Und noch eine Runde durch das Horrorfanbasisprogramm aus dem Hause Fulci, denn wer sich schon durch Videonasties wie "Über dem Jenseits" kaut, der muß auch "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" schlucken können.
Der Rip-Off nach George A. Romeros bahnbrechendem "Dawn of the Dead" war zwar für die italienische Filmindustrie zu dieser Zeit nur zu folgerichtig, aber man muß den Film auch unter dem Faktor betrachten, daß es Fulcis Einstiegsfilm in eine ganze Reihe von sehr brutalen und qualitativ mehr als holprigen Filmen war, die seinen Ruhm als Regisseur unter Horrorfans erst richtig begründete. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem hochwertigen, aber kaum bekannten "The Psychic" noch ganz andere Felder beackert, was Spannung und Intensität betraf und ab diesem Punkt kamen die Meilensteine, die eigentlich aus Lumpen gefertigt waren.
Generell gilt "Woodoo" als einer von Fulcis besseren Splatterfilmen, sagt man ihm doch eine wunderbar morbide Atmosphäre und einige denkwürdige Szenen nach, die bei Fans immer gern zitiert werden, sobald die zweite Runde Bier auf dem Tisch steht. Als da wären: der Riesenfettsack von einem Zombie auf dem verlassenen Boot vor der Skyline von New York; Auretta Gays Tauchgang mit Haiattacke und Zombiekuscheln gleichzeitig; ein abstehender Holzsplitter, der sich in Olga Karlatos Auge bohrt (oder umgekehrt: sie wird in ihn gebohrt), viele modrige Zombies, die eine alte Missionskrankenstation stürmen; Kopfschüsse, Gematsche und natürlich die ikonenhafte Anfangszeile, in der Richard Johnson im Schlagschatten nach einem Kopfschuß für einen Vermummten ominös intoniert: "Hier gibt es nichts mehr zu tun. Das Boot kann auslaufen!".
Jepp, wenn man diese Stellen oft genug in einschlägiger Literatur gelesen hat, gewinnen sie ein qualitatives Eigenleben, das jenseits realistischer Einschätzungen steht und da die Fans von Gore und Splatter eben hauptsächlich an diesem interessiert sind und weniger an zivilisationskritischem Gequatsche von Leuten in einer Mall, bevorzugen so manche lieber Fulcis direkten Freistoß ins Heimatland der lebenden Toten.
Immerhin, das ganze Geschehen in den Karibikbereich der Antillen zu verlagern, wo Voodoo oder ähnliche Religionen mit ihren Kern haben, schlägt eine Brücke zurück in die seligen Zeiten Val Lewtons, aber die ganzen legendären Szenen müssen auch irgendwie einen Film ergeben, der als Ganzes konsumiert werden kann. Anders als später bei "Über dem Jenseits" wurde hier noch nicht ganz so bewußt auf Story und Kohärenz geschissen, "Woodoo" hat sogar so etwas wie eine lineare Storyline, die man über 90 Minuten verfolgen kann.
Was aber wiederum nicht heißen soll, daß diese ausgewogen oder schlüssig oder geschickt konstruiert daherkommt.
Die besten Szenen des Films sind eindeutig die der ersten Viertelstunde, die das Einlaufen einer unbemannten Segeljacht in den Hafen von New York zeigen; ein Geisterschiff vor einer mehr als imposanten Kulisse, der Vorbote zur Apokalypse, die sich daraus entwickelt - wovon der Film dann aber doch nicht handelt. Ein netter Biß in den Hals eines Wasserschutzpolizisten, ein sich bewegender toter Körper im Leichenschauhaus, Leichenteile im müllübersäten Schiff, hier hat der Film noch Fahrt, krankt aber da schon daran, daß sich daraus ein Film entwickeln könnte, der an Romero anschließt (oder ihm vorläuft), ohne daß man interessiert wäre, diesen Film auch zu drehen.
Sobald sich der rieselnde Reporter Ian McCullogh und die sich wegen ihres bekannten Nachnamens vorbelastet abstrampelnde Tisa Farrow gefunden haben, kriegt der Film einen Knacks. Zwar ist das, was daraus entsteht, nicht wirklich schlecht, aber "dull" wie der Brite sagt, ein zähes, Löcher füllendes Nichts, zu dem auch die angesprochene Hai-Zombie-Sequenz gehört, die eigentlich mehr dadurch Aufsehen erregen sollte, daß Auretta Gay mit nicht mehr als einem Ritzenschieber aus dem Swingerclub und nackten Hupen über die Reling geht. Der "Kampf" an sich ist wenig mehr als ein nettes Nebenherschwimmen mit roter Farbe, aber tolerabel geschnitten. Jedoch kaum legendär.
