"Die Nackten und die Toten" war Norman Mailers einzig wirklich grosser Bestseller.
In vier Jahren Arbeit von 1945 - 48 beschrieb er als wütender junger Mann seine Erfahrungen des Soldatenlebens auf den Philippinen nieder. Und fing damit eine verbitterte, aber niemals aufgebende Anklage gegen die US - Regierung, seine Menschen und die Politik an, die vom World War II über den Krieg in Vietnam und am Golf bis in die heutigen Jahre reicht.
In den 50ern sollte eine filmische Adaption der Erzählung anstehen, die wie zu dem Zeitpunkt üblich weniger an Grauen und Entsetzen interessiert war; die Kontroverse hinter der Kamera war dann grösser als die im Kino.
Produzent Paul Gregory hatte wie auch bei ihrem Die Nacht des Jägers Charles Laughton als Regisseur im Blick, zerstritt sich dann aber mit diesem. [Der kommerzielle Misserfolg ihres ersten Projektes hat sein Übriges getan.]
Laughton wurde durch Raoul Walsh ersetzt, der einen weitaus zugänglicheren Blick auf die Ereignisse besitzt, rein handwerklich begabter und mit dem Aufgebot an Material zumindest technisch versierter war.
Hollywood-Routinier Walsh war durch mehrere Kriegsfilme wie Blutiger Schnee, Der Held von Burma und Urlaub bis zum Wecken blendend mit dem Szenario vertraut und verlegte es auch zuweilen in seine Western [ Sein letztes Kommando, Die Teufelsbrigade ].
Da die Vorlage von einer größeren Kapazität ist, als sich definieren lässt, wurde sie [nicht durch die angegeben Autoren Denis und Terry Sanders] entschärft und so sowohl für den Welt- als natürlich vor allem auch den Heimatmarkt tauglich gemacht. Die nach vielen Umarbeitungen und Neubesetzungen entstandende filmische Kompression der 700 Seiten stellt sich als ein Zweiteiler heraus, der seine Abschnitte sowohl in der Aussage als auch der Geschichte und der Behandlung tranchiert.
Dabei liefert die erste Hälfte "Die Landung" den Grundbau der Einführung samt [stark veränderter] Personenvorstellung und verlegt auch die halbherzige Kritik darin. Um sich dann auf eine Einzelmission in den Dschungel zu begeben und dort das Feuerwerk zu veranstalten. "Die Patrouille".
Walsh inszeniert dabei in greller Ausleuchtung, mit Grossbuchstaben und Ausrufezeichen. Ganz ähnlich den Zeitungsschlagzeilen, die dem Zuschauer nach den ersten ruhigen Minuten entgegenprasseln und die Feier der Soldaten um Sergeant Sam Croft [ Aldo Ray ] auflösen. Man hatte sich bei Wein und Weib in einer "Jungle Bar" in Honolulu vergnügt; angesichts drohender Gefahren von Seiten der Japaner setzt man sich in Gang und findet sich schnell im Gefecht wieder. Im umkämpften Pazifik soll eine Inselgruppe genommen werden. Nach einem Bombardement der Hügelgruppen und der Stürmung mit Landungsbooten in drei Angriffswellen von der Seeseite aus, ordnet man die Truppen und wartet den nächsten Befehl ab.
Der Film legt wenig Wert auf Atempausen; gestattet zwar den Soldaten hier und da eine scheinbar ruhige Minute zu, bleibt aber geradlinig auf dem Kurs der gegenseitigen Bedrohung und schlagartig entladenen Spannungen. Gegen den offiziellen Feind und auch innerhalb der zusammengewürfelten Armee. Man ist weniger eine Einheit denn ein Rudel an Einzelpersonen, mit unterschiedlicher Herkunft und Mentalität. Voll mit Egoismus, Wahnsinn, Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Aufopferung, Entbehrung. Der Druck wird von oben nach unten weiterleitet, während dort bereits am Stuhl des Vorgesetzten gesägt wird.
