Als im Jahre 1968 ein kleiner, unabhängig produzierter Schwarzweiß-Film namens Night of the Living Dead (Die Nacht der lebenden Toten), für wenig Geld von einem gewissen George A. Romero in Pennsylvania gedreht, die Lichtspielhäuser und die Drive-In-Kinos unsicher zu machen begann, konnte noch niemand ahnen, daß sich dieses Werk als eines der Einflußreichsten der Horrorfilmgeschichte herausstellen sollte. Der Streifen prägte nicht nur das (grausige) Bild des modernen Zombiefilmes, er pushte ihn auch in eine Richtung, der er heute, mehr als fünfzig Jahre später, noch immer folgt, mal schlurfend, mal torkelnd, mal stolpernd, mal laufend, aber immer zielstrebig. Der Erfolg von Night of the Living Dead rief natürlich Nachahmer auf den Plan, die das so einfache wie geniale Konzept kopierten und variierten oder die Thematik in einen gänzlich anders gelagerten Plot integrierten. Children Shouldn't Play with Dead Things (1972), behauptete etwa Bob Clark, während Amando de Ossorio in Spanien im selben Jahr La Noche del terror ciego (Die Nacht der reitenden Leichen) anbrechen ließ, welche ein paar Sequels und Rip-Offs nach sich zog. Seinen ungezogenen Kindern ließ Bob Clark 1974 Dead of Night (Dead of Night - Nacht des Terrors) folgen, und Jorge Grau entführte uns mit Non si deve profanare il sonno dei morti (1974) in Das Leichenhaus der lebenden Toten, das später gar zur Invasion der Zombies führte. Nicht unerwähnt bleiben sollten auch Carlos Aureds El Espanto surge de la tumba (Blutmesse für den Teufel, 1973) und León Klimovskys La Rebelión de las muertas (Die Rebellion der lebenden Leichen bzw. Blutrausch der Zombies, 1973), obwohl sich hier die Zombieaktivitäten eher in Grenzen halten.
Und dann war da noch eine kanadische Produktion namens Corpse Eaters (1974), die nach ihrem Autokinoeinsatz völlig in der Versenkung verschwand (*) und die heute kaum mehr jemand kennt. Schlappe sechsunddreißigtausend kanadische Dollar soll der in Sudbury, Ontario, gedrehte Film gekostet haben, geschrieben und produziert vom blutjungen Drive-In-Besitzer Lawrence Zazelenchuk, der für die Regie Donald R. Passmore anheuerte, diesen nach vier Tagen feuerte und durch Klaus Vetter ersetzte. Die Fassung, die mir vorliegt (anscheinend die längste, die "überlebt" hat), läuft eine knappe Stunde und ist wohl nicht komplett. Ähnlich wie Ivan Reitmans Cannibal Girls (Cannibal Girls - Der Film mit der Warnglocke, 1973) bedient sich auch Corpse Eaters eines Gimmicks, um zartbesaitete Zuschauer vor allzu blutrünstigen Szenen zu warnen. Auf der Tonspur erklingt ein sogenannter "Warning Buzzer", während man auf dem Bildschirm einen älteren Kinobesucher sieht, der mit Brechreiz kämpft und angewidert in sein Taschentuch würgt. Tatsächlich möchte ich gar nicht ausschließen, daß dem einen oder anderen, der die gut gemeinte Warnung ignorierte, übel wurde, schließlich tun die Zombies in Corpse Eaters das, was man von ihnen trotz des irreführenden Titels erwartet: Sie fressen Menschen. Die Splatter-Szenen sind recht happig ausgefallen (offenbar arbeitete man mit echten Innereien aus der Fleischerei), hinterlassen allerdings nicht sonderlich viel Eindruck, da die dilettantische Szenenausleuchtung ebenso sehr zu wünschen übrig läßt wie die schlampige Kameraarbeit. Der Look und das Make-Up der lebenden Toten ist hingegen gut gelungen; ein echter Jammer, daß man von ihren vermoderten Gesichtern so wenig zu sehen bekommt.
Auch mit seinem dämlichen Plot macht Corpse Eaters keinen Stich. Der Film beginnt im Happy Hallo Funeral Home, biegt dann völlig unerwartet zu zwei jungen Pärchen ab, die erst ein bißchen herummachen (eine der Frauen macht sich sogar nackig und läßt ihre Brüste mit Bier begießen), die dann aber, gepeinigt von Langeweile, einen Friedhof aufsuchen und in einer Gruft eine Séance abhalten (wer vertreibt sich auf diese Weise nicht hin und wieder die Zeit?), woraufhin die Toten aus ihren Gräbern steigen und über sie herfallen. Schließlich verlagert sich das Geschehen in ein Krankenhaus, wo der große Showdown stattfindet, da auch dieses Gebäude bereits zombieverseucht ist. Autor Zazelenchuk hantiert ungeschickt mit den Zeitebenen und schreckt auch nicht davor zurück, die wenig aufregende Handlung mit einer sehr langen Alptraumszene aufzulockern. Am Ende gibt es dann einen heftigen Twist, der die eh schon konfuse Story noch ein gutes Stück wirrer macht. Über die technische Seite gibt es nicht viel zu sagen; in dieser Hinsicht bewegt sich der Streifen in etwa auf dem Niveau von Herschell Gordon Lewis zu Blood Feast-Zeiten. Die schauspielerischen Darbietungen sind leider auch keinen Deut besser. Der implizierte Inzest sorgt zumindest für große Augen, während die Ohren entweder durch nettes Klaviergedudel verwöhnt oder von mißtönenden Geräusch-Kakophonien malträtiert werden. Abgesehen von ein paar gelungenen Szenen, stimmungsvollen Kameraeinstellungen und dem mitunter saftigen Gekröse ist der düstere und völlig ernst angelegte Corpse Eaters kaum der Rede wert, zumal sich auch der Unterhaltungswert stark in Grenzen hält. Somit ist diese kanadische Kuriosität nur aus historischer Sicht interessant.
(*) Mit Corpse Eaters hat sich Lawrence Zazelenchuk gewissermaßen einen Traum erfüllt. Der Besitzer des 69 Drive-In an der Route 69 in Sudbury wollte seinen eigenen Horrorfilm erschaffen, den er in seinem Autokino zeigen konnte und der seiner jungen Kundschaft hoffentlich gefiel. Quasi ein Horrorfilm von einem Horrorfilmfan für Horrorfilmfans. Ob der Streifen damals bei den Zuschauern gut angekommen ist, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls lief das Werk einige Zeit im 69 Drive-In, bis Zazelenchuk die Filmrechte an einen Amerikaner verkaufte, in der Hoffnung, daß Corpse Eaters auch außerhalb seines Heimatlandes gesehen werden konnte, nicht ahnend, daß er damit das Grab für sein Herzensprojekt schaufelte. Denn der Amerikaner hatte kein Interesse daran, den Streifen zu veröffentlichen, da er ihn nur als Steuerabschreibung erwarb. Damit verschwand Corpse Eaters für lange Zeit von der Bildfläche. Nach dieser Enttäuschung sattelte Zazelenchuk um und versuchte sich als Hotelier in Florida, wo sein Alkoholproblem prächtig gedieh. Er starb im Alter von nur sechsunddreißig Jahren.