Brillant. Böse. Packend. Perfide. Eiskalt. Extrem. Radikal. Roh. Bizarr. Brutal. Grausam. Genial. (Trailer O-Ton) Willkommen in der Welt von Michael Haneke.
Wir schreiben das Jahr 1997. Das Ehepaar Anna und Georg bezieht mit ihrem Sohn das Ferienhaus am See Quartier. Doch das idyllische und wohlgesinnte Familienleben wird abrupt zerstört – durch Peter und Paul. Zwei junge Männer, die mit ihren weißen Handschuhen die Konventionen der Medienwelt auf den Kopf stellen wollen. Ein Werk, ganz im Interesse des Zuschauers. Das Ehepaar wird bis zur Unerträglichkeit gepeinigt und gefoltert, wobei die schlimmsten und grausamten Folterungen lediglich im Kopfe des Zuschauers stattfinden. Haneke wollte einen kontroversen, nihilistischen Gegenentwurf zur omnipräsenten Gewaltdarstellung im Film erzeugen. Ohne es zu wollen, wird der Zuschauer fast zwangsweise in die Aktion hineininvolviert – und darf indirekt sogar mit entscheiden, wie der Verlauf fortgesetzt werden soll.
Ein Film, der im Erscheinungsjahr für Aufruhr sorgte. Entmystifizierte Gewaltverherrlichung wurde dem Werk vorgeworfen, die satirischen Elemente jedoch ganz bewusst außer Acht gelassen. Nichts desto trotz bildete sich eine kleine Fangemeinde um den Film, die jenes Werk bis auf die unwichtigste Kameraeinstellung auseinander pflückten und teilweise irrsinnige Interpretationen hervorbrachten.
Nun wollte es aber Michael Haneke wissen, und sein Werk dem US-Markt erträglich zu machen. Auch wenn das US-Remake, welches gleichwohl teilweise mit europäischem Geld finanziert wurde, eine 1:1 Kopie des Originals ist, hat er noch Überraschungen offen – und ist eben nun auch für die interessant, die grundsätzlich dem europäischen Kino skeptisch gegenüber stehen.
Wir schreiben das Jahr 2007. Eine Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Kind, fährt in Richtung Ferienhaus, um dort 1-2 Wochen Urlaubt zu halten. Während der Fahrt wird jeweils geraten, welche klassische Musik gerade zu hören ist. Das Ehepaar schlägt sich gut, sie scheinen auf dem klassischen Musikgebiet Ahnung zu haben. Ihr Sohn sitzt hinten, scheint fröhlich und gut gelaunt zu sein. Die musikalischen Untermalungen von Wolfgang Amadeus Mozart und Georg Friedrich Händel unterstreichen das idyllische und wohlgesinnte Familienleben. Prompt setzt Musik ein, die dem der Kategorie Rock’n’roll zuzuweisen ist. Die Credits sind zu sehen. Wer hat was geschnitten, wer hat die Kamera bedient, wer hat Geld gezahlt und wer geschrieben. Das Ferienhaus. Es ist groß und sieht sehr einladend aus. Geldmangel scheint das Paar nicht zu haben. Es werden schon neue Bekanntschaften geschlossen. Mit Peter und Paul. Die zwei jungen Herren sind weiß gekleidet, tragen sogar weiße Handschuhe und sind von extrem höflicher Statur. Eine kritische oder anmaßende Haltung gegenüber ihnen würde nicht ihn deren Weltbild passen. Laut ihren Kriterien müssen alle höflich sein und Anstand haben. Wer sich nicht daran hält, wird bestraft. Eine Bestrafung, von gerade zu widerlichem Luxus. Dem Publikum angepasste Strafe. Ein Film, der nur existiert, weil es der Zuschauer so will.
Keine Eier mehr!
