Hinter dem eisernen Vorhang, im Herbst 1956: Das ambitionierte ungarische Wasserball-Team bestreitet ein Match in der Sowjetunion - obwohl sportlich den Gastgebern deutlich überlegen, werden sie von einem korrupten Schiedrichter um den Sieg betrogen, der die ungarischen Tore unter dem Jubel der russischen Zuschauer eines nach dem anderen einfach abpfeift und zudem die grob unsportlichen Handgreiflichkeiten der sowjetischen Sportler ignoriert. Entsprechend sauer sind die Ungarn hinterher in der Kabine: "Die glauben wohl ihnen gehört die Welt" schimpft Hauptdarsteller Karcsi Szabó (Iván Fenyö) und trifft damit die Stimmung der meisten seiner Kameraden. "Sie gehört ihnen. Sie sind ein Weltreich" meint ein anderer dazu, "du solltest dich besser daran gewöhnen". Dann betreten drei russische Wasserballer die Umkleide der Ungarn: Arrogant und überheblich quatschen sie drauflos, russiche Sprachkenntnisse bei ihren Gegnern voraussetzend - die allerdings verstehen nur Bahnhof. Der eloquente Karcsi nutzt sofort die Gelegenheit, ihnen mit freundlichster Miene auf ungarisch zu antworten, wohl wissend daß seine Schimpftiraden ebenfalls nicht verstanden werden - so endet die skurrile Szene mit Händeschütteln und Umarmen fast freundschaftlich, bis Karcsis letztes Schimpfwort dann doch verstanden wurde - und schon ist eine Prügelei im Gang. Diese Begebenheit amüsiert Karcsi und seine Freunde auch noch auf der Rückfahrt im Zug, aber zuhause in Budapest wird er sofort vom dortigen Geheimdienst damit konfrontiert und gerügt - als sportlicher Hoffnungsträger erfährt er jedoch noch Schonung. Vorerst...
Mit diesen Szenen beginnt das ungarische Drama Children of Glory, und sie geben auch den Rahmen vor: Der vollkommen unpolitische Karcsi Szabó, ein flapsiger junger Bursche, intelligent, gutaussehend, meist am schönen Geschlecht interessiert, wird unvermittelt in die Wirren des ungarischen Volksaufstand hineingezogen. Dabei stellt der Film weniger auf die politischen Begleitumstände jener Zeit als vielmehr auf das zunächst zögerliche Handeln und die innere Zerrissenheit seines Hauptdarstellers ab: Karcsi soll sich auf seine sportliche Laufbahn konzentrieren und dem Geheimdienst nicht mehr negativ auffallen, wird ihm recht unverblümt mitgeteilt - eine Aufforderung, der er zunächst ohne größere Bedenken nachkommt, weil sie ihm logisch erscheint: als Sportler genießt er (geringe) Privilegien und für Politik hat er sich noch nie interessiert, die unsportlichen Russen... naja. "Wasserball und Weiber wird es immer geben" sagt sein bester Freund aus dem Sportler-Team, und mit solch einem Hang zum Opportunismus läßt es sich im real existierenden Stalinismus der Chruschtschow-Ära vielleicht tatsächlich am besten leben. Dann aber verliebt sich Karcsi in Viki Falk (Kata Dobó), die er fortan nicht mehr aus den Augen läßt. Daß Viki eine aktive Studentin ist, die sich als Rednerin und mit dem Verteilen von Flugblättern engagiert, erscheint ihm dabei als vernachlässigbarer Aspekt - er will sie erobern. Diesem Ziel ordnet er bedenkenlos seine bisherige politische Unbescholtenheit unter: Zuerst nimmt er an einer Demonstration teil (um in ihrer Nähe zu sein), später hält er auch (für die observierenden Geheimdienst-Schergen sichtbar) eine Fahne. Schließlich sagt er sich sogar von seinem Wasserball-Team los - wiederum nicht aus politischen Gründen, sondern aus Liebe zu seiner Viki. Obwohl die häßliche Fratze des Sowjet-Kommunismus immer mehr ihr Alltagsleben bestimmt, dauert es, bis Karcsi so etwas wie ein politisches Bewußtsein entwickelt. Als die neue ungarische Führung in vermeintlicher Übereinstimmung mit den Russen auf einige Forderungen der mittlerweile auf viele tausende Bürger angewachsenen Protestbewegung eingeht, besinnt er sich wieder auf seine sportlichen Talente und kehrt zur Mannschaft zurück: Die olympischen Sommerspiele in Melbourne stehen an und das Team braucht ihn. Jetzt, da sich die politische Lage beruhigt zu haben scheint, kann er Viki für ein Weilchen zurücklassen. Aber schon kurz nach der Abfahrt abends per Bus aus Budapest muss er die bittere Realität erkennen: Dutzende russische Panzer kommen ihnen entgegen - sie greifen Budapest an, wo das sowjetische Regime in den nächsten Tagen tausende ungarische Zivilisten ermorden wird...
