Review

Gesamtbesprechung

Willkommen zurück auf meinem adretten Kaffee-und-Kuchentisch des deutschen phantastischen TV-Beitrags; es gibt zwar nur Streuselkuchen und irgendjemand hat tatsächlich eine Dose Kondensmilch dazu gestellt, aber dafür ist es auf Renates knatschigem Sofa irgendwie urgemütlich.
Hiermit mache ich – und das ist eher ungewöhnlich – einen Schritt zurück in der Zeit. Normalerweise bespreche ich verwandte oder aufeinander bezogene Filme gern nacheinander, aber manchmal wird einem erst im Nachhinein klar, dass es mehr als einen Vertreter oder Macher zu begutachten gibt.
Vor einiger Zeit hatte ich mich aus Nostalgiegründen der Serie „Unheimliche Geschichten“ gewidmet, einer 1981 in 13 Folgen für das Regionalprogramm der HR produzierten Serie, die mir dann so anno 1982 auch beim NDR über den Weg lief und aus der ich zumindest eine Szene nie vergessen hatte, weil man sich mit knapp 11 Jahren dann doch mitunter noch mal erschreckt. Die komplette Serienbesprechung kann in diesem Eintrag gelesen werden, ich habe aber nicht eben sonderlich viel Lob für die teilweise konfusen und wenig ausgereiften Plots verteilen können. Anlässlich einer zweinächtlichen Wiederholung der ähnlich klingenden „Merkwürdige Geschichten“ entschied ich mich auch hier für einen kleinen Sichtungsmarathon – nicht zuletzt, als mir bewusst wurde, dass für die Drehbücher dieser 13 halbstündigen Folgen der gleiche Mann verantwortlich war, der schon die „Unheimlichen“ verfasst oder „verzapft“ hatte: Jan Lester.

Ob dieser „Jan Lester“ überhaupt real existiert oder in Wirklichkeit ein Pseudonym ist, lasse ich mal dahingestellt, denn ich habe abseits dieser zwei Serien von Drehbüchern keine weiteren Spuren zu ihm finden können und allein das scheint ein wenig „merkwürdig“ zu sein. Das Ungewöhnliche an der „anderen“ Serie ist eben, dass sie bereits 11 Jahre vorher, also im Jahr 1970 produziert wurde, eine wahrhaft lange Zeit für eine Quasi-Fortsetzung. Davon abgesehen klingt aber in beiden Serien eindeutig der gleiche Ton an: unerklärliche Ereignisse, mysteriöse Geschehnisse, seltsame Begegnungen, alles faltenfrei und kinderfreundlich für das Vorabendprogramm zusammengestellt, deutsche Miefigkeit mit einem Hauch Hippietum und dem nötigen Sexismus, die kurzberockten „Fräuleins“ in den richtigen Hoho-Kontext zu stellen.
Wenn ich dennoch etwas Positives äußern soll, dann dass der Vorgänger seinem Nachfolger wenigstens ein wenig mehr Sorgfalt und Qualität voraus hat, wenn man auch nicht auf gruselige Offenbarungen hoffen sollte. Hier wie dort war das Budget halt begrenzt und was man hatte (was nicht viel war), bot man auf, weswegen auch praktisch alle dollen Stunts der Serie schon in den Vorspann montiert wurden, um alles dramatischer zu machen.
Aber das fiel eben im Endeffekt „mal so, mal so“ aus, wie die folgenden 13 Episoden beweisen:

„Anruf aus dem Jenseits“ (1) bietet als Startepisode schon mal den im Folgenden gewohnten Umstand, das Geschehen durch eine erzählerische Klammer zu umrahmen. Hier erzählen sich Piloten und Flugbegleiterinnen in einer nächtlichen Airport-Gaststätte allerlei Klatsch, bis sie in einer Ecke Peter Bach entdecken, dessen Geliebte als Stewardess vor ein paar Jahren mit dem Flugzeug abstürzte. Seine Geschichte bildet dann die zentrale Rückblende, in der er mysteriöse Telefonanrufe und auch mal eine Geistererscheinung seiner Holden hat. Bach ist sich bald nicht sicher, ob sie wirklich tot ist. „Anruf“ ist leider maximal mittelprächtig und redet zu lange um den heißen Brei, lässt Bach literweise Whisky trinken (das tun sehr viele in dieser Serie) und mit einem unfreundlichen Hausmeister reden, der auch ein Kneipenschläger sein könnte. Das alles erfährt dann noch eine Auflösung, aber auch die ist bestenfalls antiklimatisch.

