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Guy Ritchies erster selbst geschriebener Geniestreich

Eddie, Tom, Bacon und Soap schmeißen 100.000 Pfund zusammen, damit Eddie an einer Pokerrunde bei dem Unterweltkönig Hatchet Harry teilnehmen kann. Leider verzockt sich Eddie übel und steht bei dem Unterweltboss nun tief in der Kreide. Innerhalb einer Woche muss er mit seinen Freunden nun einen Haufen Geld auftreiben, denn sonst hackt man ihnen für jeden überschrittenen Tag einen Finger ab. Praktisch, wenn man in der Nachbarschaft eine Bande von Marihuanahändlern hat. Was liegt näher, als sie auszunehmen?
Mit „Bube, Dame, König, Gras“ debütierte Guy Ritchie, um später mit „Sntach“ weltbekannt zu werden. Das Tarantino ein Vorbild ist, bemerkt man sofort. Auch Ritchie lässt mehrere Substorys nebeneinander herlaufen, aber leider sind die Fäden nicht ganz so deutlich sichtbar, wie beim Vorbild, so das schon mal der Überblick verloren geht. Dennoch strotzt der Film vor ulkigen Einfällen und durchgeknallten Figuren. Damit die Übersicht nicht vollends baden geht, hilft ein Erzähler aus dem gröbsten heraus.

Viele verschiedene Arten von Musik werden verwendet. Vorwiegend wird Rockmusik genutzt, die zu den ganzen Gaunern recht gut passt. Hin und wieder wird aber auch auf andere Töne zurückgegriffen. So nutzt Ritchie beim finalen Showdown vor dem Massaker immer schneller werdende griechische Volksmusik, um danach dann in eine Morricone-ähnliche Trance zu verfallen. Exotische Experimente, die viel Abwechslung garantieren.

Eigentlich gefällt mir das erste Werk noch besser als „Snatch“, obwohl die gleichen Stilmittel eindeutig zu erkennen sind. Problematisch ist nur der Aufbau des Films, denn obwohl man sich anfangs zeit für die Charaktere nimmt, verfällt man später in ein Tempo, dass es schwierig wird dem Film zu folgen und jede Figur passend einzuordnen. Man verliert doch stark den Überblick über das gesamte Geschehen. Das war es aber auch schon mit den Meckereien.
Auf den Zuschauer wird eine Vielzahl durchgeknallter Charaktere durchgelassen und in die unmöglichsten Situationen gebracht. Wahre Helden oder Hauptcharaktere gibt es nicht, denn jede Figur hat hier die gleiche Stellung.
Da ist zum Beispiel ein Schuldeneintreiber, der zusammen mit seinem Sohn seinen Job auf recht harte Weise nach geht und am Schluss wohl der einzige Gewinner ist. Kompromisslos knöpft er sich seine Kunden vor, während sein kleiner Sohn ihm dabei hilft. So klemmt man zum Beispiel jemanden in der Sonnenback ein, wirft ihm Komplimente über seine Bräune an den Kopf und lässt nebenbei nach dem Geld suchen.
Sein Boss ist ein Unterweltboss, der den ganzen tag im Büro sitzt und arbeiten lässt oder halt auch mal zum Pokerspiel greift.
Die 4 Jungs Eddie, Tom, Bacon und Soap sind keine üblen Kerle, doch in der Not werden auch sie zu Gaunern. Grandios die Szene, in der man über Waffen philosophiert, worauf der eine sein ganzes Messerarsenal auf den Tisch packt. Auf die Frage“ Größere hast du nicht gefunden?“ packt er dann noch eine Machete aus. Später wird noch ein Satz wie „Messer für die Männer, Gewehre für die Penner“ folgen. Obwohl man sich als Zuschauer, schon nach dem Messerarsenal auf dem Boden kugelt, wird mit der Machete noch mal ein Witz draufgepackt, der den Zuschauer fast zum ersticken bricht.
Weiter gibt es auch noch ein paar Marihuanaanbauer, die später ausgenommen werden sollen. Worauf sie sich mit einem kleinen Luftgewehr versuchen zu retten. Das man gegen Maschinengewehre und abgesägte Schrotflinten nicht viel ausrichten kann dürfte klar sein.
Weitrer lebt der Film auch von tollen Dialogen, die nicht ganz an die Genialität eines Quentin Tarantino heranreichen. Besonders die Vater/Sohn Gespräche des Eintreiberduos sind klasse. Zitate wie „Wenn die Milch sauer ist, bin ich nicht die Muschi die sie ausschlürft“ bleiben zumindest bei mir für längere Zeit im Kopf hängen.
Es gibt noch viel mehr exzentrische Charaktere wie die axtwerfende recht Hand des Unterweltbosses oder Sting, der hier einen Barbesitzer spielt, auf die es aber unmöglich ist alle einzugehen. Am besten selber ansehen und entdecken.
Der Film ist komplett in eine bräunliche Optik getaucht, welche den Eindruck des schmutzigen und dreckigen Gangstermilieus verstärkt. Hier gibt es halt niemanden, der kein Dreck am Stecken hat oder ohne Vorbehalte sympathisch erscheint.
Weiter arbeitet Ritchie auch gekonnt mit eigenartigen Kameraeinstellungen. So verdeutlich zum Beispiel die wankende Kamera die Ohnmacht und das Chaos in Eddies Kopf die Angst wegen des verlorenen Pokerspiels.
Wenn man sich nicht apathisch an den recht dünnen und farblosen roten Faden des Films klammern will bekommt viele skurrile Figuren mit den unmöglichsten Reaktionen in verqueren Situationen geboten. Das unterhält allemal, da man oft genug was zu lachen hat. Einen kleinen Tick besser als „Snatch“, da ich den Humor und die straffere Inszenierung hier etwas besser fand.

Negativ fällt auf, dass sich keiner der vielen Schauspieler nicht aus dem Einerlei herauskristallisieren kann. An Bezugspersonen mangelt es dem Film somit, denn ich habe ganz gern eine Figur, an die ich mich im Film klammern kann.
Nichts desto trotz verkörpern die Schauspieler ihre Figuren mit sehr viel Einsatz und einem deutlich sichtbaren Sinn für Humor. Denn selbst der scheinbar „normalste“ Mensch bricht im Film irgendwann aus seiner Schale und sorgt für einen nicht zu erwartenden Gag. So bleibt eine gut schauspielernde Riege, ohne wirkliche Sieger und Verlierer. Das ein Grossteil es von ihnen besser kann, bewiesen sie „Snatch“. Denn dort findet man viele Gesichter wieder.

Fazit:
Sehr unterhaltsame Gaunerkomödie mit vielen durchgeknallten Figuren und unvorhersehbaren Einfällen. Dem Film mangelt es aber an einer erkennbaren Erzählstruktur. Wer das vernachlässigt bekommt Gags und zündende Ideen am Laufband serviert.

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