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„Bandsalat"

Wer sich heute zur Generation der 30 Somethings zählt, der kann sich mit Sicherheit noch bestens an die Prä-DVD-Ära erinnern. Quietschende Laufwerke, flimmernde Bilder und Leihkassetten, die immer ein bisschen größer und eckiger ausfielen als die jeweiligen Kaufversionen. Der ganze Ausleihvorgang beinhaltete zusätzlich eine weitestgehend in Vergessenheit geratene Tücke, die mit einer Sonderzahlung nicht unter 50 Pfennig bestraft wurde: das Zurückspulen des Videobandes. Wer jetzt von nostalgischen Gefühlen übermannt wurde, für den scheint Abgedreht - die neue Komödie des französischen Regisseurs Michel Gondry - zumindest einmal einen Blick wert. Trägt sie doch den vielsagenden Titel Be kind, rewind (zu deutsch: Seien sie so nett und spulen Sie das Band zurück) und handelt von dem verzweifelten Versuch, eine lediglich auf VHS-Kassetten spezialisierte Videothek vor der Abrissbirne zu bewahren.

Die Freunde Jerry (Jack Black) und Mike (Mos Def) leben in einem heruntergekommenen Viertel der unbedeutenden Kleinstadt Passaic, NJ vor der Toren der Weltmetropole New York. Während Mike in der schmuddeligen Videothek seines Ziehvaters Mr. Fletcher (Danny Glover) auf die täglichen 2-3 Kunden wartet, verbringt der Mechaniker Jerry seine Freizeit mit dem Spinnen krudester Verschwörungstheorien. Seine Hauptangst gilt moderner Technik und der daraus resultierenden Bedrohung durch Elektrosmog oder Strahlenbelastung. Bei seinem missglückten Versuch, das städtische E-Werk zu sabotieren, wird Jerry magnetisch aufgeladen. Leider macht er damit auch sämtliche Videokassetten in Mr. Fletchers Laden unbrauchbar. Zu ihrem Glück weilt Mr. Fletcher auf Geschäftsreise, um Ideen für eine Modernisierung seines Ladens zu sammeln.
Da die Nachfrage überschaubar ist, beschließen die Freunde die gewünschten Filme einfach selbst zu drehen. Ihr erster Streich ist Ghostbusters. Sie nennen ihre Version „geschwedet", da sie angeblich aus dem weit entfernten und sehr teuren Schweden stammt. Was als ein aus der Nichts geborener Gag begann, entwickelt sich völlig überraschend zu einem phänomenalen Erfolg. Nach dem Neudreh von Rush Hour 2 steigt die Nachfrage sprunghaft an. Die geschwedeten Versionen werden Kult, vor der beinahe bankrotten Videothek bilden sich Menschenschlangen.
Der unerwartete Erfolg kommt wie gerufen, soll doch der ganz Häuserblock abgerissen und in ein Wohnviertel umgebaut werden. Doch dank $ 20 Leihgebühr und einer goldnen Auftragslage scheint die Rettung des Ladens möglich. Bis zu dem Tag, als sie sich mit dem Plagiatsvorwurf und einer Sammelklage seitens diverser Filmstudios konfrontiert sehen.

Die Ausgangsidee ist überaus originell. Mit dem Drehen trashiger Amateurversionen bekannter Hollywoodhits eben diese in den Videotheken auszubooten und damit der perfektionistischen aber kalt berechenden Traumfabrik den Spiegel vorzuhalten, ist ein genialer Einfall. Kreativität, Erfindergeist und Herzblut siegt über Berechnung, Marktforschung und Millionenbudgets. Das besitzt entwaffnenden Charme und ist zudem ein wahrhaft Eulenspiegelsches Szenario. Die „geschwedeten" Versionen von Mike und Jerry gehören zu den skurrilsten, erfrischendsten und witzigsten Momenten der letzten Kinomonate. Ob King Kong, Miss Daisy und ihr Chauffeur, 2001 oder Robocop, die mit Hilfe von Pappmaschee, Haushaltsgeräten und selbstgebastelten Kulissen nachgestellten Filmszenen sind ein Fest für jeden anarchisch angehauchten Filmfan.