In „Ein Brief aus der Vergangenheit“ (2) unterhalten sich Bauarbeiter während eines Regengusses über einen alten Fall, an dem einer von ihnen beteiligt war. Ein Lehrer erhält einen vor 17 Jahren an seinen Vater abgeschickten Brief mit einem Immobilienangebot. Weil es gleichzeitig Pappas Todestag war, macht der Lehrer sich auf die Socken, um das zu klären und stößt nach allerlei Schwierigkeiten mit der Infrastruktur in die deutsche Pampa vor, wo er in Dornröschens Dickicht schließlich die enorm leer geräumte Ruine vorfindet. Im Garten sonnt sich ein gar 17jähriges Mägdelein arrogant gelangweilt, verschwindet dann aber überraschend außer Sicht. Die Hausbesichtigung produziert dann Rufe, Schreie und einen Ball, der allein die Treppe runterspringt. Auch hier hat man sich in Sachen Höhepunkt nicht eben mit Ruhm bekleckert, denn die offensichtliche Auflösung wird dann zwecks Nacherzählung auch noch ins Off verlegt. Immerhin ist die Story vom Außenseiter in der Provinz immerhin ausreichend „merkwürdig“.

Wie man eine schmale Idee zu 25 Minuten aufpolstert, beweist „Die Kälte einer Sommernacht“ (3), in der ein fröhlicher Provinzmime mit seiner Holden zum Urlaub an der Nordseeküste aufbricht und es in dem einsam dastehenden Seehaus bei mäßigem Wetter ständig klappert und klimpert. Weil es mit der Grundidee genauso wenig zu tun hat, wie die mysteriösen Besuche eines friesischen Jägers und eines bärtigen Vagabunden, wird mit diesen drei Zutaten die Laufzeit ausgefüllt, die sich darauf stützt, dass die Gattin wegen eines spontanen Engagements allein am Meer zurück bleibt. Eine furchtbar zerfaserte Story in manchmal schönen Naturbildern, aber leider ziemlich undramatisch.

Zum Glück funktioniert die nächste Folge „Die verhexte Bahnstation“ (4) wieder wesentlich besser, offenbar hat Autor Lester seinen „The Signal-Man“ von Charles Dickens gelesen. Hier muss Harry Hardt einen adeligen Mandanten in einem obskuren Gebirge aufsuchen, scheitert aber dabei, von der Bahnstation mit dem tattrigen Vorsteher, allein bei einsetzender Dunkelheit zum Landsitz bergauf zu laufen. Im dichten Tann begegnet ihm der Bahnwärter immer wieder und nachdem er den Besagten dann auch noch tot aufgefunden hat, ist ihm noch eine wichtige Aufgabe auferlegt, um eine Katastrophe zu verhindern. – Auch hier bleiben so einige Stränge offen, sei es nun die leere zweite Bahnstation, das merkwürde Gedenkschild an die Blitzeinschlagtoten (ohne Plotfunktion) oder warum Harry nicht einfach die deutlich sichtbare Straße genommen hat, die er am Ende im Wagen fährt. Immerhin gibt es hier ein paar wirklich gruselige Momente, eine bessere Backstory wäre noch besser gewesen.

Die wohlhabende Boheme von 1970 ist verantwortlich für „Bild aus der Zukunft“ (5), in der sich eine Gruppe von Tennissnobs über eine mysteriöse Story auslässt. Im Kern steht ein knorriger Antiquitätenhändler, der eine junge Kunststudentin anstellt, damit sie ihm assistiert. Irgendwann muss sie für ihn von einem Bauern ein Bild ersteigern und damit beginnen die Merkwürdigkeiten erst. – Wieder eine gute Basis mit schlechter Ausführung. Der Trödler hat schon was von M.R.James, die Story rund um das vor seiner Zeit gemalte Portrait hat Potential, die Hofversteigerung gibt richtig Zunder und am Ende täuscht die Folge noch einen Pakt mit dem Teufel an, doch das alles wird zu einer holprigen Masse verrührt, voller Klumpen und Andeutungen, ohne Pfiff oder Sinn für Steigerungen. Stattdessen interessiert sich die Folge hauptsächlich für die beiden Studentinnen und die sich mehr fürs Feiern und Rauchen. Das Ende ist hinreichend „merkwürdig“, aber wieder mal nicht ausgereift.

