Review

Bei „Battle in Seattle“ handelt es sich um eine auf wahren Begebenheiten beruhende amerikanisch-deutsch-kanadische Co-Produktion, mit welcher der irische Schauspieler Stuart Townsend („Queen of the Damned“/„Trapped“) 2007 sein unverkennbar ambitioniertes Debüt als Regisseur und Drehbuchautor ablieferte. Das mit einem hochkarätigen Darsteller-Ensemble aufwartende Doku-Drama erzählt die Geschichte verschiedener fiktiver Protagonisten vor dem realen Hintergrund der massiven Proteste und Ausschreitungen rund um die erste in den Vereinigten Staaten abgehaltene Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (Word Trade Organisation: WTO), welche am 30. November 1999 begann, aufgrund von mehrtägigen Auseinandersetzungen zwischen Globalisierungsgegnern und Polizei-Einsatzkräften letzten Endes jedoch vorzeitig abgebrochen werden musste...

Der Film eröffnet in Gestalt eines kurzen Prologs, in dessen Rahmen dem Publikum (recht anschaulich) einige grundlegende Informationen hinsichtlich der Geschichte, Bedeutung und Wirkungsweise der WTO dargereicht werden – ebenso wie eine kleine Auswahl der damit in Zusammenhang stehenden und vielerorts (bis heute) Kritik hervorrufenden Punkte, aus denen alles Nachfolgende resultiert. Konkret eingesetzt wird dann am Vortag des Gipfels, an dem man dem Zuschauer erst einmal einen groben Einblick in die Vorbereitungen beider „Parteien“ gewährt, welche sich einander (von der Präsenz und Entschlossenheit her) vollkommen bewusst sind und entsprechend die Lage von vornherein zu ihrem Gunsten „unter Kontrolle bringen“ wollen. Jeweils in angespannter, aber zuversichtlicher Erwartung gehen sowohl die Demonstranten als auch diverse Behörden der Stadt ihre Strategien ein abschließendes Mal durch: Die breite Mehrheit ersterer will ohne jeglichen Gewalteinsatz auf ihre Anliegen aufmerksam machen – etwas, das der (von Ray Liotta gespielte) Bürgermeister ausdrücklich begrüßt und anerkennt, weshalb er den Ordnungskräften zwar klare Anweisungen gibt, das Zentrum Seattles (rund um die Tagungsstätten) lückenlos abzuriegeln, darüber hinaus allerdings auch anordnet, grundsätzlich eine rein deeskalierende (sprich: passive) Position einzunehmen...

Und doch kommt bzw. kam alles ganz anders – wie es den meisten ja noch aus der Berichterstattung der Medien bekannt sein dürfte, welche die Entwicklungen damals live und ausgiebig dokumentierten: Relativ zügig gelang es einigen der Protestierenden am „Tage X“, sich (wie geplant) an ausgesuchten Straßenkreuzungen (außerhalb der „Sperrzone“) aneinander zu ketten und diese somit zu blockieren – was u.a. den Verkehr lahm legte und zudem manch einem Konferenz-Teilnehmer den Zugang zum Veranstaltungsort verwehrte. Die Situation beginnt sich jedoch zuzuspitzen, als offiziell abgesprochene Marschrouten zunehmend ignoriert wurden und sich tausende Leute nach und nach in Downtown zusammenfanden – direkt an der dort gezogenen „Sicherheitslinie“. Als dann aber auch noch zahlreiche Fälle von Sachbeschädigungen (eingeschlagene Scheiben, auf den Straßen in Brand gesetzte Objekte etc.) die weitestgehend friedlichen Kundgebungen immer weiter zu überschatten anfingen, erhöhte dies (mit jeder verstreichenden Minute) den auf die Verantwortlichen im Rathaus lastenden Druck, bis jenen keine andere Wahl mehr blieb, als der Polizei ein „hartes Durchgreifen“ zu befehlen – was infolge dessen zu schweren Auseinandersetzungen sowie später gar zum Ausrufen des „Ausnahmezustands“ (inklusive einer Mobilisierung der Nationalgarde) führte...

