Warum kann sich Steven Spielberg nicht endlich mal durchringen einen ambivalenten Film zu drehen der seinem historischen Hintergrund auch gerecht wird? Waren seine ersten ernsten Geschichtsstunden „Die Farbe Lila“ (1985) und „Das Reich der Sonne“ (1987) noch wirklich sauber inszenierte Hollywood-Dramen, so begab sich der kommerziell erfolgreichste Regisseur aller Zeiten spätestens mit „Schindlers Liste“ auf sehr dünnes Eis. Vor seinen (zugegeben technisch und atmosphärisch genialen) Aufarbeitungen des Zweiten Weltkriegs „Saving Private Ryan“ oder auch „Band of Brothers“ inszenierte Spielberg mit „Amistad“ ein in Deutschland relativ unbeachtet gebliebenes Projekt.
Wahrscheinlich liegt es an der mangelnden historischen Identifikation des deutschen Publikums, denn „Amistad“ beschäftigt sich mit der Sklaverei, dem wohl dunkelsten Kapitel in der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten. Die Amistad-Prozesse, auf denen der Film basiert, fanden wirklich statt und beeinflussten durch große Präsenz in den Medien entscheidend die Abschaffung der Sklaverei. Genau das richtige Thema also um anhand eines exemplarischen Ereignisses, dem Sklaven-Aufstand auf der Amistad, ein kraftvolles Film-Epos zu schaffen.
Spielberg will sein Publikum von Anfang an mitreißen und beginnt, ähnlich wie in „Saving Private Ryan“ mit brachialer Gewalt. In verregneten Bildern werden wir Zeuge einer blutigen Meuterei auf einem Sklavenschiff, auch ohne gesprochene Worte fällt es sehr leicht in den Film einzusteigen und die Situation trotz schneller Schnitte zu überblicken. Hier zieht der Film bereits alle Register, zeigt plakative Blut-Fontänen und will somit ganz offensichtlich direkt das Publikum emotional einbinden. So weit, so gut – nach einer Irrfahrt fallen die Aufständischen der amerikanischen Justiz in die Hände und „Amistad“ entwickelt sich zu einem lupenreinen Gerichtsfilm ohne jegliche Innovationen.
Viele Sequenzen sind in der seltenen Sprache Mende abgedreht, Untertitel erscheinen in diesen Szenen allerdings nicht, somit verkommt die aufwendige Arbeit der Darsteller, der Spracherwerb, nur ansatzweise zur Geltung, den Realitätsanspruch unterstützt dieses Stilmittel aber ganz gut, ähnlich wie es Mel Gibson in seinen letzten beiden Filmen versuchte. Die Kostüme und die aufwendigen Sets sind hervorragend gestaltet, fangen die Stimmung der gezeigten Epoche wunderbar authentisch ein, auch wenn sich einige kleine Fehler eingeschlichen haben. Wie immer stand Spielberg ein hohes Budget zur Verfügung, welches für eine angemessene Realisation bürgt; an den eklatanten Schwächen des Films ändert das alles herzlich wenig.
Sicher sind die Bilder von Kameramann Kaminski wirklich stilvoll fotografiert und sorgen gemeinsam mit dem perfekt getimten Schnitt und der voluminösen Musik von John Williams für einen positiven Gesamteindruck. Die Schwächen liegen weder am Cast noch an der Crew, einzig und allein bei Spielberg und dem flachen Drehbuch von David Franzoni („King Arthur“, „Gladiator“). All die sorgfältig aufgebaute Seriosität, das mühevoll erkämpfte emotionale Interesse des Zuschauers, selbst die einwandfreie Optik – keiner dieser Aspekte kann allerdings ein so vereinfachendes und pathetisches Skript aufwiegen. Auch wenn wir aus „Schindlers Liste“ wissen welche Schwäche der alte Spielberg für kitschige Dialoge hat, so bleibt sein salopper Umgang mit historischen Vorlagen (noch dazu wenn man sich solch sensibler Thematiken wie der Sklaverei oder dem Holocaust annimmt) in hohem Maße gefährlich. Spielbergs Filme fördern durch ihre naive Weltanschauung nur Halbwissen und Stammtischmeinungen, mehr als an der Oberfläche kratzt er niemals – das könnte ja Feinde machen oder (noch viel wichtiger) Oscars kosten.
Gerade weil Spielberg sein Thema so ernst nimmt und vom Zuschauer Betroffenheit und Mitgefühl unbedingt fordert, stößt der inkonsequente Umgang mit den historischen Fakten doppelt bitter auf. Denn wenn man einfach Informationen unter den Tisch fallen lässt und die Charaktere derartig schablonenhaft ausfallen, dann sollte man sich überlegen ob man sich doch so weit aus dem Fenster lehnen sollte. Wenn Spielberg nicht den Mut besitzt die Ambivalenzen seiner Figuren heraus zu stellen und er stattdessen auf schwarz/weiß-Malerei setzt, dann wirkt „Amistad“ leider nicht realistischer und lebensnäher als das Märchen „E.T.“.
Was den Film vor dem Totalausfall rettet sind die schauspielerischen Leistungen, Dijomon Hounsou wirkt idealbesetzt und drückt in seiner Mimik und Gestik treffend die Qualen, Entsagungen und die Unmenschlichkeit der Sklaverei aus. Sein Spiel berührt den Zuschauer denn der ungebrochene Stolz seiner Figur gibt Hounsous Darstellung etwas Besonderes. Dafür das sein Charakter völlig romantisiert wird (in der Realität stiegen viele der freigesprochenen Ex-Sklaven makabererweise selber in den afrikanischen Sklavenmarkt ein) kann er schließlich auch nichts, aus seiner recht einfach angelegten Rolle holt der im Benin geborene Hüne aber relativ viel raus.
Auch die Altstars Morgan Freeman und Anthony Hopkins können in ihren Rollen gefallen, ein bisschen unbeholfen kommt höchstens Matthew McConaughey rüber, bemüht sich aber sichtlich darum neben den anderen Darstellern zu bestehen.
Fazit: Technisch famose, inhaltlich leider schwer enttäuschende und letztlich völlig verlogen hingebogene Interpretation geschichtlich verbürgter Ereignisse. Als Abhandlung über die Sklaverei ist „Amistad“ einfach zu gewöhnlich, nicht komplex genug und viel zu offensichtlich konstruiert.
04 / 10