Volk und Staat sind sich uneins über den Sinn und Nutzen des Aufenthalts weitab von Zuhause. Die Meisten sträuben sich im Inneren strikt gegen ihren Dienst, laufen dann aber mit ihren Kameraden der Aufklärungsabteilung mit. Einer befiehlt und die Anderen gehorchen, auch wenn es ohne strategische Bedeutung ist. Pflichterfüllung im Widerspiel von Vertrauen und Misstrauen. Das Fliehen in den selbstgebrannten, hochprozentigen Alkohol, um den Tod als ständigen Begleiter für einige Stunden abschütteln zu können. Viel anderes bleibt ihnen auch nicht über, als der Kampf ums Überleben im Milieu rücksichtsloser Gewalt losgeht. Der Titel bezieht sich darauf, dass sich die Menschen beim Heranpfeifen einer Granate wie nackt fühlen, da sie ihre Uniform nicht schützen kann.
Auf dieser Angst und dem kausalierten Gehorsam baut die Armee, die ihre Hirarchie unter Kontrolle halten muss. Diese Meinung vertritt zumindest stellvertretend für die Offiziere General Cummings [ Raymond Massey ], der das ganze Schauspiel so theoretisch wie Schach durchplant und Feinde und Verluste auch wie Objekte behandelt. Als Werkzeuge des Schicksals. Er offenbart seine Ansichten dem persönlich angeforderten Adjütanten Lieutenant Robert Hearn [ Cliff Robertson ], den er solange wie einen Sohn behandelt, bis er sich von der unausgesprochenen Tatsache der Impotenz und desssen politisch linken Einspruch angegriffen fühlt und sofort andere Seiten aufzieht. Der Authorität der Befehlsgewalt Geltung macht. Cummings ist Jemand, der dafür sorgen muss, Macht über Andere zu bekommen und sie zu unterwerfen. Die Dialoge zwischen ihm und Hearn - mehr ein Vortrag, der durch Zwischenmeinung nur gestört wird - stehen für die Denkweise, die ein menschlich kalt Taktierender mit dem Krieg verbindet.
Psychotisch grössenwahnsinnig überzeichnet legt Cummings seine Philosophie des Krieges als Einzelperson dar, nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Im schroffen Perspektivenwechsel verkündet er das Ziel einer wirtschaftlichen Weltherrschaft. Seiner These nach steht man in einem Mittelalter einer neuen Ära, in der man historische Energien umschichtet und auf die Wiedergeburt einer wirklichen Macht wartet.
Ein ernst- und damit glaubhafter Tadel an militärischer Praxis ist das natürlich nicht. Walsh gerät rasch in Erklärungsnot, drückt sehr viel auf, hebt die spürbare Unsinnigkeit heraus und lenkt dabei die Aufmerksamkeit vom Eigentlichen wieder ab.
Das Gleiche fabriziert er in den Traumszenen; die so etwas wie Beschreibungen der zivilen Vergangenheit von Sergeant Croft und Lieutenant Hearn darstellen sollen, aber so hemmungslos überzogen sind, dass sie geradezu als groteske Parodien auf den amerikanischen Traum erscheinen müssen. Beide Szenen sind in ihrer wirklichkeitsfremden Montage frappierend ratifiziert und kennzeichnen die Teilnehmer in einem vollständig luziden Arrangement, dass dem Film den Rest an einleuchtender Erklärung und psychologischem Porträt nimmt.
So wird gezeigt, wie der elegante, gutaussehende, idealisierte Playboy Hearn in seinem Großstadtpenthouse gleich drei Dutzend hübscher Damen am Start hat. Männlichkeitsmythos pur. Während der kräftig - stuckige Croft mit seiner blonden Mamsel daheim im Stroh der Scheune liegt und beide ganz vergnügt "Bulle und Kalb" spielen. Frauen tragen sowieso eine, wenn nicht gar DIE entscheidene Rolle im Denken und damit auch in Realität der Männer. Deren grösste Angst dann natürlich auch ist, dass ihre Angebetene sie fern in den USA mit dem Nächstbesten vergnügt. Croft hat das schon hinter sich. Sein "Kalb" hat den Gasmann rangelassen und wird dies auch wieder tun, sobald der Gehörnte erneut am Soldat spielen ist.