Ähnlich wie in Haskell Wexler´s „Medium Cool” (1969), werden auch in „Battle in Seattle“ mit Schauspielern realisierte Szenen geschickt mit Archiv-Aufnahmen der betreffenden tatsächlichen Ereignisse kombiniert, um auf diesem Wege eine möglichst authentische Impression heraufzubeschwören. Im Verlauf verschmelzen diese beiden „Bildmaterial-Arten“ nahezu übergangslos miteinander, so dass zu keiner Zeit das Gefühl erkeimt, zwei verschiedene „Präsentations-Ebenen“ gezeigt zu bekommen, sondern alles (im Ganzen) überaus homogen anmutet. Letzterer Eindruck wird zusätzlich von der vermittelten Unruhe und Energie der nachgestellten Demonstrationen und heftigen Zusammenstöße forciert, welche Townsend gemeinsam mit seinem hervorragenden Cinematographer Barry Ackroyd („the Hurt Locker“/„United 93“) packend arrangiert und eingefangen hat. Glaubhaft wird die Anspannung im Vorfeld sowie das Chaos, die Wut und die Angst währenddessen transportiert: Man ist „mitten drin, statt nur dabei“, wird Zeuge, wie sich eine friedliche Versammlung, bestehend aus einem bunten Mix (u.a.) aus Arbeitern, Neugierigen, Gewerkschaftlern und Neo-Hippies, aufgrund der Taten einiger radikaler „Anarchisten“ recht schnell zu einer brutalen Straßenschlacht entwickelt(e) – und das aus variierenden Perspektiven heraus. Es wird einem deutlich, wie stark „die andere Seite“ von den Behörden unterschätzt wurde (im Sinne der Personenstärke und Organisiertheit), wie sehr die Eskalation etliche Leute frustrierte (da ihr eigentliches Anliegen davon weitestgehend überlagert wurde), dass die Einsatzkräfte mit dem plötzlichen Stimmungs-Umschwung zum Teil schlichtweg überfordert waren und überdies lange keine koordinierten Anweisungen erhielten, wie hoch der politische Druck auf die zuständigen Entscheidungsträger im Rathaus lastete und wie schlimm es für diejenigen Menschen war, die sich auf einmal (meist ungewollt und unerwartet) in diesem mit Tränengas, Panik und Gewalt angereicherten „Hexenkessel“ wiederfanden. An die Intensität von Paul Greengrass´ „Bloody Sunday“ (2002) kommt der Film zwar nicht heran – doch erfüllt er seinen Zweck (gerade in diesem Bereich) nichtsdestotrotz relativ gut...

Ein zentraler Schwachpunkt des Skripts, und somit gleichermaßen des Werks an sich, markiert jedoch die Gegebenheit, dass sich Townsend zu gewichtig auf das Aufzeigen „klassischer Einzelschicksale“ innerhalb der sich entfaltenden Lage verließ, um seine Botschaft so (quasi „mit deren Hilfe“) noch einmal zu unterstreichen – was in dieser Form aber überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Die grob gestrickten Persönlichkeiten und melodramatischen Anteile der Story sind wesentlich uninteressanter als die grundlegenden Einblicke in die Ereignisse jener Tage, welche einem der Streifen insgesamt zu bieten bemüht. Die einzelnen Figuren (also ihre Probleme, Ansichten, Rollen im Geschehen etc.) kommen mehrheitlich viel zu konventionell und stereotyp verfasst daher – was ebenso auf ihre Dialoge zutrifft, denen es öftermals an einer gewissen roh, ungeschliffen und impulsiv wirkenden Beschaffenheit mangelt. Vernünftig ausgeprägte Charaktertiefen wurden durch die Bank weg zugunsten multipler Ansichten geopfert. Zum Glück war es Stuart möglich, eine tolle Besetzung für sein Projekt zu gewinnen – unterm Strich gelingt es den versammelten Akteuren nämlich dann doch noch, ihren jeweils verhältnismäßig eindimensionalen Parts (u.a. dank ihres merklichen Engagements) zumindest ein solch einträgliches Maß an „Leben“ einzuhauchen, dass sie und ihre Schicksale einem nicht vollkommen egal sind...