Peter möchte sich Eier ausleihen, doch aufgrund seiner Unvorsicht lässt er sie beim ersten Versuch fallen. Auch der zweite Versuch war ein Schuss ins Leere. Selbst der dritte ging nach hinten los, da Peter anscheinend panische Angst vor Hunde hat. Hanekes egozentrische Selbstverliebtheit beginnt. Es werden zwei von außen sehr höflich und unschuldig agierende Protagonisten eingeführt. Das sie dabei Hausfriedensbruch begehen, scheint ihnen nicht bewusst zu sein. Oder sie wollen es nicht wahrhaben. Haben wir so eine Szene nicht schon oft gesehen? Nur in den verschiedensten Variationen? Eine Person betritt die Szene, man kreidet ihr anfangs keine Unverschämtheit an. Sie möchte sich etwas leihen oder sich erkunden. Doch dabei bleibt es nicht. Die mysteriöse Person ist eine bestimmte Person. Sie bestimmt den Verlauf des Films. So auch hier. Sobald auch der Vater und der Sohn das Haus betreten, hat das Spiel schon begonnen. Und das Publikum sind wir. Der Vater wird unverschämt, ohrfeigt Paul aus einem an sich akzeptablen Grund – und als Dank, wird er mit dem Golfschläger nieder geschlagen. Ein Szenario, das auch nicht unbekannt vorkommen mag. Doch was genau will Haneke damit bewirken? Es gibt im Grunde keine Story, rein logisch zusammenreimender Roter Faden, auch keine absolute Identifizierung der Parteien – egal welcher. Haneke hat – um es mal etwas überheblich zu bezeichnen – einen Arschloch-Film gedreht. Die Charakterisierung ist ihm egal, die Gründe sind ihm egal, die Motive sind ihm egal, einen plausiblen Fortgang der Story ist ihm egal – was er will, ist das Leiden zu zeigen. Er will Brutalität gepaart mit immenser Höflichkeit zeigen. Kalt, direkt und ohne Kompromisse. Daher der Begriff „Arschloch-Film“. Aber wieso? Was hat Haneke dazu geritten, nur sinnlose Gewalt zu fabrizieren? Moment! Sinnlos? Wer sprach von sinnlos? Wieso soll ein Film, der nur das zeigt, was befriedigt, gleich von jeglichem Sinn entbehrt sein? Vielleicht steckt dahinter mehr Offenbarung als man anfangs vermutet. Und so ganz ohne Halt ist der Film auch nicht. Peter und Paul tragen den Film. Vom Anfang bis zum Ende. Sie repräsentieren alles in einem. Sie sind das Klischee, sie sind die Versuchung, der Hass, der Neid, der Regisseur – ja selbst das Publikum sind sie. Und Moderator.
„Er soll sich die Hose ausziehen und hinsetzen. Bringen Sie ihm einen Stuhl!“
Eine typische Regieanweisung, nur einem anderen dialoggerecht in den Mund gelegt. Solche Anweisungen werden im ganzen Film über auftauchen und symbolisieren die Abweisung der Zuordnung. Haneke verweigert sich insgeheim ein Werk als einen gewöhnlichen Film abzuspeisen. Er lässt seinen Film wie einen Film laufen. Es ist nicht die typische Film-im-Film-Geschichte sondern hier wird im Film tatsächlich der eigentliche Film gezeigt. Die Protagonisten sind genauso überrascht davon wie der Zuschauer, allerdings weiß der Zuschauer schon von vorne rein, um was es geht, sich jedoch nicht ausmahlen kann, was der Grund und die Darstellung bezwecken soll. Da das Ehepaar sich sehr (wohl gemerkt absichtlich!) klischeehaft verhält, haben auch die Täter einfaches Spiel, ihr „Ding“ durchzuziehen – genauso wie der Zuschauer, der als Mittäter abgestraft wird. Haneke wollte das Publikum schon immer lieber bestrafen als zu belohnen. Aufgrund der Tatsache, dass sich Paul mehrmals der Kamera zuwendet und Dinge fragt wie „Sie wollen doch auch wissen, wie’s weitergeht, oder?“, überträgt er die Mitschuld an den grausamen Machenschaften ganz automatisch auf die Zuschauer. Wer von jetzt an nicht wegzappt oder ausschaltet, wird Zeuge und Täter der Folterungen. Ein kluger, aber auch recht gewagter Zug, das Publikum mit einzuvolvieren. Dem Publikum wird die Schuld zugeschoben, sie sollen dafür haften, was nun geschehen wird. Dieser simple Effekt rettet Haneke aus der brenzligen Lage, Stellung zu seiner Faszinierung gegenüber Gewalt zu äußern. Während er es schier genießt, seine Figuren Leiden zu sehen, wird das Publikum umso mehr belastbar gemacht – und das führt zu einer immensen Verstörung, wie sich wirklich nur Haneke hinbekommt. Der Zuschauer als Täter. Keine wirklich neue Idee, aber noch nie wurde dieser Grundgedanke so konsequent und ohne Widersprüche durchgesetzt.
