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„Hier gibt es nichts mehr zu tun- das Schiff kann auslaufen!"
Welches andere Zitat außer dieses könnte man als repräsentativ für diesen Film auswählen? Mit diesem Zitat- oder besser, diesem Film- begann die letzte und wohl wichtigste Phase im Schaffen des italienischen Regie- Handwerkers und Hansdampf- in- allen- Gassen Lucio Fulci, der zuvor, ebenso wie seine Kollegen Sergio Martino oder Umberto Lenzi, schon alle möglichen in den Hochzeiten des italienischen Kinos gängigen Genres durchgehechelt hatte. Nach dem unglaublichen Erfolg von George Romeros „Dawn Of The Dead" war WOODOO der Startschuß für eine Schwemme italienischer Zombiefilme, unter denen Fulci sicherlich die qualitativ hochwertigsten schuf...
Der umtriebige Regisseur hatte nach einem Italowestern-Nachzieher namens SILBERSATTEL (1978), der im Zuge des Erfolgs von Enzo Castellaris KEOMA- DAS LIED DES TODES (1976) entstand, einen Karriereknick zu verzeichnen, aus dem ausgerechnet Castellari ihm half. Denn der lehnte die Arbeit an WOODOO ab, da ihm laut eigener Aussage das Horrorgenre nicht lag. Fulci hatte da keinerlei Berührungsängste und nahm das Projekt an, das zu einem seiner größten Erfolge wurde. Nicht zuletzt setzte man der düsteren, bedrückenden Atmosphäre von DAWN ein erbauliches Südseeflair entgegen und eliminierte die sehr direkte Gesellschaftskritik Romeros. Damit ging man wieder zu den Ursprüngen der Zombiemythologie zurück, die mit Filmen wie WHITE ZOMBIE (1932) begründet wurde. Stattdessen baute Fulci im Geiste des Originals ein paar derbe Goreszenen ein, die auf maximalen Schockeffekt hin inszeniert wurden. Wer könnte die Splinter in the eye- Szene vergessen? Doch man tut dem Film unrecht, wenn man ihn auf Goreszenen reduziert. Besonders bei den nachfolgenden Horrorfilmen Fulcis kam neben der trashigen Komponente auch ein gerüttelt Maß an Atmosphäre hinzu. Bei WOODOO ist diese noch nicht ganz so ausgeprägt, doch zieht sich eine mehr oder weniger stringent verfolgte Bedeutungsebene durch den Film: Die Zombies sind hier weniger eine Metapher für den modernen Konsummenschen, sondern verkörpern die Rache der dritten Welt an der Wohlstandsgesellschaft. Die Insel Matul wird als ein Brennpunkt zwischen zwei Religionen gezeichnet, wie wir einem Vortrag von Hauptakteur Brian entnehmen können. „Ich kenne die Gegend hier seit mehr als zehn Jahren. Wenn es Probleme gibt, dann durch die beiden Religionen...Zum Beispiel die katholische, die die Spanier hier eingeführt haben, und die afrikanische Urreligion, zu der sich die Eingeborenen bekennen." Später, als die Hauptprotagonisten unvorsichtigerweise auf einem Friedhof rasten, der den Konquistadoren als letzte Ruhestätte gedient hatte, stehen diese aus ihren Gräbern auf und überfallen die Eindringlinge, die zuvor alles, was mit Voodoo zu tun hat, lautstark als lächerlichen Aberglauben abgetan hatten und für diese Verachtung nun blutig bezahlen müssen.
Doch Fulcis Horrorfilme wurden sehr bald auch für ein anderes Thema bekannt, dass in den nachfolgenden Filmen, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) und insbesondere DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES (1981) immer stärker von jeglicher Handlungsrelevanz abgekoppelt wurde: Schon in WOODOO spielen Blicke eine große Rolle, so zu Beginn, wenn sich eine Waffe auf den Zuschauer richtet, und wir im Gegenschnitt die Perspektive des Waffenträgers einnehmen und in Nahaufnahme den Treffer begutachten können. „Sieht man einmal genauer hin, zeigt sich jedoch, dass es Fulci trotz aller billigen Effekthascherei bisweilen durchaus gelingt, seinen eigenen Ansatz zu reflektieren, ironisch mit ihm zu spielen und den Realismus damit teilweise zu entschärfen. So spielen Blicke in ZOMBI 2 auch dann eine Rolle, wenn es, zumindest nach den Regeln des Exploitation- Films, gar nichts Aufregendes zu sehen gibt", schreibt Norbert Stresau in seinem interessanten Buch „Der Horrorfilm: Von Dracula zum Zombie-Schocker" (Wilhelm Heyne Verlag; München 1987), „...Auch als die vier Hauptdarsteller die augenlose Leiche von Olga Karlatos entdecken, konzentriert sich Fulcis Inszenierung beinahe zur Gänze auf den Blick. Statt sich auf den üblichen Gegenschnitt von der Wirkung auf die Ursache zu beschränken, taucht der Film den Zuschauer in ein wahres Meer der Blicke und serviert nicht weniger als vier (!) extreme Nahaufnahmen eines Augenpaars."
Aber auch die (teilweise unfreiwillig) humorigen Elemente kommen daneben zum Tragen: Zum Beispiel die Szene, in der sich die aparte Auretta Gay fast nackt auf einen Tauchgang vorbereitet, beglotzt von allen Mitreisenden, lediglich den zu ihr in nicht näher definierter Beziehung stehenden Brian alias Al Cliver scheint das nicht sonderlich zu erstaunen. Noch unglaublicher wird die Szene allerdings später, als die gute Auretta vor einem Hai Reißaus nehmen muß und sich an einem Felsen am Meeresboden verstecken will- hinter dem plötzlich ein Zombie auftaucht, der sich auch noch einen Zweikampf mit dem Hai liefert! Dazu zeigen hier zwei Briten ihr Können, nämlich Charakterdarsteller Richard Johnson, der immer noch fleißig mit von der Filmerei ist, als stoischer Doktor; und Ian McCulloch, der hauptsächlich durch TV- Auftritte in Serien wie DEMPSEY & MAKEPEACE, POIROT oder BERGERAC bekannt wurde. Ein kleines bisschen Kultstatus sicherte er sich durch seine Auftritte in italienischen Werken wie WOODOO, ASTARON- BRUT DES SCHRECKENS oder ZOMBIES UNTER KANNIBALEN (alle 1979), mit denen er sich wohl einen verlängerten Südseeurlaub finanzierte. Während er in WOODOO allerdings relativ zurückhaltend agiert, zeigt er in ASTARON, wo der Overacting- Hammer hängt- Humorfaktor garantiert. Da beide Filme zudem auf die gleiche Weise beginnen (unbemanntes Schiff taucht im New Yorker Hafen auf und wird von der ratlosen Künstenwache in Empfang genommen), sollte man beide auch am besten im Doppelpack genießen.

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