Als Lead ist der charismatische Neuseeländer Martin Henderson („the Ring“) zu sehen: Glaubwürdig spielt er einen passionierten Protest-Führer, der den Einsatz von Gewalt strikt ablehnt und die angedachten Aktionen so gut es geht zu koordinieren versucht – das „Problem“ dabei ist nur, dass er sowohl an einem persönlichen Trauma leidet (sein Bruder starb vor einiger Zeit bei einer Demo, was einfach zu oft erwähnt und gar gezeigt wird) als auch eine romantische Verbindung (der Marke: sie streiten, respektieren, lieben und behüten sich) mit einer Angehörigen seiner Aktivistengruppe besteht, was in beiden Fällen im Grunde genommen überflüssig anmutet sowie vom Kern der eigentlichen Sache ablenkt. Jene Dame, die sich früher mal rebellisch gegen ihren Vater aufgelehnt hat, ein Menge Wut in sich trägt und für ihre Überzeugungen durchaus recht weit zu gehen bereit ist, verkörpert Michelle Rodriguez („Resident Evil“) immerhin passabel. Die „Spitze“ ihres kleinen Teams wird zudem von der anfangs noch eher zaghaften Anwältin Sam (Jennifer „Quarantine“ Carpenter) sowie dem Tier- und Umweltschützer Django vervollständigt. In jener Rolle liefert André Benjamin („Four Brothers“) eine prima Performance ab – doch ist auch ihre Konzeption in bestimmten Bereichen „etwas ungünstig“ ausgefallen: Generell stellt er so etwas wie den „Motivator“ der an der Kundgebung beteiligten Menschen dar, denkt fortwährend positiv und vertritt seine Ideale glaubwürdig – bloß wird der Bogen in der Hinsicht spätestens dann überspannt, als er in einer Szene einigen (mit ihm zusammen) Verhafteten aufmunternd den Song „Don´t worry, be happy“ vorsingt...

„Oscar“-Preisträgerin Charlize Theron („Monster“), welche zu Zeiten des Drehs übrigens mit Townsend liiert war, tritt als schwangere Verkäuferin Ella in Erscheinung, die auf ihrem Heimweg zwischen die Fronten gerät und dort zu einem unschuldigen Opfer von polizeilicher Gewalt wird – was nicht nur sie, sondern ebenso ihren Mann Dale (Woody „Zombieland“ Harrelson) in eine tiefe persönliche Krise stürzt: Jener ist nämlich als Cop bei den Ausschreitungen im Einsatz, bekommt von seinem Chef (aufgrund der angespannten Lage und Personalknappheit) aber nicht frei, um bei seiner Frau sein zu können – wodurch sich zunehmend Wut in ihm aufstaut, welche er schließlich an einem der Demonstranten auslässt. Anständige Leistungen der zwei gestandenen Mimen. Channing Tatum („G.I. Joe”) ist als Dale´s Partner Johnson zu sehen, „Bond Girl” Ivana Milicevic („Casino Royale“) als Ella´s Kollegin Carla und Ray Liotta („Narc”) als Bürgermeister Tobin, der eingangs noch viel Hoffnung in die Strategie setzt, durch ein abgestimmtes Vorgehen alle Parteien irgendwie zufrieden stellen zu können, angesichts des Verhaltens der Chaoten dann aber doch (primär dem Druck höherer Regierungskreise) nachgeben und entsprechend hart durchgreifen muss. Ray´s Darbietung gefiel mir im Prinzip am besten von allen Beteiligten. Connie Nielsen („Basic“) sehe ich zwar immer ganz gern – allerdings ist ihre Rolle hier, nämlich die einer Reporterin, welche plötzlich ihr soziales Gewissen entdeckt und daraufhin „spontan die Seite wechselt“, viel zu „konstruiert“ wirkend, u.a. da sie (vom Skript) recht auffällig als Schnittstelle verschiedener Sub-Plots „genutzt“ wird. Ziemlich das genaue Gegenteil, also angenehm subtil in seiner Präsentationsform, kommt dagegen ein Handlungsstrang daher, der sich um einen „Ärzte ohne Grenzen“-Mitarbeiter (Rade „Stigmata“ Sherbedzija) rankt: Als Redner auf der Konferenz will Dr. Maric die sich ihm bietende Plattform dazu nutzen, erneut und eindringlich aufs Elend und die Ungerechtigkeit in der dritten Welt aufmerksam zu machen – leider verbleibt seine Stimme vor dem Hintergrund des ganzen Tumults (zu seiner Enttäuschung und Frustration) am Ende ungehört. In Neben-Parts sind überdies noch Mitwirkende wie Joshua Jackson („Bobby“), Gina Holden (TV´s „Blood Ties“), Gary Hudson („Necessary Evil“), Tzi Ma („Rush Hour”) und sogar „Medium Cool”-Regisseur Wexler zu entdecken...

