"Sie sind da draussen. Hörst du sie nicht?"
Juan Antonio Bayonas Erstling "Das Waisenhaus" ist ein unterstützes Gemeinschaftswerk mit dem Produzenten Guillermo del Toro was sich als inhaltlich und handwerklich durchaus gelungenes Gruselwerk herausstellt, wobei der Schwerpunkt nicht auf Horror sondern dem darum gestrickten Familiendrama liegt.
Als Kind wuchs Laura (Belén Rueda) einige Jahre in einem Waisenhaus auf, bis sie von ihrem elternlosen Schicksal erlöst und adoptiert wurde. 30 Jahre später steht dieses Waisenhaus leer. Also beschließen Laura und ihr Mann Carlos (Fernando Cayo) dem alten Gemäuer wieder ein wenig leben einzuhauchen und dort ein Heim für behinderte Kinder zu eröffnen. Gemeinsam mit ihrem adoptierten und HIV-positiv getesteten Sohn Simón (Roger Príncep) ziehen sie dort ein. Simón hat schon immer viel Fantasie und erschafft sich nicht zum ersten mal imaginäre Spielkameraden. Die neuen unsichtbaren Spielkameraden erinnern Laura allerdings an Kinder, die sie kannte als sie im Waisenhaus aufwuchs. Des Nachts erschrecken ungewohnte Geräusche die Familie. Zudem fällt die Sozialarbeiterin Benigna (Montserrat Carulla) unangenehm mit einer Akte über Simón auf und lungert sogar abends auf dem Grundstück herum. Nach einem Streit zwischen Laura uns Simón verschwindet dieser spurlos. Laura vermutet, dass Benigna etwas mit dem verschwinden ihres Sohnes zu tun hat, diese ist aber nicht als Sozialarbeiterin registriert und somit nicht auffindbar. Die monatelange Suche nach Simón bleibt erfolglos... bis Laura bei einer mittäglichen Fahrt plötzlich Benigna auf der Straße entdeckt.
Durchgängig geprägt von farbreduzierten Bildern präsentiert sich der Film stilistisch sehr selbstbewusst. Allein die eindrucksvollen Bilder die zu Hauf ohne musikalische Untermalung auskommen, bilden eine besondere, sehr klassische Gruselatmosphäre, die sich sehr langsam entfaltet und nicht mit der neumodischen Torture-Porn Horrorware mithalten möchte.
Im Vordergrund steht die akribisch ausgearbeitete Beziehung zwischen Laura und ihrem adoptierten Sohn Simón sowie den späteren resultierenden Vorkommnissen. Dadurch bleibt selten Zeit für die Entwicklung weiterer Charaktere, die teilweise nur für plotrelevante Abschnitte hinzugezogen und gegen Ende gar vernachlässigt werden.
Stimmig ist die subtile Gruselatmosphäre, die nur selten und gekonnt erschrecken möchte, sonst aber auf Gänsehaut und eine düstere, unheimliche Atmosphäre setzt. Die Beschränkung dieser Effekte auf das Waisenhaus und dessen klaustrophobische Räume wird sehr wirksam durch Licht- und Schatteneffekte, erschreckende Sounds und unheimliche Maskierungen zelebriert.
Der wohl portionierte Soundtrack fügt sich dabei passend ein, überzieht aber hin und wieder gerne einmal die dramaturgische Untermalung.
Die geniale Auflösung, über den Verbleib des Jungen, zieht die Messlatte am Ende nochmal in die Höhe und mündet leider in ein allzu flaches Schlussbild. Hier wäre eine deutliche Entscheidung zu einem guten oder einem schlechten Ende sicher eine bessere Wahl gewesen statt dem unbefriedigendem Mittelweg.
Das Spiel mit der Angst vor dem unbekannten geht im Grunde gut auf und wäre für frühere Verhältnisse sicher wegweisend, bietet heute aber nur noch Standardkost. Zu viel wirkt von anderen Filmen dieses Genres abgekupfert. Der beste Vergleich bietet sich mit "The Others" wo die Darbietung und der Schauplatz nahelegend identisch sind. Auch Ähnlichkeiten zu "Poltergeist" lassen sich finden, der visuell spektakulärer, aus heutiger Sicht allerdings technisch etwas veraltet wirkt. Aber genau dies lässt "Das Waisenhaus" missen, das spektakuläre was man auch noch nach dem sehen in Erinnerung behält.
Teilweise wirkt das Tempo zu künstlich heraus gefordert und überdimensional dramatisch ausgespielt, so dass die Glaubwürdigkeit dem sonst recht bodenständigem Ablauf entzogen wird.
Und auch wenn der Inhalt gelungen ist wird erzählerisch nichts neues geboten. Im mittleren Part kämpft "Das Waisenhaus" sogar mit ein paar Längen.
Hierzulande sind die größtenteils spanischen Schauspieler eher unbekannt. Im Mittelpunkt steht Belén Rueda der man die Rolle der immer wahnsinniger werdenen Ziehmutter Laura abnimmt. Der Rest verteilt sich über zweckmäßig zu herausstechend. Zu den letzteren gesellt sich Geraldine Chaplin ("Doktor Schiwago"), welche als blindes Medium Aurora leider nur einen Kurzauftritt genießt.
Ohne Frage ist "Das Waisenhaus" in seiner Intensität wirksam, vermutlich wirksamer als so mancher neumodischer Horrorstreifen. Sehr schade ist es daher, dass es bei so einem strikten und lieblosen Ablauf bleibt und der Mut fehlt, einfach mal etwas mehr Interaktionsmöglichkeiten zuzulassen. Auch die teils zu übertünschte Dramatisierung stört den durchgängigen realistischen Look. Sehenswert ist der Film aber allemal, auch wenn nach dem sehen nicht viel hängen bleibt. Freunde des Suspense Horrors werden sicher Gefallen daran finden.
5 / 10