Review

„Dieses Haus ist ein Dreck!“

Fabrizio Laurenti („The Crawlers“) begann zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt seine Karriere als Regisseur: Als sein Debüt „Witchcraft – Das Böse lebt“ 1988 in italienisch-US-amerikanischer Koproduktion umgesetzt wurde, war vom Glanz vergangener italienischer Filmtage nicht mehr viel übrig und Schnell- und Pornokurbler wie Joe D’Amato („Porno Holocaust“) erhielten mit eigenen Produktionsfirmen wie „Filmirage“ den Genrefilm mehr schlecht als recht aufrecht. Der vorliegende Film wurde sowohl als weitere „Tanz der Teufel“-Möchtegern-Fortsetzung „La Casa 4“ vermarktet als auch als „Ghost House 2“ und „Ghosthouse 5“. Alles Kokolores, denn wie auch Lenzis im gleichen Jahr erschienener „La Casa 3“ alias „Ghosthouse“ handelt es sich um einen eigenständigen Film. Und was diesen besonders interessant macht, ist seine Besetzung: Linda Blair („Der Exorzist“), David Hasselhoff („Knight Rider“) und Hildegard Knef („Die Sünderin“)!

Fotograf Gary (David Hasselhoff) sucht mit seiner Freundin Leslie (Leslie Cumming, „Killing Birds“) ein altes Haus auf einer Insel vor der Küste Neuenglands auf, wo sie Nachforschungen in Bezug auf paranormale Phänomene anstellen wollen – das Gebäude war nämlich einst Schauplatz einer tödlich ausgegangenen Hetzjagd auf eine angeblich vom Teufel schwangere Hexe, die seither dort herumspuken soll. Zuletzt habe eine alte Filmdiva dort gelebt, doch seit geraumer Zeit steht das Haus leer. Leslie und Gary treffen schließlich auf die schwangere Jane (Linda Blair), ihren kleinen Bruder (Michael Manchester) und deren Eltern (Annie Ross und Robert Champagne), die das Haus kaufen möchten und deshalb auch ihren Immobilienmakler mitsamt Freundin (Catherine Hickland, „Ghost Town“) dabeihaben. Doch tatsächlich sorgt eine unheimliche, schwarzgewandte alte Hexe (Hildegard Knef) dafür, dass niemand mehr die Insel verlassen kann – höchstens im Sarg.

„Bei mir verursacht dieses Haus eine Gänsehaut!“ – „Machen Sie sich keine Sorgen, die Heizung kann im Handumdrehen repariert werden!“

Was zur Hölle macht Powerlocke The Hoff in einem italienischen End-‘80er-Horrorschinken?! Nun, er versucht, als Gary sein Jungfräulein Rührmichnichtan alias Leslie herumzukriegen („Du musst doch zugeben, dass Jungfräulichkeit einfach nicht normal ist!“) und sich so lange wie möglich gegen die finsteren Mächte zu behaupten. Und damit meine ich jetzt nicht D’Amato, Laurenti & Co. und erinnere gern daran, dass Hasselhoff auch schon bei Luigi Cozzis kultiger „Star Wars auf italienisch“-Sci-Fi-Trash-Sause „Star Crash“ mit von der Partie war und 1985 dem US-TV-Horror „Terror at London Bridge“ zur Verfügung stand. Dass er irgendwann zwischen „Knight Rider“ und „Baywatch“ in „Witchcraft“ landete, ist dennoch nicht unbedingt selbstverständlich und stellt ebenso ein Kuriosum dar wie die Beteiligung der großen deutschen Schauspielerin Hildegard Knef („Die Sünderin“), die hier etwas überschminkt die böse Hexe mimen darf, dabei nicht allzu viel zu tun bekommt und leicht fehl am Platze, fast schon bemitleidenswert wirkt. Etwas weniger überraschend ist die Verpflichtung Linda Blairs, die nach „Der Exorzist“ mehr oder weniger regelmäßig in Genre-B-Produktionen auftauchte. Kann ein Film angesichts dieses Darsteller-Ensembles der übliche Italo-Spät-‘80er-Horror-Schlonz sein? Ja und nein.