Obgleich sich der Film bemüht, nicht nur eine Seite der Geschichte aufzuzeigen, handelt es sich bei ihm dennoch um ein zutiefst „parteiisches“ Werk. Unabhängig dessen, dass ich gewisse Bereiche des Themas doch ein wenig anders sehe als Townsend, nehme ich ihm und dem Streifen das aber keineswegs übel – schließlich versucht er diese Gegebenheit auch gar nicht irgendwie groß zu verbergen. Was ich allerdings sehr schade finde, ist die in diesem speziellen Kontext ebenfalls zur Schau gestellte inhaltliche Oberflächlichkeit: Jetzt mal abgesehen von einem informativ zusammengestellten Pro- und Epilog, kommuniziert Stuart „seine“ Botschaft primär über die (bewusst betont formulierten) Dialoge, welche er den einzelnen Figuren in den Mund gelegt hat, statt sie auf „gehaltvollere Weise“ zu vermitteln. Eine Diskussion wird zu keiner Zeit (nicht einmal im Ansatz) angeregt, sondern nur Punkte und Ansichten vorgetragen, wie böse die WTO und schlecht die Globalisierung (inklusive der Macht der Großkonzerne) doch ist. Ein anschauliches Beispiel markiert da ein kurz eingespieltes Interview mit dem CEO von „Starbucks“, in welchem sich dieser über erlittene Verluste beschwert, weil etliche seiner Läden aufgrund der Ausschreitungen schließen mussten. Erneut wird die Gier der Bosse angeprangert – der „kleine Mann“ ist das Opfer. Die Protestler hier werden förmlich als „die Stimme des (aufgeklärten) Volkes im Dienste der guten Sache“ dargestellt – während die anti-kapitalistischen, medien- und regierungsfeindlichen Ausprägungen ihrer Motive indes nur in Nebensätzen (am Rande) erwähnt werden. Townsend wird der Komplexität der verzweigten Thematik schlichtweg nicht gerecht – zeigt alles ein Stück weit zu vereinfacht auf, bietet nicht genügend handfeste Fakten und Informationen, um echtes Interesse generieren (geschweige denn jemanden überzeugen) zu können. Ironischerweise kann man eine Aussage Djangos perfekt auf genau dieses Scheitern des Films übertragen: „Three days ago, nobody even knew what the WTO was. Now they still don´t know what it is – but at least they know it´s bad...”

Fazit: „Battle in Seattle“ wurde mit einem Budget von rund 8 Millionen Dollar größtenteils im kanadischen Vancouver, darüber hinaus aber auch an einigen Original-Schauplätzen in der betreffenden nordwest-amerikanischen Metropole realisiert – was den Geschehnissen (dienlich ergänzt seitens zahlreicher inspiriert eingefügter Archiv-Aufnahmen) insgesamt einen überzeugenden Eindruck von Authentizität verleiht. Als Regisseur beweist Debütant Townsend nicht unerhebliches Talent – vor allem die Energie und eindringliche Atmosphäre auf den überfüllten Straßen der Stadt haben er und sein Kameramann Barry Ackroyd klasse eingefangen. Leider ist sein Drehbuch dagegen (in geradezu allen Belangen) enttäuschend unsubtil bzw. viel zu grob gestrickt ausgefallen: Beinahe schon „sauber geordnet“ wirkend und mit einer eindeutigen Sympathieverteilung versehen, entfaltet sich die Story überwiegend auf „Schlagzeilen-Niveau“ (also ohne je weiter in die Tiefe der Materie vorzudringen) und verlässt sich außerdem zu sehr auf das Aufzeigen (fiktiver) klischeehafter Einzelschicksale, was sporadisch relativ lahm sowie gar manipulativ anmutet. Statt die umfassende Angelegenheit sorgsam aufzuarbeiten, werden dem Zuschauer überwiegend nur „eingängige Parolen“ dargereicht – wie etwa im Falle eines Demonstranten, der eine Schwangere in einer Boutique mit der rhetorischen Frage „You´re having a kid?! Do you want your kid to work to death in a sweat shop making baby clothes?!” konfrontiert. Überdies hat man den (durchweg engagiert zu Werke gehenden) Schauspielern einfach zu schwaches Material geboten, um auf jener Ebene einen nachhaltigen Effekt erzielen zu können. Angesichts solcher Verfehlungen kommt das Doku-Drama definitiv nicht an große Vorbilder á la „Bloody Sunday” heran – vermag allerdings trotzdem noch immer in angrenzend jeder Minute anständig zu unterhalten, weshalb ich mich letztlich (unterm Strich) für eine „nahe der Grenze zur 6 zu verortende 5/10“ entschieden habe.

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