Review

Nach dem unglaublichen Erfolg von George A. Romeros DAWN OF THE DEAD (1978) witterte die italienische Filmindustrie das Publikumsinteresse und sah sich zum schnellen Handeln veranlaßt. Das Ergebnis präsentierte sich nur wenige Monate später, im August 1979, mit dem offiziellen Kinostart von ZOMBI 2 – wie man sich denken kann, wurde der Titel bewußt gewählt, um eine Fortsetzung von Romeros Meisterwerk vorzugaukeln (in Italien lief der Streifen unter dem Titel ZOMBI) –, und leitete zugleich den ersten Beitrag einer kurzlebigen italienischen Zombiefilm-Welle ein. Der Regisseur war kein Geringerer als Lucio Fulci, der sich mit seinen späteren Werken in die Herzen der Fans wühlen sollte, und zuvor für billiges Geld Komödien und Western inszenierte und in den Siebzigern für harte Thriller bekannt war. Jedoch war Fulci nicht die erste Wahl für die Besetzung des Regiestuhls. Die Inszenierung sollte eigentlich Enzo Girolami alias Enzo G. Castellari übernehmen, der den Liebhabern von Italo-Western mit seinem 1977 entstandenen düsteren Meistwerk KEOMA ewig in Erinnerung bleiben wird. Doch er lehnte aus persönlichen Gründen das Angebot ab und erklärte, daß er mit derartigen Filmen nicht viel anfangen kann und sich nicht als der richtige Regisseur für einen Horror- bzw. Zombiefilm sieht. Fulci dagegen willigte sofort ein und konnte mit dem internationalen Erfolg von ZOMBI 2 seine damaligen Finanzprobleme vom Tisch fegen. Drehbuchautor Dardano Sacchetti hatte jedoch eine simplere Erklärung für den Regiewechsel. Seiner Ansicht nach wurde Castellari „von Fulci ersetzt, weil dieser weniger Geld forderte“.

Die Außenaufnahmen für die berühmte Anfangssequenz drehte man in New York, während die tropische Kulisse im malerischen Santo Domingo auf den Antillen eingefangen wurde. Die restlichen Drehorte, wie die Innenaufnahmen des Hospitals oder der verfallene Konquistadorenfriedhof, der zudem für eine der bemerkenswertesten Momente des Filmes sorgt, entstanden in heimischen Gefilden. Dardano Sacchetti, dessen Mitarbeit am Drehbuch von ZOMBI 2 angeblich aus steuerlichen Gründen verschwiegen werden mußte und nur seine Ehefrau Elisa Briganti in den Credits auftaucht, erklärt auch, wie und warum es zur Produktion des vorliegenden Films kam: „Der Erfolg von George Romeros Film in Italien veranlaßte die kleine Produktionsfirma Variety Film ein Plagiat zu kreieren. Unser Problem war, eine Geschichte zu schreiben, die Zombies enthielt, ohne Romeros Werk direkt zu kopieren. Das Manuskript wurde in 15 Tagen fertig gestellt. Elisa und ich dachten uns eine exotische Geschichte aus, im Gegensatz zu der urbanen Story von Romero. In seinem Film überwiegt der soziale Charakter der Zombies, während sie bei uns nur einfach Tote sind, die aus ihren Gräbern steigen.“

Die unter dem vorläufigen Titel L’ISOLA DEL MISTRO spielende Story könnte man durchaus als Bogenschlag zwischen dem atmosphärischen, klassischen Horrorfilm und dem modernen Splatterfilm betrachten, wenngleich viele Kritiker dem entgegenwettern. Dabei werden die antiutopischen Tendenzen aus Romeros Zivilisationshorror weitgehend beseitigt und die Thematik kehrt zurück zu ihren exotischen Wurzeln der Zombiemythologie. Doch trotz aller Anspielungen wird der angegebene Ursprung (Voodoo) nie endgültig aufgeklärt. Es wird lediglich verdeutlicht, daß nicht alle Phänomene wissenschaftlich erklärbar sind. Grund dafür könnte auch das dürftige und unter Zeitdruck erstellte Skript sein. Natürlich kommt ZOMBI 2 nicht ganz ohne Anspielungen an DAWN OF THE DEAD vorbei und so gibt es in der Schlußsequenz schlürfende Zombies auf der New Yorker Brooklyn-Bridge, die letztlich eine Art apokalyptisches Szenario einleiten. Jedoch schafft es der Streifen dank der technischen Versiertheit von Lucio Fulci mit höherem Tempo zu unterhalten und beherbergt sogar einige originelle Ideen, die den Film trotz seines geringen Budgets aus der Vielzahl unterdurchschnittlicher Machwerke herausheben. Unvergeßlich bleibt in diesem Zusammenhang die einmalig bizarre Szene mit dem Unterwasserzombie und dem Hai, die man in dieser Form weder zuvor oder nachfolgend irgendwo in ähnlicher Form wieder gesehen hat.

