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Er einte zahlreiche Mongolenstämme, führte Krieg gegen benachbarte Völker und dehnte sein Reich dadurch soweit aus, dass es in seiner Blütezeit vom Japanischen bis zum Kaspischen Meer reichte: Temudjin, oder besser bekannt als Dschingis Khan. Dass große und schillernde Persönlichkeiten der Geschichte nur selten von ambitionierten Monumentalfilmen verschont bleiben, trifft auch für den größten mongolischen Herrscher der Geschichte zu: Bereits 1965 schwangen Omar Sharif und Eli Wallach in Genghis Khan die Krummsäbel.

Dennoch haftet Mongol, Kasachstans Beitrag zur Kategorie des „Besten nicht-englischsprachigen Films" auf der Oscarverleihung 2008, der Eindruck von etwas noch nie Dagewesenem, etwas Einzigartigem an. Eindrucksvolle Schlachtenszenen, historisch authentisch anmutende Kulissen, intime Momente voller Zärtlichkeit und Landschaftsaufnahmen von beeindruckender Schönheit lassen erkennen, dass ein für eine kasachisch-russische Co-Produktion hohes Budget von ca. 18 Mio. US-Dollar für ein mitreißendes Epos um die Kinderjahre und den Aufstieg Temudjins zum Dschingis Khan gut angelegt wurde.

In den 1170er Jahren geht der 9-Jährige Temudjin (Odnyam Odsuren) mit seinem Vater, einem Khan, auf Brautschau. Temudjin wird mit Börte (Bayertsetseg Erdenebat), der Tochter eines fremden Stammesführers fündig und die beiden treten die Rückreise an, auf welcher sein Vater von einem feindlichen Stamm vergiftet wird. Wieder im heimischen Stamm angekommen, wird Temudjin nicht als Nachfolger seines Vaters als Stammesführers angenommen und die Sippe bricht auseinander. Es beginnt eine Zeit der Entbehrungen und des Martyriums von Temudjin, der während dieser Zeit immer wieder gefangen und als Sklave gehalten wird. Er macht Bekanntschaft mit dem jungen Jamukha, mit der er eine Blutsbrüderschaft eingeht. Herangewachsen zu einem wehrhaften Mann (Tadanobu Asano) macht er mit Waffengewalt seine Ansprüche auf seine Frau Börte (nun: Khulan Chuluun) geltend und es kommt zum Bruch mit Jamukha (Honglei Sun), gegen dessen hoch überlegenes Heer er schließlich die entscheidende Schlacht um die Herrschaft der mongolischen Stämme führt...

Mongol
hält sich dabei weitestgehend an den Verlauf der Geschichte, wie sie in Die geheime Geschichte der Mongolen, dem ersten literarischen Werk der Mongolei überhaupt welches nach dem Tode Dschingis Khans entstand, niedergeschrieben wurde. Darin wird mit einigen Lücken die Geschichte um den Aufstieg und Werdegang der Sippe Dschingis Khans erzählt. Selbige Lücken in der Narration fallen auch im Film auf und wurden meist durch Mythen gefüllt, was hin und wieder den Eindruck einer gewissen Konstruiertheit bei der Biografie Temudjins hinterlässt. Insbesondere die Sequenz, als Temudjin im Gefängnis gehalten wird und ihm dann ein Mönch mit der Vorahnung, dass aus ihm ein mächtiger Herrscher werden kann, hilft, indem er seine Frau verständigt, wirkt doch sehr rätselhaft. Die starke Einbettung in Religion in allen Ehren (Temdudjin fleht häufig den „Gott des blauen Himmels" um seine Hilfe an), aber zuweilen wird die Nutzung dieses Motivs etwas überstrapaziert. Auch bei der finalen Schlacht, die in Sachen effekttechnischer Perfektion und eindrucksvollen Massenszenen jener aus The Lord of the Rings: The Two Towers beinahe ebenbürtig ist, fällt diese mythische Überhöhung durch die wieder nur allzu gern aufgegriffene Dämonisierung von Naturschauspielen und der Macht der Natur negativ auf.

Dabei verrät Mongol jedoch nie seinen Anspruch, ein realistisches Porträt vom Leben Temudjins im 12. Jahrhundert zu zeichnen. Abgesehen von der finalen Schlacht zwischen ihm und seinem verfeindeten Blutsbruder Jamukha haben eine Handvoll weitere (kürzere) Kampfsszenen in den Film Eingang gefunden, die zumeist mit einer Handkamera im verwackelten Point Of View der Beteiligten fotografiert wurden. Das Leben der Mongolen allgemein und Temudjins im Besonderen wird dabei als rau und entbehrungsreich vorgetragen: Eindrucksvolle Aufnahmen von weiten, aber tristen und nahezu leblosen Landschaften der mongolischen Steppe illustrieren dies.

Das immer wieder aufgegriffene Leitthema des Films, dass traditionelle Sitten und Gebräuche um der Aufrechterhaltung der Ordnung willen erhalten werden, zeugt von dem Tiefgang dieses Films. Er ist mehr als ein durch einen starken Ehren- und Gesetzeskodex überfrachtetes, faschistisches Actionspektakel, wie es 300 vorgeworfen wird: Die von Dschingis Khan aufgestellten, verbindlichen Regeln um die Gefolgschaft eines Herren etc. dienen jenem Ziel der Gleichbehandlung aller. Spartanischer Unterdrückung steht mongolischer Ordnungswille gegenüber.

Auch wenn Temudjin als Erleider eines Martyriums, furchtlosen Überlebenskünstler und Ausnahme-Kämpfer (der deswegen keine Angst vor Gewitter hatte, weil er sich nie davor verstecken konnte) eher glorifiziert als kritisch reflektiert wird und Mongol in der Darstellung der Liebe zu Börte öfter in seiner mitreißenden, beinahe pathetischen Kraft notdürftig die Klippen des Kitschs umschifft, bleibt er eine wuchtiges, was Bild- und Tonkompositionen angeht enorm kraftvolles Historienepos, das erstaunlich ausgeglichen zwischen Liebesgeschichte, Adoleszenzdrama und Actionspektakel die Balance hält. Dieser Monumentalfilm bewegt, erschüttert, rockt und stimmt nachdenklich - gleichermaßen. Wann konnte man diese beinahe einzigartige Kombination zuletzt von einem Film behaupten? (8/10).

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