Mal ohne Übernatürliches kommt „Die tödliche Flamme“ (6) daher, ein kleiner Thrillerplot, in dem ein Gaunerpärchen ein böses Spiel mit einem eifersüchtigen Anwalt spielt. Zufällig sieht die Betrügerin dessen Ehefrau zum Verwechseln ähnlich und sie bringen den deutlich älteren Gatten stetig mehr aus dem Konzept. – Leider führt auch diese Folge nur zu einem Punkt, nicht aber zu einer Erkenntnis, denn wozu die beiden das alles inszenieren, wird leider gar nicht ganz klar. Auch der Höhepunkt wird eher bemüht herbeigeschrieben, als zu überzeugen und der finale Dreh läuft dann auch über eine unwichtige Nebenfigur, so dass eigentlich nur Fragezeichen bleiben, wer denn nun wann wer war.

Was alle Beteiligten so gesoffen hatten, ist auch die Frage bei „Nicht von dieser Welt“ (7), in der ein unabhängiger LKW-Fahrer nach einer Pleite in eine neue Ortschaft mit seiner Gattin ziehen muss. Zum Transport leiht ihm ein Kumpel einen Leichenwagen (!) und unterwegs gabelt er an einem Verkehrsschild ein perücktes Geschoss auf. Die Gute wirkt leicht „stoned“ und natürlich macht Franz der Schönen gleich noch ein paar Avancen, die ihm heute den Shitstorm seines Lebens einbringen würden. Dann fällt vor ihm auch noch ein Flugzeugtank vom Himmel und anschließend ist die Schöne weg, um dann daheim nach Sendeschluss (was das ist, lasst euch ggf. von euren Eltern erklären) ohne Ton auf seinem TV-Gerät aufzutauchen. – Zu all dem hatte ich ein paar passable Theorien Marke „Donnie Darko“, aber am Ende ist alles wieder mal mysteriös und unspektakulär und die Erklärungen für den TV-Auftritt ist so hanebüchen, als hätte man ihn hinterher ins Skript geschrieben.

Um hypnotische Einflüsse geht es dann in „Drei Stunden meines Lebens“ (8): Wolf Oeser hinterlässt einer unbekannten Schönen seinen Flugzeugplatz, dann aber stürzt die Maschine ohne Überlebende ab. Der Gute macht sich besessen auf die Suche und stolpert später tatsächlich über die Holde, die – wie wir aus der Rahmenhandlung wissen – irgendwann seine Frau werden wird. Ferner spielt noch ein grimmiger Bartträger mit erheblichem psychischen Einfluss eine Nebenrolle, aber erinnerungswürdig ist maximal, wie versucht wird, das Mysterium mit dem Presslufthammer wieder aufzulösen. Notgedrungen wird es uns erneut verbal nachgereicht, was übrigens wenig überzeugend ist. Ansonsten sind Parallelen zur ersten Folge irgendwie auffällig.

Wenn man mal von den sehr breit ausgewalzten Musikpassagen absieht, ist „Überirdische Melodie“ (9) eine der besten Folgen der Serie, denn tatsächlich hat man ein Minimum an Plot diesmal relativ strukturiert angeordnet und in ein nettes, kleines Mysterium gegossen. Orgel- und Pianokünstler Hammer findet beim Strandspaziergang einen Flaschenpost mit einer Seite Partitur, eingeworfen anno 1941 von einem Schiff, anschließend angeblich torpediert. Als er die Melodei dann mit seiner Touristenband bespielt, fliegen dem anwesenden Konsul samt Gattin die Hosen weg, denn ihnen kommt der Sound außerordentlich bekannt vor. – Wie gesagt, die kleine Story wird durch ausgiebiges Klavier-, Tonband und Orgelgedudel ausgewalzt, aber allein Achim Strietzel und Peter Capell in der Rahmenhandlung (ergänzt um einen ultrajungen Wilfried Claus, den wohl alle aus Soko 5113 kennen) sind das Erlebnis wert, mal wirklich eine runde merkwürdige Geschichte zu sehen.

Die gibt es dann mit „Ein Toter als Lebensretter“ (10) schon wieder weniger, aber dafür endlich den großen Bus-Stunt, der immer im Vorspann angeteasert wird. Dass da eindeutig ein anderer Bus die Böschung herab purzelt (ein Wrack), ist zwar überdeutlich, aber ein schöner Auftakt. Danach verflacht die Folge allerdings und ergötzt sich daran, Margot Philipps Beine in kurzen Röcken zu präsentieren, bis am Ende noch eine nette, aber unspektakuläre Pointe draufgesetzt wird. Botschaften aus dem Jenseits waren auch schon mal kreativer formuliert als in diesem mittelmäßigen Fall.

