Gute Geisterfilme sind rar – was auch kein Wunder ist, denn mit Schocks, Blut und Gedärmgeschmeiß ist einfach das Mundpropagandapotential viel leichter auszufüllen.
Um so schöner, daß sich in Spanien in den letzten Jahren eine Kultur des geschmackvollen Gruselfilms breit gemacht hat, nicht zuletzt durch die inzwischen globale Popularität von Guillermo del Toro, dessen phantastische Beiträge durch immer größere Sorgfalt und Qualität auffallen.
Del Toro hatte auch bei „El Orfanato“ seine Finger im Spiel, allerdings nur als Produzent – so ist es um so verblüffender, einen derart wirkungsvollen und sensiblen Film von einem bisherigen Musikvideoregisseur wie J.A. Bayona serviert zu bekommen.
„El Orfanato“ ist eine in der modernen Zeit angesiedelte, im Kern aber klassische Gespenstergeschichte, die ihre übernatürlichen Elemente mit dem Personendrama und der familiären Tragödie mischt und so darum kommt, als typischer Genrebeitrag abgestempelt zu werden.
In einem geschlossenen Kreis erzählt Autor Sergio G.Sanchez die Geschichte einer dreiköpfigen Familie (Vater, Mutter, adoptiertes HIV-positives Kind), die in einem abgelegenen alten Waisenhaus, in dem die Mutter in ihrer Kindheit einst sehr glücklich war, ein Heim für behinderte Kinder eröffnen wollen.
Doch wie so oft in Geisterfilmen liegt das Übel in der Vergangenheit des Ortes und die Spielkameraden der Mutter nehmen offenbar baldigst Einfluß auf den Sohn, bis dieser eines Tages spurlos verschwindet. Doch eine wahre Mutter hört nie auf, nach ihrem Kind zu suchen – und so weitet sich die Suche alsbald auch auf die nächste Welt aus.
„Das Waisenhaus“ ist einer dieser Filme, die wirklich noch eine eigene Geschichte zu erzählen haben und nicht von bekannten Mustern abschreiben. Sämtliche übernatürlichen Elemente halten zwar die Geschichte am Laufen, das Zentrum bleibt jedoch die familiäre Tragödie, der Kindsverlust. Das ist der Antrieb jeder Handlung, die nach und nach die Geschehnisse der Vergangenheit aufdeckt und letztendlich auch das Verschwinden des Kindes aufklärt, in einer Sequenz in der sich Agonie und Erlösung letztendlich mischen, ohne auf einen momentan so beliebten bösartigen Plot-Twist sämtliche Münzen zu setzen.
Geschickt legt Sanchez in seinem Skript überall Fährten und Hinweise aus, schneidet Themen an und verteilt rote Heringe, die dann auch tatsächlich einer nach dem anderen wieder aufgegriffen werden, um sich zu einem homogenen Ganzen zu verbinden.
Dabei wird weder auf Blut, noch auf Schock gesetzt, wenn der Film mittendrin auch einen Schreckmoment der Extraklasse aufführt, der aber bald schon wieder dem sorgfältigen Produzieren wohliger Gänsehaut weicht.
Ganz ohne Anleihen in der Filmgeschichte ging es dabei allerdings auch nicht. Die Hauptfigur steht in der Tradition Deborah Kerrs aus Jack Claytons „The Innocents“, eine Gruselsequenz im Bett gemahnt an „The Haunting“, eine Seance kann man mit „Poltergeist“ und „Legend of Hell House“ in Verbindung bringen. Allerdings wird hier nie hartnäckig und offen geklaut, sondern inspiriert geliehen, so daß das Ergebnis niemals platt ausfällt und außer dem kundigen Filmkenner diese Parallelen kaum auffallen dürften.
Dabei erwartet den Zuschauer allerdings auch ein relativ ruhiger Film, der in sehr schleppendem Tempo anläuft und über die gesamte Laufzeit niemals Formel-1-Tempo aufnimmt – die geschmackvoll morbide und wirklich gruselige Wirkung diverser Szenen geht auf diese Weise aber auch nie zugunsten plakativer Effekte verloren – stattdessen spürt man ein klammes Druckgefühl im Nacken, wenn die großartige Geraldine Chaplin als Medium etwa über mehrere Bildschirme verfolgt, zu einer Geistersuche im leeren Haus ansetzt oder die sich geradezu exzessiv abarbeitende Belen Rueda als verzweifelte Laura schließlich zu einem Trick greift, um die Geister zu sich locken, was ein uneingeweihtes Publikum schon mal kribblig werden läßt.
Funktionieren kann der Film jedoch nur, wenn man sich auf ihn einlassen kann, sprich: man muß mitleben und mitleiden und daß es in diesem Film eigentlich keine klischeehaften Figuren oder platten Schwarz-Weiß-Zeichnungen gibt (selbst das Kind ist nicht nervig), kann da nur hilfreich sein.
Alles in allem ein überaus ausgewogener und vor allem hochintensiver Grusler, der gegen den modernen Horrortrend mit all seinen Offenheiten steuert und mehr das Gefühl als den Ekelreflex ins Visier nimmt. In Spanien zum Blockbuster geworden, verdient der Film auch hier ein großes Publikum, wird sich das beim Trend zum auf juvenil zugeschnittenen Popcornfilm erst verdienen müssen. (9/10)