Juan Antonio Bayonas erster und bis dato einziger Spielfilm, „Das Waisenhaus“ aus dem Jahre 2007, fügt sich gut in die Welle stilvoller spanischer Grusel- und Mystery-Produktionen ein. Laura (Belén Rueda) bezieht nach 30 Jahren mit ihrem Mann und ihrem HIV-positiven Adoptivsohn Simón (Roger Príncep) ein ehemaliges Waisenhaus, wo sie als Kind selbst gewohnt hat, um es in eine Betreuungseinrichtung für behinderte Kinder umzugestalten. Simón jedoch kommuniziert mit vermeintlich imaginären Freunden und verschwindet eines Tages spurlos…
Auch wenn sich „Das Waisenhaus“ einiger bekannter Motive aus Geisterfilmen bedient, ist er mit seiner starken Gewichtung auf den Drama-Anteil der Handlung und durch den völligen Verzicht auf gewohnte Schockeffekte und ähnlicher Genre-Charakteristika ein sehr eigenständiges Werk, das ich am ehesten als Grusel- oder Mysterydrama klassifizieren würde. Das sehr ruhige Erzähltempo bietet viel Gelegenheit, sich mit den Charakteren auseinanderzusetzen und Empathie zu entwickeln. Das ist wichtig, denn durch seinen Verzicht auf Effekthascherei funktioniert der Film sonst nicht. Die einwandfreien schauspielerischen Leistungen erleichtern dieses aber; der kleine, aufgeweckte Simón dürfte selbst für Filmkinder-Skeptiker zum Sympathieträger avancieren. Es gilt, die triste Moll-Atmosphäre in sich aufzunehmen und sich auf die Handlung zu konzentrieren, um zunächst einmal die sich nur nach und nach offenbarende Familienkonstellation zu verstehen und anschließend mit dem stets dem gleichen Kenntnisstand wie Laura mitzurätseln, Theorien aufzustellen, auf Details zu achten, die zur Lösung beitragen könnten. Daraus bezieht „Das Waisenhaus“ u.a. seinen Reiz.
Denn es ist zwar eindeutig, dass es im Haus spukt, nicht eindeutig ist aber die Intention. Inwieweit hängt der Spuk mit Simóns Verschwinden zusammen? Was wollen die Geister? Während man sich mit diesen Fragen auseinandersetzt, muss man mit ansehen, wie Lauras Ehe zerbricht und sie in ihrer Verzweiflung besorgniserregend altert. Belén Rueda überzeugt durch ihre authentische Darbietung auf ganzer Linie und die Maskenbildner leisteten gute Arbeit. Bayonas Verzicht auf Schockeffekte bedeutet keinesfalls einen Verzicht auf Horror, denn „Das Waisenhaus“ hat einige höchst effektive Suspense-Momente zu bieten, die sich die Nackenhärchen aufstellen lassen. Bayona arbeitet sparsam, aber eben sorgfältig mit grafischen Momenten und verhindert dadurch ihre Abnutzung.
Beim Betrachten des Filmendes bzw. dessen Pointe zeigt sich, ob man als Zuschauer aufmerksam genug war, um die einzelnen Puzzleteile richtig zusammenzusetzen. Dennoch fiel es für meinen Geschmack nicht ganz befriedigend aus, was ich mittlerweile von spanischen Produktionen aber gewohnt bin. Das mag in diesem Falle aber auch sicherlich Geschmackssache sein. Persönlich hätte ich mir etwas mehr Horror und etwas weniger Drama gewünscht, muss Bayona aber zugestehen, eine stilsichere, gegen sämtliche Modeerscheinungen gebürstete Arbeit abgeliefert zu haben, die psychologisch interessanten Inhalts ist und gleichzeitig gut unterhält.