wie bin ich von Feng ist für seine Umwelt ein Buch mit Sieben Siegeln. Die, die ihm damals vertraut haben, tun es nach seinem Verrat nicht mehr. Und eine neue Integration konnte er wegen der einmal begangenen Verhaltenskonstruktion nicht erreichen; er bleibt auch im eigentlichen Beruf der Aussenseiter und wird unter ständiger Beobachtung und gebremsten Karriereweg gehalten. Sein Normverstoss des Drogenkonsums und der anschließende "kommunikative Unglücksfall" schotten ihn noch mehr von der einstmals angestrebten Rechtschaffenheit ab, auch wenn er sich exemplarisch nur mit dem Zeigen seines Dienstausweises vor der einzigen Zeugin des tödlichen Vorfalls als aufrichtig und unbescholten legitimiert.
Dabei verbindet der Handlungsaufbau die Bruchstellen verschiedener Zeiten und Erlebnisse zu einem fortführenden Strang hinlänglicher Reizung. Zwar schieben sich mit dem Auftauchen von Nachspiel und Konsequenz aus früheren Taten immer mal wieder prämorbide Rückblenden ins Bild, so besitzt man doch einen eigenen, im Hier und Jetzt angelegten Spannungsaufbau, der eine akute seelische und körperliche Belastungssituation in Augenschein nimmt. So muss Feng nicht nur den Mord an den Polizisten vertuschen, sondern auch den durchdrehend-verunsicherten Fai außer Landes schaffen, und sich mit dem alten Triadenführer Wah Ying, dem Nachfolger Brother Sun [ Ben Ng ] und einem weiteren Eingeschleusten abgeben. Außerdem hat er die Ermittlungen bei einem Jahre zurückliegenden Mordfall zu tätigen: Ein Skelett im Abwasserschacht führt ebenfalls in die Verbrecherkreise.
Auffällig dabei ist nicht nur der fehlende Rückhalt, der sich in einer vollständigen beruflichen oder privaten Isolation Fengs niederschlägt. Seine Lebensbewältigung und auch der Realitätsbezug sind weitgehend zusammengebrochen, die Kontrolle seiner Alltagsreaktionen verloren und in übertriebener Unterordnung umgewandelt. Mehrmals treten Szenen zutage, die den zur plötzlichen Aktivität Gezwungenen in hilfloser Ohnmacht angesichts seiner Lebensumstände zeigen. Entwürdigende Momente in passiv erschöpfter Wehrlosigkeit und doppelter Ungewissheit, in der er alles um sich herum stumm über sich ergehen lässt. Feng wird von mehreren Seiten verprügelt, muss seinem letzten Freund praktisch nachjagen und sich beim Sex seiner einstigen Freundin und Liebe still unter dem Bett verstecken.
Dabei betrachtet Regisseur Chung die seelische Belastungssituation aber vermehrt äußerlich, fern von lebhafter Beschäftigung des Geistes und der Empfindungen. Die immer gefährlicher werdende Realität nimmt mitsamt nüchtern-unsentimentaler Sprache weit mehr Raum ein als das innere Drama; gerade die parallelen Aktivitäten von beiden Seiten des Gesetzes und das Damoklesschwert früherer Entscheidungen ziehen die Schlinge um Fengs Hals immer enger zu. Aufgrund der geringen Laufzeit und der reziprok verschärften Schwierigkeiten besitzt der Film einen leicht überdurchschnittlichen Antrieb, der noch zusätzlich Dissonanzen in Bild und Ton benutzt, um einen unruhigen, unsteten Eindruck pragmatischer Relevanz zu erwecken. Mangels Finanzierung verzichtet man auf größere establing shots oder gar intensive Actioneinheiten, sondern verlagert sich auf ein fragiles Spiel von mehr Streit als Übereinstimmung, mehr Reibung und Konfrontation als Harmonie. Diskrepanz zwischen Schein und Sein sowie langsamer Takt und selten geschwinde Bewegung. Die schmerzliche Zeit der Erkenntnis und psychologische Verrätselung wird zugunsten von propagiert dringlich-unmittelbarer Gefahr beiseite geschoben. Während On the Edge öfters in Melancholie schwärmte hält man sich hier nicht im rührseligen Wartezimmer auf, sondern begibt sich an der Geschichtenoberfläche von einer Risikoposition in die nächste, ohne wirkliche Aggressionsakzente oder brodelnden Nervenkitzel setzen zu können.
Unterstrichen wird diese Labilität und Anfälligkeit des Kreislaufes noch mit einer sorgfältigen, vielleicht nicht immer erfolgreichen, aber zumindest interessanten Fotographie, die sich auch vermehrt an die Möglichkeiten und dem vorteilhaften Einfluss der High Definition Video Aufnahme wendet. Wie schon bei A Mob Story oder Haunted School oder den noch anstehenden Dead Air, The Third Eye und Fate entstammt das kleine Genrewerk einer besonders entwickelten Produktionsschiene: Initiiert von Fortune Star Entertainment Ltd. und Produzent Andrew Lau, die mit vermindertem Einsatz diverse HD feature films als Alternative zum klassischen 35-mm-Film für den neuen Markt antesten. Die optische Hochauflösung kommt hierbei in durchgängig sorgfältig handwerklicher Fertigkeit zum Tragen. Ein sicheres Spiel mit der Belichtung, der Tiefenschärfe, dem Kontrast und Farbfiltern, in der die wechselseitige Durchdringung inhaltlicher und [zumeist] formaler Aspekte Beachtung finden.