Unterschätzen Sie nicht das Publikum!
Eine Aussage, die nun wohl jedem klarmachen soll, was genau abgespielt wird. Wer sich an der Stelle dabei ertappt, den Tod des Ehepaars zu bedauern, kann sich nach diesem Satz gleich schämend in die Ecke stellen. Haneke ist dann gelungen, was er fabrizieren wollte. Das seine Gewalt jedoch nicht harmlos ist, macht diese Belastung umso unerträglicher. Auch wenn die meisten Schreie und Todesstiche im Off stattfinden, wirken sie umso nachhaltiger, wenn man dabei zusieht, wie einer der Peiniger sich lässig und ohne Emotionen etwas zu Essen holt und dabei noch mit höflicher Statur fragt, ob noch jemand etwas haben möchte.
Doch warum Haneke das Kind umbringen musste, hat eine ganz simple Erklärung. An dieser Stellung werden wahrscheinlich die meisten abgeschaltet haben, weil sich das keiner Moral mehr verpflichtet fühlt. Doch wer sprach hier von Moral? Haneke ist ein Arschloch, Moral ist ein Fremdwort. Er ist das Arschloch, was das Arschloch ihn uns allen hevorrufen möchte. Er ruft auf, mitzufiebern, mitzulachen und mitzuentscheiden. Denn selbst den Humor konnte er sich nicht verkneifen. In gerade zu absurd-bestialischen Situationen wird diese Brutalität durch lockeren, jedoch staubtrockenen Humor entschärft. Wer sich hier wieder erwischt, mitzuschmunzeln, kann sich gleich nochmals in die Ecke schämend stellen!
Es ist ein Film, der uns das zeigt, was wir im Endeffekt sehen möchten. Ohne den Schnickschnack wie Vorgeschichte, unnötige Charakteraufarbeitung – oder gar ein Motiv, dass dann das Grauen verharmlos. Also wirklich! So was brauchen wir nicht. Anstatt eines eindeutigen Motivs werden hier verschiedene Varianten der Vorgeschichte präsentiert. Ist Peter nun aus der Unterschicht und verkehrt mit seiner Mutter? Oder lebt er alleine mit seiner Mutter, welche sich von ihrem Mann scheiden ließ? Ist er gar der verwöhnte Bengel, aus der Oberschicht? Entscheiden Sie! Welche Lösung halten Sie für plausibel und befriedigend?
Am Anfang wird man gar direkt gefragt, für welche Partei man sich entscheidet. Für das Ehepaar oder das der „Verrückten“? Es ist im Grunde ganz egal, denn Peter und Paul sind Gott in diesem Spiel. Wenn ihnen etwas nicht passt, wird einfach mal schnell zurückgespult, und das im wahrsten Sinne des Wortes!
Peter und Paul ist keiner und wir alle. Wer sich in einer der beiden nicht wiedererkennt, ist entweder ein Lügner oder will es nur nicht wahrhaben, dabei ertappt zu werden, wie man doch klammheimlich die banale Brutalität in Filmen glorifiziert. Hanekes Werk ist in dem Sinne kein Film, es ist viel mehr eine Spaltung der Filmklischees sowie deren Liebe zur Gewalt. Wer hat nicht schon mal in einem typischen Thriller erhofft, der Gute wird nun in jener brenzligen Situation zu Grunde gehen – doch alles wendete sich zum Guten? Haneke befriedigt die Lust zur (sinnlosen) Gewalt – und das gerade bei dem Film viele Leute „Gewaltverherrlichung“ schrien ist nur ein weiterer Punkt dafür, nicht dazu zu stehen, Gewalt im Film zu lieben. Wie sagte einst Quentin Tarantino? „Film und Gewalt gehört zusammen! Es ist viel interessanter zu sehen, wie ein Auto explodiert, als wenn es einparkt!“
Darauf ein Amen. Halleluja, was für ein Film…äh…was für ein Arschloch!
Selbst nach 8 (!) Seiten Notizen auf DIN A 4 Blättern, mehrmaligen Anschauen des Films (heute 3 mal) und 2 1/2 Liter Apfelsaft gelingt es mir (vorerst) nicht, eine Wertung abzugeben...