Leider hat Gondry offenbar dem subversiven Potential seiner Geschichte nicht vertraut und ist auf die dumme Idee gekommen, dem hintersinnigen Spaß eine rührselige Rahmenhandlung überzustülpen. So verbreitet Videothekenbesitzer Mr. Fletcher die Mär, die einstige Jazzgröße Fats Waller sei in eben diesem vom Abriss bedrohten Haus zur Welt gekommen und habe in Passaic seine ersten musikalischen Schritte getan. Als die beiden Hobbyfilmer von einer völlig humorlosen Anwältin diverser Hollywoodstudios - Sigourney Weaver in einer kleinen aber „feinen" Nebenrolle - unsanft gestoppt werden, droht der Plan zu Rettung des Hauses zu scheitern. Sämtliche „geschwedeten" Versionen werden vernichtet und das Drehen neuer Werke strengstens untersagt. Die Lage scheint hoffnungslos. Aber hier kommt Fats Waller ins Spiel. Gemeinsam mit den Bewohnern ihres Viertels planen Jerry und Mike eine Biographie über Passaics vermeintlich berühmtestes Kind. Und alle spielen mit. Die öffentliche Aufführung am Tag des geplanten Abrisses wird zum Triumphzug des „kleinen Mannes" bei dem selbst die örtliche Polizei und der Immobilienhai von ihren sentimentalen Gefühlen übermannt werden.

Das klingt kitschig und aufgesetzt? Das ist es leider auch. Die platte Botschaft des „Gemeinsam sind wir stark" bzw. des „Wir kleinen Leute müssen zusammenhalten" trieft aus allen Sentimentalitätsporen. Schade um das lediglich im unterhaltsamen Mittelteil angedeutete Potential der Geschichte. Abgedreht hätte eine Ode auf Kreativität und Trashkultur sowie ein hintersinniger Angriff auf die emotionslose Fließband-Maschinerie der Hollywoodstudios werden können.
Auch die erste halbe Stunde des Films weiß kaum zu überzeugen. In überdrehten Slapstickeinlagen und erschreckend unlustigen Wortduellen werden die beiden Protagonisten Jerry und Mike eingeführt. Der ganze Vorgang ist entschieden zu lang geraten und für eine Komödie entschieden zu humorlos. Ein paar ziemlich platte Gags und Jack Blacks auf Dauer typisch-nerviges Chargieren komplettieren den schlechten Gesamteindruck.
Erst mit dem Drehen der „geschwedeten" Versionen nimmt der Film endlich Fahrt auf und weiß auf skurrile Art bestens zu unterhalten. Davon hätte es allerdings erheblich mehr geben müssen. Aber leider wandelt sich die bis dato vornehmlich spleenige Komödie am Ende zur oben beschriebenen rührseligen Underdog-Schmonzette, die in ihrer banal-kitschigen Ausrichtung weder zum subversiven Mittelteil noch zu den überzogenen Slapstickeinlagen des Anfangs passen will.

Wer den Abspann durchsteht, wird für den unausgegorenen Hauptfilm zumindest teilweise entschädigt. Denn dort findet sich ein Hinweis auf eine Internetseite, auf der man sämtliche „geschwedeten" Filme des anarchischen Regieduos bewundern kann. Wäre davon doch nur mehr im Hauptfilm zu sehen gewesen und hätte sich Gondry mehr auf diesen Aspekt konzentriert, was für eine abgedrehte und witzige Komödie hätte Be kind rewind werden können. So bleibt schließlich lediglich ein dissonantes Klanggemisch unterschiedlicher Tonlagen, oder um im Videojargon zu bleiben: ein uninspirierter Bandsalat.

(3/ 10 Punkten)

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