Children of Glory ist jedoch trotz aller zeitgeschichtlich nachprüfbaren Umstände keine Dokumentation, sondern in erster Linie ein Liebesdrama. In opulenten Bildern und mittels durchaus aufwendiger Statistenszenen wird das Leben in Budapest zu jener Zeit geschildert, die Kamera zeigt durchaus unterschiedliche Perspektiven, oftmals in Panorama-ansichten, wie die Menschenmassen bei den Demonstrationen, aber auch im Kleinen und Privaten, wenn die Sportler von ihrer Auslandsreise einige begehrte Konsumgüter wie russischen Kaviar mitbringen und diesen in ihren Wasserbällen einnähen, um dem Zoll zu entgehen. Viele Details (Frisuren, Uniformen und allgemein Kleidung der damaligen Zeit wie auch Autos, Panzer, Uni-Säle und Geheimdienst-Paläste etc.) lassen die Mühe erahnen, mit der die Filmkulissen möglichst authentisch gestaltet wurden. Der die Geschehnisse wirkungsvoll unterstreichende Score tut sein Übriges, dieses ungarische Nationalepos zu emotionalisieren: Als Zuseher kann man gar nicht anders, als sich mit Karcsi zu solidarisieren.
Das Drehbuch zum Film schrieb der Hungaro-Amerikaner Joe Eszterhas (Flashdance, Basic Instinct), ansonsten entstand das Epos als nahezu rein ungarischer Film bezüglich Regisseurin, Darsteller, Drehorten, post-Production etc. Bemerkenswert scheint mir das völlige Fehlen moralischer Schuldzuweisungen, an keiner Stelle ist eine offene verbale Stellungnahme gegen das Sowjet-Regime und seine ungarischen Helfershelfer auszumachen, auch fehlen begleitende Texttafeln zum zeitgeschichtlichen Hintergrund oder eine Stimme aus dem Off, wie man es aus vergleichbaren Filmen kennt. Dafür sprechen die Bilder für sich: Als Karcsi direkt am Bahnhof vom Staatssicherheitsdienst ÁVH einkassiert wird und in einer gepflegten Limousine zu deren Palast gefahren wird, sieht er irritiert, wie ein Mann von mehreren Geheimdienstlern zusammengetreten wird - "Rattenbekämpfung" erläutert ihm sein staatlicher Begleiter dazu. Am Weg zum Verhörzimmer geht er an offenen Räumen vorbei, wo eine Frau erniedrigt wird, in einem anderen sieht er im Vorbeigehen einen an einen Stuhl gefesselten Mann von mehreren anderen misshandelt werden - dann redet der Verhörspezialist auf ihn ein, ihn zunächst mit Cola und Kaugummi umgarnend, um dann auf den Punkt zu kommen: "Niemals sollst du einen sowjetischen Genossen schlagen!" Später, als die Studenten vor einem Gebäude protestieren, kommt ein Sanitätsfahrzeug und die Weisskittel wollen Kisten ins Gebäudeinnere bringen - nur durch Zufall werden sie entdeckt: es sind verkleidete Geheimdienstler mit Waffen und Munition, um auf die unbewaffneten Demonstranten zu schiessen. Auch die spätere Perspektive aus den Sehschlitzen der sowjetischen Panzer, deren MG-Schützen erbarmungslos in die Menge schießen, dabei unzählige ungarische Zivilisten zerfetzen, bleibt unkommentiert. Vielleicht aber sind gerade diese eher beiläufig angerissenen Szenen, von denen es noch diverse andere gibt, das beste Mittel, das evil system Sowjet-Kommunismus darzustellen - die Conclusio muss der Zuschauer selbst ziehen. Andere historisch belegte Akteure, wie die Übergangsregierung des Reformkommunisten Imre Nagy (den die Russen hinrichten ließen) oder die ausbleibende Hilfe aus dem Westen wird nur ein einziges Mal in einem Nebensatz erwähnt.
In diesem Sinne endet der Film auch, wo er begann: In einem Becken beim Wasserball-Match. Diesmal in Australien, diesmal vor neutralerem Publikum, das die erneute Schiebung durch den Schiedsrichter diesmal nicht hinnehmen will, und auch die erneut äußerst unfair auftretenden russischen "Sportler" können den Triumph der ungarischen Wasserballer nicht verhindern - sie stehen auf dem Siegertreppchen ganz oben. Alles Weitere bleibt offen...
Dieser, auch heute noch das Selbstverständnis der Ungarn prägende Volksaufstand als Film-Thema ist allein schon sehenswert inszeniert - eine pointiertere Sichtweise auf die damals handelnden realen Personen wäre für den westlichen Zuschauer (für den dieser Film allerdings nicht gemacht wurde) an mancher Stelle sicher hilfreicher - auch hätte man gerne mehr über das weitere Schicksal von Karcsi und Viki erfahren. Bild- und tontechnisch braucht sich der hochglanzpolierte Children of Glory ohnehin vor keiner Hollywood-Produktion zu verstecken - zwei Stunden bester Unterhaltung sind jedenfalls garantiert. 8,4 Punkte.