Die Frage ist nur, was sich Walsh dabei gedacht hat. Man kann ihm schlecht bescheinigen, dass er hiermit eine feierlich zeremonielle Semantik abliefern wollte und plump danebenlag; dafür sind die Merkmale einer Halluzination zu offensichtlich. Und der Film ist auch nicht so unreflektiert, dass nur das Spekulative erfassbar ist. Seine Haltung lässt schonungslose Offenheit missen, verbleibt an der unflexiblen Oberfläche, divergiert dort aber und lässt sich letztlich nur mit Fragen und jede Minute anders interpretieren.
Der schleifende Anheizer und „Japskiller" Croft, dem das allgegenwärtige Töten sichtlich Spass macht und der auch eiskalt Gefangene erschiesst, bekommt seine identifizierende raison d'etre und eine Rechtfertigung der Notwehr geboten. Im Gegenzug sind eine allgemein grundsätzliche Kriegsbegeisterung, Hurrapatriotismus oder eine nationale Kameradschaft der Männer überhaupt nicht spürbar.
Der im Roman vorhandene Faschismusvorwurf gegen das eigene Land ist verschwunden, andererseits wartet er mit Segmenten auf, die heutzutage von der Entertainment Media Abteilung des Verteidigungsministeriums ohne lange Prüfung abgelehnt und entsprechend zensiert werden. Dazu gehört vor allem der deutliche Hinweis auf das Herausbrechen der goldenen Zahnkronen gefallener Japaner, mit dem ein synthetisches Projekt wie Windtalkers eben nicht durchkam.
Mit diesem Vertreter hat man dafür gemeinsam, dass sich die Inszenierung des Kampfes in waffentechnischer Hinsicht als ebenso hochgezüchtet erweisst. Wenn der Pulverrauch verzogen ist, hat man üppige Massenszenen im bis zum Exzess ausgenutzen Potential der atemberaubenden Landschaft gesehen, mit explosiv - intensiver Atmosphäre und bunten Farben. Das Bild wird in horizontale Zonen organisiert; die Machtverteilung selber in zylindrischen Bestandteilen festgehalten. Die auch im Buch immer wieder detailliert beschriebene Schönheit der Natur auf der Südseeinsel stellt die beeindruckende Kulisse für die frontale Action, in denen man weniger mit den eigenen körperlichen Grenzen konfrontiert wird, als vielmehr in einer kulminierenden Reihenfolge die Patronengurte leerpumpt und die Mörser verteilt. Ins Unsichtbare hinein, man sieht ganz selten ein Ziel und noch seltener Gefallene; wird der Imagination überlassen. Dafür klotzt Walsh mit immensem Einsatz an Panzern, die aus dem Wald hervorbrechen und Schneisen durch die tropische Pflanzengeographie und sein festgefressenes Skript gleich mit reissen. Er verteilt grossfächige Detonationen in die von Buchten gegliederte Küste. Beim Vordringen ins Tiefland laufen die Maschinengewehre heiss. Bernhard Hermanns beklemmende Tondramaturgie tut ihr Übriges: Stagnierender Trommelschlag, schaurig und faszinierend eigen.
Die Attraktion des Krieges weiss man zu bedienen; bei der Ablehnung hapert es, aber man versucht es in einer Art engagierter Distanz. Das Paradox der Geschichte vom richtigen und vom falschen Soldatsein etabliert den Film als ein aufwendiges, aber keinerlei heroisches Abenteuer, das trotz des Fehlens von politischer Funktion und traumatischer Unbarmherzigkeit den Abriss eines Paradigmas erbringen kann. Er wird dem Buch - einem der wichtigsten Anti-Kriegsromanen - in keinster Weise gerecht, aber zerrt von der Wechselwirkung zwischen den Figuren und zeigt in einer desillusionierten Grauabstufung einen Zustand auf, indem die Regeln von Sitte, Anstand und Menschlichkeit keine Geltung mehr haben.