Review

HOMO HOMINI LUPUS EST

Dieser Film ist zunächst und oberflächlich betrachtet der Versuch, verschiedene Erfolgsrezepte zu vereinen, die in der jüngeren Vergangenheit Besucher ins Kino lockten. Da findet sich die hippe Coolness der Figuren, wie sie Danny Boyle ins britische Kino eingeführt hat, die moderne Variante der Apokalypse durch viral infizierte Briten, wie sie ebenfalls Danny Boyle etablierte, angereichert durch einen Authentizität vorgaukelnden Erzählstil mit Wackelkamera und scheinbar roher Montage der Bilder. Diesen Stil kennen wir aus den amerikanischen Produktionen The Blair Witch Project und Cloverfield sowie dem [REC.] - bloß dass die beiden letzteren aus 2007 und 2008 stammen und The Zombie Diaries ihnen somit vorausging. Der dokumentarische Gestus im Horrorgenre ist eine recht junge Entwicklung und so muss man dem Film zugestehen, sieben Jahre nach The Blair Witch Project doch zu den Pionierarbeiten auf diesem Gebiet zu gehören. Die genannten Filme greifen auf, was bereits in Orson Welles' Citizen Kane oder Woody Allens Zelig an dokumentarischem Stil ins Erzählkino übertragen wurde, und modernisieren die Bildästhetik durch Bezug auf die globale Verfügbarkeit von Bildern und Videos in Zeiten von Handy und Internet. War es bei Zelig noch das öffentlich-rechtliche, professionell-vertrauenswürdige Fernsehen (den Voice-Over der deutschen Synchronisation sprach damals Ulrich Wickert, der dem Film mit seiner Autorität als Journalist ebenso Glaubwürdigkeit verlieh, wie die integrierten Interviews mit Saul Bellow oder Susan Sontag), so sind es inzwischen gerade die unprofessionellen, schnappschussartigen Bilder, die durch ihre Privatheit Glaubwürdigkeit hervorrufen. Der Dilletantismus wird höchst professionell rekonstruiert, um dem Kino zu einer neuen Form der Illusion zu verhelfen.

Eindeutige Referenzen für den Film sind die Erzählweise von The Blair Witch Project und der Plot von 28 Days Later. Ein Virus geht um in Britannien, die Infizierten torkeln auf die noch Gesunden zu und beißen hinein. Das ist nichts Neues und was die Darstellung der Zombies angeht leider auch wenig furchteinflößend, denn sie gehören zu der traditionell einfach zu langsamen Variation der Wiedergänger. Ein beherzter Sprung seitwärts sollte die Lebensgefahr deutlich mindern - denkt man, doch die Protagonisten des Films organisieren bewaffneten Widerstand, um mit gezielten Kopfschüssen die Untoten zu töten, daher keine Jugendfreigabe. Besonders blutig wird das auch nicht, es handelt sich keinesfalls um Splatter, es geht dem Film um etwas anderes. Im Mittelpunkt steht der angegriffene und überlebende Mensch, das Weltuntergangsszenario, der aus den Fugen geratene Alltag, und am Ende, soviel sei hier gesagt, entpuppt sich der lebende Mensch als das weitaus größere Monster. Zombies sind per definitionem Marionetten: eines Voodoozaubers oder eines Virus, das ist unerheblich. Sie sind demnach zwar schrecklich, aber schuldlos. Der Mensch hingegen hat seinen freien Willen und umso schrecklicher werden seine boshaften Taten: der Mensch trägt die Schuld, nicht zuletzt auch die Verantwortung für die modernen Seuchen, auf denen die modernen Zombieinvasionen des Kinos basieren.

The Zombie Diaries erzählt dies nun mit handgeführter Kamera, Reißschwenks, drop-outs, Nachtsicht und so weiter. Und zum größten Teil kann diese Inszenierung überzeugen. Die Darsteller machen ihre Sache scheinbar spontan und somit gut. Übrigens ist gerade bei diesen fake-documentaries O-Ton angesagt – die Synchronisation der Dialoge tötet den größten Teil von gut gespielter „Echtheit“ vollkommen ab! Erst bei genauerem Hinsehen zeigen sich die problematischen und Unstimmigkeit hervorrufenden Momente einer solchen Erzählweise (insbesondere einige Schnitte sind denn doch eindeutig der üblichen Action-Gestaltung geschuldet, beispielsweise wenn eine Zombie-Erschießungsszene in klassische Schuss-Gegenschuss-Struktur aufgelöst wird). Wo The Blair Witch Project und Cloverfield sich gekonnt durchgemogelt haben, bleibt The Zombie Diaries ähnlich wie [REC.] auf halbem Wege stecken und erliegt bisweilen den Tücken der Erzählweise. Insbesondere führt die Filmmusik das Konzept ad absurdum: offenbar traute man sich am Ende doch nicht, hier die Bilder für sich sprechen zu lassen, sondern unterfütterte ihre emotionale Wirkung mit einem zwar nicht sehr auffälligen, aber doch die Fiktion des Dokumentarischen brechenden Score.

Nichtsdestotrotz ist der Film aber eine interessante und mutige Abwechslung zum traditionellen (Genre-) Kino, und das nicht nur durch das Kameragewackel, sondern auch durch ein ungewöhnlich gebautes Drehbuch. Denn der Film wird nicht durchgängig aus einer einzigen (fiktiven) Bildquelle heraus erzählt, sondern besteht aus drei Geschichten, Perspektiven oder wenn man so will Tagebüchern. Wir bekommen das Material einer Londoner Filmcrew, einer kleinen Gruppe Ausflügler und einer bewaffneten Rotte Überlebender zu sehen. Durch Zeitsprünge erlebt der Zuschauer so auch den Verlauf der Epidemie vom ersten Auftauchen des Virus auf britischem Boden bis zu den letzten Tagen der Seuche. Und, was noch wichtiger ist, die drei Teilerzählungen stehen in einem Zusammenhang, der insbesondere am Schluss diesen Zombie-Film auf seine gesellschaftskritische Ebene bringt: Homo homini lupus est – siehe oben. Und nun zeigt sich auch, dass der erste Eindruck eines billigen Eintopfes bewährter Zutaten diesem Film Unrecht tut. Mag sein, er ist kein Meisterwerk. Mag sein, manches ist nicht neu. Und mag sein, da sind zu wenig Zombies – aber der Film ist ambitionierter als man zunächst denkt. Gerade die Handkamera hat es mitunter schwer sich bei vielen Kinogängern gegen den Eindruck, das sei doch alles simples „Abgefilme“, zu etablieren. Eine völlig irrige Annahme und gerade auch in diesem Film wird es sichtbar: um einen Film derart zu inszenieren bedarf es genauester Planung. Und The Zombie Diaries bemüht sich sogar, an diesem Punkt nicht stehen zu bleiben, sondern darüber hinaus eine clevere, nicht-lineare Konstruktion zu liefern, mit der dem tausendsten Zombie-Film doch noch etwas abgewonnen wird.

Details
Ähnliche Filme