Wenn sich die Action dann auf die Insel der Zombies verlagert, krankt Fulci aber plötzlich wieder an seiner Erklärungsnot. Klar, das sollen alles bloß Schauwerte sein, aber die Teile passen selten zusammen. Weder das Eingeborenendörfle, noch die Krankenstation bieten so etwas wie Substanz, endlos wandert der heruntergekommene Richard Johnson (der einstmals Meisterwerke wie "Bis das Blut gefriert" miterschuf) als Dr.Menard mit dem Zwölftagebart durch die Reihen der Kranken und schaut ihnen verzweifelt beim Sterben zu. Sind sie denn endlich tot, hadert er mit sich, der Welt, den Insulanern und der Theorie der lebenden Toten und verlangt offenbar eine wissenschaftliche Erklärung, für die er genausowenig Daten hat, wie für das übernatürliche Gegenteil. In einer Endlosschleife wartet er dann ständig mit der Knarre in der Hand und pustet Kopflöcher in Zeitlupe, anstatt das Sicherheitskillen auf die Schnelle zu erledigen.
Fulci filmt brav, aber das Drehbuch von Elisa Briganti bringt den Kahn zum Kentern, denn anders als Romero, der neben der Zivilisationskritik auch noch eine gewisse Basis für seine Toten samt Erstehungstheorien mitlieferte, schweben die Personen auf der Insel Matul ständig im Nichts: niemand weiß, warum sie überhaupt da sind; wieso sie tun, was sie tun; wo das hinführen soll und warum sie nicht an einem alternativen Fluchtplan arbeiten. "Ich glaube, die Toten sind nicht tot. Es gibt nichts Totes!" - auch einer dieser ominösen Zitate faßt diese erzählerische Perspektivlosigkeit gut zusammen.
Logischerweise kann der Film so ohne Anfang auch nirgendwo hin führen, es sind halt Untote da; die Insulaner sind geflohen und beuteln ihre Trommeln wund, tauchen aber in keiner einzigen Szene des Films auf. Stattdessen halten alle redundante Selbstgespräche und sind ungefähr stets und ständig so gut auf der Hut wie ein lobotomisiertes Erdferkel.
Für Letzteres spricht auch die Tatsache, daß des Doktors Frau in einem 8 Meilen entfernten Häusle allein gegen die Untoten antreten darf und kein Fluchtauto besitzt und die wackeren Segler/Detektive ohne Hinweise auf mögliche Gefahren mal so eben locker genau durch das Zombiegebiet geschickt werden, bis eine lustige Freßparty im Wohnzimmer auf erste Ideen bringt. Später sorgen die Betreffenden für die mieseste Verbarrikadierung der Filmgeschichte und kontrollieren nicht mal auf Gefahren von innen, bringen die alten Gags mit dem Auf-die-Brust-Zielen, wenn die bewährte Methode schon bekannt ist und werden später mittels Molotovcocktails dann von der Regie so gut unterstützt, daß die erste Flasche gleich fünfmal geworfen wird, um den Effekt zu verstärken.
Falls das eine Metapher sein soll, daß alle Anwesenden einen Überlebenstrieb aufweisen, der sich kaum von dem der Untoten unterscheidet, hätte man ihn jedoch besser einbauen können, denn spätestens wenn Al Cliver vor seiner untoten Geliebten zum Stehen kommt, einfach mal traurig ins Leere schaut (die Hauptbeschäftigung alle Beteiligten, die von Norbert Stresau mal als "Kino der Blicke" ausgelegt wurde, was der allgemeinen Ratlosigkeit zu viel Ehre zuschanzt) und so lange wartet, bis Uschi ihm den Arm abkaut, geht der Nervfaktor doch in ungeahnte Höhen.
Wobei der sowieso schon dadurch angereichert wird, daß die Panik- und Fluchtaction, das dolle Verschanzen und Bekämpfen eigentlich gerade mal die letzten 15 Minuten des Films ausmacht, bis dahin verteilt Fulci Streckungsplacebos, hat aber mit der Sequenz auf dem Konquistatorenfriedhof wenigstens noch etwas Atmosphäre zu bieten.
Der Rest des Films definiert sich über die Goreeffekte, die sich dann aber doch in den munteren Zombiemasken erschöpfen, die wie üblich in bella italia aus 50 Prozent Verwesungskalamatsch bestehen, unter dem man die beabsichtigten Einschüssen gut unterbringen kann. Hier ein Machetenhieb durch den Schädel, dort ne abgehackte Hand und ein herzhafter Biß in die Halsschlagader, aber definieren kann das den Film leider auch nicht, hier lebt man mehr davon, der Erste der Epigonen gewesen zu sein.
Es gibt sicherlich schlechtere Filme von Fulci, drögere und zusammenhangslose, aber so endlos repetitiv, wie das bißchen Handlung hier auf anderthalb Stunden geschleppt wurde, macht nur traurig, weil man ahnt, daß hinter der Story ein viel besserer, weil beklemmenderer Film hätte stecken können. Über "Woodoo" liest man besser, als daß man ihn als Film wirklich genießen kann, was viel über die Legendenbildung des Horrorfilms aussagt. Sicherlich bleibt dieser Beitrag im Gedächtnis und hat schöne und manchmal auch intensive Bilder, die Story und die Umsetzung als Ganzes spiegeln das jedoch nicht wieder, genauso wenig wie die handgemachte Apokalypse am Ende, bei der die Zombies in die Stadt wackeln, während unten der Feierabendverkehr läuft. Da wäre mehr drin gewesen. (4/10)