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Belen Rueda spielt eine 37-jährige Frau, die zusammen mit ihrem Mann und ihrem HIV-positiven Adoptivsohn in das Waisenhaus zurückkehrt, in dem sie als Kind aufgewachsen ist, um es wieder in Betrieb zu nehmen. Doch dann spricht ihr Sohn plötzlich immer häufiger mit diversen imaginären Freunden, die sich später als ihre alten Freunde aus Waisenhaus-Zeiten entpuppen und dann verschwindet er plötzlich spurlos.

Zwischen seinen beiden Fantasyprojekten, dem mehrfach Oscar-Prämierten Fantasy-Drama "Pans Labyrinth", sowie dem kommerziell erfolgreichen "Hellboy - Die goldene Armee" fand Guillermo del Toro noch genug Zeit, um den Horrorfilm "Das Waisenhaus" zu produzieren und auch, wenn er die Regie an den Debütanten Juan Antonio Bayona übertrug, merkt man dem Film die Handschrift des Mexikaners an. Auch "Das Waisenhaus" beeindruckt durchaus durch seine liebevolle, unkonventionelle Machart und unterhält bestens, auch wenn kleinere Fehler gemacht werden.

Die Story besteht aus zwei, ineinander verwobenen Teilen: Dem Familiendrama und dem Mystery-Thriller. Das Familiendrama ist durchaus gelungen und sehr emotional gestrickt. Die liebenswerte Mutter, die das Waisenhaus wieder zum Leben erwecken will, in dem sie selbst relativ glücklich war und für ihr HIV-positives Adoptivkind einen enorm großen Mutterinstinkt entwickelt hat, ist sehr sympathisch gestrickt, ist aber dennoch im glaubhaften Rahmen. Der Sohn und der Vater sind leider eher flach konstruiert und gewinnen kaum an Profil. Das Familiendrama zeichnet sich im weiteren Verlauf des Plots vor allem dadurch aus, dass es sehr feinfühlig und emotional gestrickt ist, auch wenn der eigentliche Mystery-Teil so zwischenzeitlich immer mal wieder an Fahrt verliert.

Der Mystery-Teil ist ebenfalls ganz gut konstruiert. Anders als bei den meisten Horror-Produktionen der letzten Jahre hat man hier kaum den Eindruck, dass sich der Film bei diversen Vorbildern bedient, auch wenn das Genre nicht neu erfunden wird. Mit den imaginären Freunden, die der Sohn der Hauptfigur zu entwickeln scheint und seinem anschließenden Verschwinden macht man dabei einiges richtig und auch der weitere Verlauf überzeugt durch überraschende Wendungen und düstere Einfälle, die aber doch immer irgendwie noch etwas tröstliches haben. Zum Ende hin wird die Handlung dann leider ein bisschen konfus und wirkt nicht mehr ganz so sorgfältig gestrickt, wie man es sonst von del-Toro-Filmen kennt.

Inszenatorisch leistet Bayona ordentliche Arbeit. Das Familiendrama wird feinfühlig und einfühlsam serviert und der emotionale Zugang des Zuschauers zum Film damit garantiert. Eine düstere Atmosphäre baut Bayona ebenfalls auf. Er setzt das überaus bedrohlich wirkende, verlassene Waisenhaus gelungen in Szene, genauso, wie die malerische, aber ebenfalls gefährlich wirkende Strandlandschaft drumherum. Darüber hinaus überzeugt auch die Musik, auch wenn sie nicht sonderlich auffällig sein mag, mit der die Atmosphäre noch dichter wird. Die atmosphärische Dichte nutzt Bayona jedoch kaum, es gibt nur wenige Schockmomente und wenn, dann sind sie leider sehr konventionell und bereits im Vorhinein kalkulierbar. Stattdessen widmet er sich über weite Strecken dem Familiendrama und nutzt die Atmosphäre auch hier nicht weiter aus. Um den Zuschauer zu fesseln reicht dies allemal aus, um gelegentlich Spannung und Dramatik zu erzeugen ebenfalls, mehr wäre mit ein paar besser platzierten Schockmomenten jedoch definitiv drin gewesen. Darüber hinaus ist es sehr konsequent von Bayona auf blutige Szenen zu verzichten, denn die hätte der Film definitiv nicht gebraucht, was er jedoch sehr wohl gebraucht hätte, wäre ein etwas spannenderes Finale.

Belen Rueda, die sich zuletzt mit "Wilde Unschuld" und "Das Meer in mir" auch international einen Namen machen konnte, spielt die Hauptrolle sympathisch und intensiv, womit sie definitiv voll und ganz überzeugt. Dafür spielt Fernando Caro die Rolle ihres Mannes jedoch überaus hölzern, wobei sein Part zum Ende hin glücklicherweise immer kleiner wird. Der übrige Cast ist solide.

Fazit:
Mit einer Mischung aus Familiendrama und Mystery-Thriller ist "Das Waisenhaus" ein gelungener Film, der mal frischen Wind ins Genre bringt. Dabei fesselt er mit seiner bedrohlichen, aber doch emotionalen Atmosphäre und der guten Hauptdarstellerin von Anfang an, schockt aber zu keinem Zeitpunkt wirklich. Zudem ist das Ende leider nicht sonderlich überzeugend und damit ist "Das Waisenhaus" zweifelsohne ein guter Film, bei dem jedoch mehr drin gewesen wäre.

71%

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