Doch nicht nur Fulcis routinierte Regiefertigkeit verhalf dem Film zu einem Klassiker des modernen Horror- und Splatterfilms zu werden, sondern auch die unermüdliche Kameraarbeit von Sergio Salvati, der mit einer Menge Zooms auf Augen, Gesichter und dergleichen, und fast reißerischen Schwenks eine nahezu surreale Atmosphäre in die eher realistische Abfolge von Giannetto De Rossis detailfreudigen wie unappetitlichen Spezialeffekten zauberte. Bei der berühmten wie berüchtigten Augenszene, in der Olga Karlatos’ Sehfähigkeit durch einen Holzsplitter wortwörtlich auf eindringliche Weise getrübt wird, liegt einem auch heutzutage noch ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Doch nicht nur diese Effektszene, sondern auch die restlichen blutrünstigen Szenarien bilden einen Hauptteil in dem visuellen Ausgangspunkt von ZOMBI 2. Und im Gegensatz zu Romeros filmischem Vorbild werden Kopfschüsse, Gedärmehappenings und andere Detailfreudigkeiten nicht kurz und brutal zelebriert, sondern genüßlich und beinahe episch ausgeweitet. Ein Stilmittel, das Fulci in seinen Folgewerken wie L’ALDILÀ (1981) oder LO SQUARTATORE DI NEW YORK (1981) perfektionieren und hierzulande recht schnell die bundesdeutsche Justiz beschäftigen sollte. Die Katholische Filmkritik schrieb von einem „Blutrunst, ekelerregendes und Nuditäten mischendes, keinen Effekt verschmähendes Horrorspektakel, das eine radikale Vernichtung von „Lebensunwertem“ und Abartigen befürwortet“.

In gewisser Weise mag dieser drängende Vorwurf sogar stimmen, aber Fulci und seine ihm nachfolgenden Kollegen hatten die Zeichen ihrer Zeit erkannt, und das Publikum war begeistert von seinem Horrordebüt. Auch wenn die Mentalität, nichts mehr der Phantasie des Zuschauers zu überlassen, den illusionistischen Prozeß des Horrorfilms vernichtet, sind derlei Effekthascherei eine modernisierte, wenngleich primitivere Art des filmischen Schockmoments. Zudem stellen die Schnittmontagen von Vincenzo Tomassi die Ausnutzung des totalen Sehens immer wieder auf die Probe, wenn der Blickwechsel sich auf Momentaufnahmen von vermeintlicher Ursache und ihrer Wirkung konzentriert, die im Grunde völlig belanglos sind. Eine andere sehr ungewöhnliche Unterstützung findet sich dabei in unnatürlichen Tonerhebungen diverser Geräuschkulissen, wie das Schmatzen der menschenfleischfressenden Zombies, das Reißen von Fleischstücken, das Krachen diverser Schläge oder das glitschige Geschlinge von Maden und Würmern. Teilweise bewirkt das einen Hauch von unfreiwilliger Komik, wären die zusammenhängenden Umstände von anderer Natur. Doch das spricht wieder für den Regisseur Lucio Fulci, der zwar keinesfalls in die Riege der intellektuellen Filmemacher einzustufen ist, aber um so stärker sein Talent auf visueller und eben auch akustischer Ebene beweisen konnte.

Apropos Akustik. An dieser Stelle sei noch der eingehende Soundtrack von Fabio Frizzi und Giorgio Tucci erwähnt, der mit seinem Einsatz von Synthie-Beats sowie einigen atmosphärischen rituellen Einlagen und dem beschwingenden Hauptthema nicht ganz unschuldig an dem legendären Kultstatus von ZOMBI 2 ist. Eine besondere Wirkung entsteht, ob gewollt oder unabsichtlich, beim hintergründigen Score. Und zwar läßt sich nie genau feststellen, ob die Musik nun als Untermalung oder sich integrierend abspielt. Das merkt man bei den Ritualklängen und den beigewohnten Gesängen, von denen man erst ausgeht, daß es Stilmittel des Films ist und plötzlich aufgrund der Dialoge erkennt, daß sie wirklich im Film stattfinden. Das führt in gewisser Weise dazu, daß der Zuschauer mitten in die Handlung gezogen wird und nicht nur teilnahmsloser Betrachter bleibt. Den Höhepunkt erreicht der Film in der albtraumhaften finalen Auseinandersetzung in der brennenden Dorfkirche. Der enorme internationale Erfolg von Zombi 2 zeugt von der Tatsache, daß das zumeist jugendliche Publikum „Blut geleckt“ hatte und beflügelte Produzenten und Regisseure nicht nur aus Italien dazu, auf dieser Linie weiterzufahren. Knapp ein Jahr später kehrte Lucio Fulci mit seiner nächsten Arbeit, PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI, in die Kinos zurück. Aber das ist eine andere Geschichte…

Details
Ähnliche Filme