Zunächst einmal zeigt uns „Witchcraft“ eine aufregend gefilmte Hetzjagd des Mobs auf eine Frau – die sich als Alptraum entpuppt, jedoch die, nun ja, „Hintergrundgeschichte“ abgebildet haben dürfte. Die gute bzw. böse Knef erscheint zunächst immer wieder in irgendwelchen Spiegelungen, was zumindest schon einmal für eine grundsätzlich willige Kameraarbeit spricht, und das Himmelfirmament verzückt mit seltsamen Lichtspielen. Los geht der tödliche Reigen damit, dass der Kapitän, der die hauskaufwillige Familie auf die Insel brachte, sich nach seiner Begegnung mit der Hexe in erhängtem Zustand wiederfindet und somit nicht mehr fahrtüchtig ist. Jane hat derweil die Vision eines gegrillten Embryos und der Zuschauer erfährt, dass auf der Insel früher regelmäßig Hexenverbrennungen stattgefunden haben sollen. Während die Handlung so ein bisschen vor sich hindümpelt, immer wieder unterbrochen durch Knef’sche Kurzauftritte, hält sie doch auch einige Fiesheiten parat, die es in sich haben: So wird beispielsweise der Familienmutti vom Rest unbemerkt der Mund zugenäht, sie in den Kamin gehängt und unfreiwillig geröstet, als die Anwesenden nichts Böses ahnend denselben anfeuern. Ein 8-mm-Projektor beginnt selbständig ein Band abzuspielen und der Makler und seine blonde Bettgespielin geraten während des Vorspiels in einen Visionenstrudel, der zeigt, wie sie von Hexen gefesselt und wie er gekreuzigt wird. In der Realität taucht sie indes erstochen wieder auf und Leslie wird in einer starken, sehr eindringlichen Szene im Traum vergewaltigt. Der Makler findet sich in der Realität an einem brennenden, umgedrehten Kreuz wieder. Das erinnert alles an Wes Cravens „Nightmare on Elm Street“-Reihe und wertet den eigentlich nicht sonderlich spannenden Film deutlich auf. Hexe Knef (entschuldige, Hildegard…) beginnt, auch noch mit Voodoo herumzuhexen und bringt so Mr. Brooks zur Strecke.

Atmosphärisch ist „Witchcraft“ über weite Strecken überraschend ok, wenn auch sicherlich nicht die ganz große Gruselnummer. Interessante Kleinigkeiten tragen ihren Teil dazu bei und auch, wenn die Geschichte aus allerlei Genre-Vorbildern zusammengeklaubt wirkt, ist doch noch immer mal wieder eine eigene Kreativleistung erkennbar. Die Motive der Hexe werden mit Lust, Habgier und Zorn erklärt und dass der Film damit quasi posthum die Hexenverfolgung rechtfertigt, ist etwas schwach, sollte aber nicht überbewertet werden. Etwas trashig wird es, wenn die Hexe die Gestalt Janes annimmt – bis auf die Frisur… und die Rolle, die der Sesamstraßen-Kassettenrekorder des kleinen Tommy einnimmt, sollte besser auch nicht auf ihren Logikgehalt hin abgeklopft werden. Die Dialoge laden mitunter zum Schmunzeln ein, was zumindest zum Teil durchaus beabsichtigt gewesen sein dürfte. Auf ein seltsames, reichlich abruptes Ende folgt noch eine nette, aber nicht neue Pointe und setzt damit den Schlusspunkt hinter eine gar nicht einmal so sehr neben der Spur liegende, bisweilen überraschend gelungene und dankenswerterweise wesentlich weniger langweiligen Spukhaus-Sause als beispielsweise Lenzis „Ghosthouse“, die natürlich nicht allzu ernstgenommen und im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden sollte. Und wann bekommt man schon einmal eine solche Darstellerriege präsentiert?

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