Nirgends ist man ja so gern kreativ in Hollywood, als wenn es darum geht, Serienmördern kreative Ideen zuzuschustern, mit denen sie Jahre der Vorbereitung verbringen können, auf das ein bis zwölf begriffsstutzige oder uninformierte Beamte/Detektive/arme Laien dann doch innerhalb von gut zwei Stunden Filmzeit drauf kommen, um ihre Mutter/Schwester/scharfe Nachbarin zu retten.
Die sieben Todsünden sind durch, zahlreiche Kunstwerke schon benutzt, der eigene Berufsstand imitiert, die Bibel gefleddert und diverse Auszüge der Literaturgeschichte haben auch schon dran glauben müssen - ergo reißt das Thema keinen mehr dermaßen vom Stuhl, daß damit noch ein großer Kinostart zu schaffen wäre.
Mit "Anamorph" kam dann 2007 doch noch ein kleiner Nachzügler, der auf dem Kunstsektor ein Hintertürchen gefunden hatte, daß noch nicht breitgewalzt worden war: die Anamorphose.
Dabei handelt es sich um ein Malverfahren, bei dem Bilder erschaffen werden, die nur unter Zuhilfenahme eines Spiegels oder bspw. eines spiegelnden Zylinders sichtbar werden, bisweilen angewandt allein bei Elementen innerhalb eines "normalen" Bildes.
Solche Bilder zu entschlüsseln ist natürlich für einen Visualisten eine knorke Sache, denn damit kann man einige Aha-Effekte innerhalb eines Thrillers bewerkstelligen und hat darüber hinaus reichlich Showfaktoren am Start.
Schade nur, daß Henry Miller, der für diesen Thriller verantwortlich war, zwar einige Mühe in die (sicher nicht einfache) Konstruktion dieser Mordmethoden und Aufschlüsselungen investiert hat, ansonsten aber die feinen Regeln eines guten Films leider vernachlässigte.
Mit Willem Dafoe und dem inzwischen ebenfalls nicht mehr unbekannten Scott Speedman (der schon in "Underworld" nicht durch Charisma auffiel) hat man durchaus namhafte Darsteller am Start, aber der Film leidet, abgesehen von einer recht schönen Kameraarbeit, die die Isolierung des Individuums durch aufwändige Ausleuchtung und Dimensionierung der Räume hervorragend einfängt, an akuter Anämie.
Hier ist sonst alles enthalten: der Polizist mit dem großen Bekanntheitsgrad, der an seinem letzten, fünf Jahre zurückliegenden Fall, immer noch herumkaut und die Menschen meidet; das im Hintergrund lauernde Trauma, die individuelle Fixierung (Dafoe sammelt sehr alte Stühle) und der persönliche Bezug des Killers zum Polizisten, der zumindest dem Zuschauer von Anfang an klar ist.
Dennoch fehlt es an vielem, vor allem aber an Charakteren. Dafoes's Stan Aubrey ist einer der unzugänglichsten Figuren seit langem, ein großer Schweiger und Leider, der es schafft, praktisch über die volle Laufzeit komplett zuzumachen und weder Fragen von Betroffenen, Bekannten, Freunden oder Kollegen zu beantworten, sei es über sich oder über den letzten Fall.
Kein Wunder also, daß sein Kollege Carl (Speedman) die meiste Zeit des Films bis zur Schmerzgrenze gereizt ist, weil er a) nichts von seinem Kollegen erfährt, b) trotzdem von ihm an der kurzen Leine gehalten wird und c) ein generell oberflächliches Bullenschwein ist, wie sie stets zu Dutzenden in diesen Filmen rumäsen und den Berufsstand für die Wirklichkeit ruinieren.
In geradezu meditativ ruhigen Sequenzen erfaßt Kameramann Fred Murphy dann zwar eine erhabene Stimmung in tollen Bildern (immerhin ist der Mann geradezu ein Veteran auch des Thriller- und Horrorgenres), aber letztendlich bietet der Plot eigentlich nichts als Verzögerungstaktiken. Das ist besonders offensichtlich in den wenigen Szenen, in denen der allgegenwärtige Peter Stormare (ausnahmsweise mal nicht als "Bad Guy") als nöliger Kunsthändler in wenigen Sekunden immer all das aufarbeitet, worüber Dafoe den halben Film still vor sich hin grübelt.
So bleibt letztendlich alles an der "Anamorphie" hängen, die natürlich durch interessante Mordtableaus die Phantasie des Zuschauers befeuern soll. Bilder werden analysiert, übereinander gelegt, projeziert und in einer sehr morbiden Sequenz wird ein Opfer als gigantisches Tintenfaß mißbraucht, mit dessen Hilfe ein Bild im wirklich "großen Stil" fertig gemalt werden muß.
Das Problem: außer gut informierten Zeitgenossen wissen die meisten Zuschauer vermutlich wenig bis gar nichts über Anamorphie und bis auf ein paar dürftig hingeworfene Einzeiler passiert das auch im Film kaum. Das Wunderwerk der Kunst langsam zu offenbaren, fällt hier komplett aus, anstatt in Ideen zu schwelgen, dauert es eine Stunde, ehe mal wieder etwas wie eine Erklärung folgt (und wieder von Stormare). Hier rächt sich auch die opulente Kameraarbeit, denn immer dann, wo man detailreich an die Bilder und Kompositionen herangehen müßte, steht die den Raum erfassende Kamera leider am falschen Platz - und daß man es mit ergänzenden Erklärungen eh nicht so hat, ist ja bereits bekannt.
So erscheint die ganze "Tintenfaß"-Sequenz mit all seiner Technik absolut unübersichtlich und rätselhaft, der historische Bezug nebulös und daß die Beamten tatsächlich Dafoe mit dem Blut des Opfers ein Fünf-Meter-Gemälde fertig malen lassen, ist mehr als widersinnig.
Natürlich folgt auf all das ein arg persönliches Finale mit einer bösen Pointe - die Decouvrierung des Täters allerdings ist eine Banalität.
Wenn am Schluß dann aufwändige Tricktechnik das finale Kunstwerk enthüllt, greift man dann doch lieber zu PC-Kreationen und weil sich alles eh schon tonal lange vorher angekündigt hat - und Dafoes Figur weißgott nicht sonderlich sympathisch oder zugänglich ist - fiebert man auch nicht besonders mit, man will den Clou eigentlich nur abhaken.
Insofern: optisch einen neugierigen Blick wert, ansonsten aber eine große Tüte Geduld ins Handgepäck oder ein Faible für schöne Bilder, als Thrillerplot läuft der Film in seiner düsteren Machart zwar solide vor sich hin, tritt aber leider auf der Stelle. Und sättigen kann er nie, denn der emotionale Faktor ist bei allen graphischen Schauwerten immer der Motor, ohne den leider nichts läuft. (4/10)