Bei „Footsoldier“ darf man keinen reinen Hooliganfilm erwarten, sondern ein Gangsterporträt – auch die Erwähnung des Hooligantum im deutschen Untertitel hat ihre Berechtigung.
Denn mit Fußball fing alles an, wie Hauptfigur und Off-Erzähler Carlton Leach (Ricci Harnett) zu Beginn des Films anmerkt. Freilich geht es Leach und seiner Truppe weniger um die Spiele, um der Randale willen schafft es teilweise nicht mal auf die Tribüne. Saufen und Prügeln als Freizeitkultur, in die sich Carlton bereits mit 16 eingliedert. Selbst zu seiner Hochzeit erscheint mit frisch zerdeppertem Gesicht. Auf unheimlich stimmige Weise führt „Footsoldier“ seinen Hauptcharakter ein, mit flotten Punk- und Hardrocksongs unterlegt.
So bekommt Carlton einen Job als Türsteher, kann bald sogar seine eigene Türsteherfirma gründen, wobei er natürlich bevorzugt alte Hooligankumpel einstellt. Bald beschützt seine Firma auch Gangster, womit Carlton immer tiefer ins kriminelle Milieu absteigt...
„Footsoldier“ wirkt beinahe wie eine Brit-Variante von „Scarface“, wenngleich Leach bei weitem nicht so hoch aufsteigt wie Tony Montana. Er ergattert einen gewissen Status, doch er bleibt immer eine Art Handlanger oder Kumpeltyp für die wahrhaft führenden Figuren des kriminellen Milieus. Tatsächlich hat „Footsoldier“ sogar Biopic-ähnliche Züge, denn es wird unter anderem eine Theorie um einen tatsächlichen Mordfall in England gesponnen. Den Zeitgeist der jeweiligen Epoche fängt „Footsoldier“ auch stets adäquat ein, beginnend 1975 und mit Ende der bebilderten Zeit 1995. Texttafeln erklären das weitere Verbleiben diverser Figuren.
Hierin liegt auch ein Kritikpunkt, den sich „Footsoldier“ gefallen lassen muss: Durch das stetige Springen in der Zeit werden einige Aspekte kaum vertieft. Der anfangs vorgestellte Hooliganheld, von dem Carlton erzählt, hat nach wenigen Filmminuten keine Bedeutung mehr, welche Bedeutung die Scheidung von der ersten Frau für Carlton hat, wird auch nicht so recht klar usw. Im punkto Frauenbild ist „Footsoldier“ auch etwas reaktionär, wobei dies vielleicht auch nur eine Bebilderung dessen ist, was die patriarchische Gangstergesellschaft in weiblichen Personen sieht.
Davon abgesehen funktioniert „Footsoldier“ aber als wunderbarer Gangster- und Zeitgeistfilm. Äußerst stimmig wird jede Episode in Leachs Leben eingefangen, jede weitere Stufe in seinem Gangsterdasein bebildert, womit sich der bis jetzt wenig bekannte und wenig erfahrene Regisseur Julian Gilbey für größere Projekte empfiehlt. Vor allem das Verhältnis zu einem fast väterlichen Gangsterkollegen spielt eine immer stärkere Rolle, denn um diesen und zwei seiner Kumpane geht es im letzten Drittel fast ausschließlich, während Carlton hier mehr als Erzähler fungiert – was dem konsequent aufgebauten Spannungsbogen aber keinen Abbruch tut.
Wie so viele Gangsterfilme ist „Footsoldier“ auch ein gewalttätiger Film und auch für sein Genre durchaus heftig. Jedoch ist keine einzige Bluttat selbstzweckhaft im Film, stets reflektieren sie das jeweilige gefährliche Milieu, was man auch an der Inszenierung merkt: Schnell geschnittene, mit hin und her schnellender Handkamera gefilmte Hooliganschlägereien, dafür klare, unangenehme Bilder von Folter und Exekutionen unter Drogenhändlern.
Das Gelingen von „Footsoldier“ ist zum Großteil allerdings auch Ricci Harnett zuzuschreiben, der die Hauptfigur mit ungeheurer Präsenz spielt. Sein Carlton Leach ist ein Schläger, keine freundliche Natur, aber auch kein Unsympath, denn im Gegensatz zu anderen Gangster kennt er noch Werte und Prinzipien, setzt sich auch für andere ein. Craig Fairbrass als brutaler, auf dem absteigenden Ast befindlicher Gangster ist ebenfalls großartig und auch kann das Ensemble mit durchweg überzeugenden Performances aufwarten.
Gelegentlich wünscht man sich etwas mehr Vertiefung, doch trotz dieses Mankos ist „Footsoldier“ ein ausgesprochen stimmig bebilderter, nach bekannten Mustern ablaufender Gangsterfilm. Neben der Inszenierung, dem herrlichen Fluch-Dialekt (deshalb unbedingt im O-Ton schauen) und den tollen Besetzung ist vor allem der anfängliche Einblick in die Hooligan-Szene Englands ein Grund, der „Footsoldier“ so sehenswert macht. 7,5 Punkte meinerseits.