Gleich noch eine weitere Botschaft aus dem Jenseits bietet „Ein Wink des Schicksals“ (11), in dem ein Arzt in einem bayrischen Bergdorf voll mit abergläubischen Dumpfbacken von einer „Milchhexe“ hört und alle ständig Zeichen gegen den bösen Blick machen. Als sie ihm erscheint, macht er sich in seinem VW-Käfer auf die Socken, die Alm hinauf, wobei er Spaß mit Sackgassen, Steinschlag und anschwellenden Flüssen hat, es aber bis oben schafft. Dort erwartet eine nölige Hilfsbäuerin und ein kleines Mädchen, was neben seiner toten Mutter spielt. – Die Chose funktioniert wie bei der „Bahnstation“ über den hilfsbereiten Arzt, der den Unbillen der Natur ausgesetzt wird und sich das mehrfache Auftauchen und Verschwinden nicht erklären kann. Ansonsten ist die Story nicht sonderlich spannend, sondern braucht viel Anlaufzeit rund um Aberglauben, hat dann aber ein paar brauchbare Mysterymomente.

„Beschwörung um Mitternacht“ (12) klingt okkulter, als es am Ende ist, vor allem weil wieder der gleiche Gag wie in den Episoden zuvor gezogen wird. Ein Arzt im Nachtdienst bekommt ein weibliches Unfallopfer eingeliefert, der Überbringer wird noch verhört, als er auf dem Heimweg plötzlich die Holde auf dem Rücksitz auftauchen sieht, die ihn in eine abgelegene Ecke schickt, wo er dann noch ein Kind retten darf, das eigentliche Unfall-Fahrerflucht-Opfer. Auch hier passable Isolationsmystery, aber die Story ist sehr grobporig erzählt. Insgesamt aber noch okay.

Den Abschluss macht dann „Ein Schatten seiner selbst“ (13), in der ein Autor einen Roman verfasst, der wie es scheint, parallel gerade erst in der Realität stattfindet, während er ihn schreibt. Das alles ist – rund um einen Raub, Mordanschläge und finstere Araber mit Sonnenbrillen (bei Nacht!) – ist ziemlich wirr aufgebaut, bietet aber Gelegenheit, zum Finale mal ein Auto zu sprengen, auch wenn das alles wenig Sinn macht, bis es immer nachträglich erklärt wird.

So fällt auch auch bei der Ursprungsserie die knapp bemessene und ungenügende Entwicklungszeit auf (ein Beweis für die Vorgehensweise anderer Serien, ein Autorenteam zu beschäftigen, um die Abwechslung sicherzustellen), um alle Stories eher provinziell brav als „Urbane Legenden“ in nikotinhaltigen Plauschrunden nacherzählen zu lassen. Meistens reichen die Geschichten an sich nur für 10-15 Minuten der Folge, während alles übrige drumrum Füllstoff ist, vor allem die Verbindungen von Rahmenhandlung zu Mysteryfall sind häufig an den Haaren herbei gezogen.
Natürlich habe ich vom HR von 1970 nicht das Gleiche erwartet, was Rod Serling ein Jahrzehnt davor bereits an Qualität im Mysterybereich abgezogen hat, aber gloriose Noten kann ich auch „Merkwürdige Geschichten“ nicht verleihen, höchstens anerkennendes Lob, es mal versucht zu haben und dafür ordentlich was auf die Beine gestellt wurde. Ein dramatischer Vorspann allein, wiegt schwache Drehbücher, die einfach nicht auf richtigen Grusel oder wenigstens Spannung zugeschnitten sind, einfach nicht genügend auf. Immer wieder spürt man den richtigen Ansatz und dann verliert mal den Gruselfaden einfach wieder aus den Augen und beschäftigt sich mit überbordender Rederei oder verfällt auf personelle und dialoglastige Nebenstränge, die letztendlich völlig überflüssig waren.
Dennoch gibt es für die Serie sicherlich (Jugendzeit-)Fans und bei den dröseligen Wohnzimmerdramen dieser Zeit und der Gewichtung auf Polizei- und Familienserien war der Ansatz einigermaßen originell. Aber das Gefühl einer verschenkten Chance lässt sich auch nicht wegwischen.
Demnächst dann mit „Diamantendetektiv Dick Donald“ wieder in den Nachtprogrammen der Dritten, wenn die ungnädige Realität einen wach hält. Und jetzt mache ich mir einen Idee-Kaffee. Oder die Krönung.(4/10)

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