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"The Game" ist das Spiel, ein Spiel der Firma Consumer Recreation Service, abgekürzt CBR. Keiner kennt die Firma, keiner weiß wer oder was dahinter steckt, alles ist undurchsichtig, erst recht dieses ominöse Spiel. Es ist wie Urlaub, nur muß der Kunde nicht hinfahren, sondern der Urlaub kommt zu ihm - so wird Nicholas Van Orton das Spiel erklärt. Er bekam zum Geburtstag von seinem Bruder Conrad einen Gutschein für dieses Spiel geschenkt, den er nun einzulösen gedenkt. Doch nach einigen psychologischen und medizinischen Tests erreicht ihn die Nachricht, daß er abgelehnt wurde - was aber "nichts mit Unzulänglichkeiten seinerseits" zu tun habe.

Michael Douglas als Van Orton verkörpert einen Finanzmogul der obersten Ebene, kalt, ehrgeizig, gefühllos, ausschließlich auf die Vermehrung seiner Finanzen achtend. Kein Wunder, daß er (wie sein Bruder äußert) "zum Arschloch verkommt" und dieser sich genötigt sieht, ihn da raus zu holen. Sean Penn mimt Conrad und spielt mit in diesem Spiel ohne Grenzen, ein Spiel bei dem es zunächst nur um kleine Bubenstreiche, aber später um alles zu gehen scheint: um das gesamte Van Orton Vermögen und sogar um Nicholas Leben.

Der 48. Geburtstag spielt dabei eine zentrale Rolle, Jahrzehnte zurückliegend hat sich Nicholas Vater an dessen 48. Geburtstag das Leben genommen. Ein schreckliches Ereignis, das Nicholas bis heute nicht richtig überwunden hat und ausschlaggebend für seine erbarmungslos kalte Art geworden ist. Selbst seine Frau hält es in der Ehe nicht mehr aus, trotz ihrer Liebe zu ihm trennt sie sich von ihm, doch aufgegeben hat sie ihn, ebenso wie Conrad, noch lange nicht. Obwohl Nicholas es nicht leiden kann, gratuliert sie ihm trotzdem, genau wie Conrad, der trotz besseren Wissens ein Ständchen der Kellner zu seinen Ehren organisiert. Steter Tropfen höhlt den Stein, irgendwann muß doch der Mensch hinter der eisernen Maske zum Vorschein kommen, so der Gedankengang.

Doch das tut es nicht, im Gegenteil, immer tiefer verstrickt sich der Investmentbroker in seine eigene Welt. Und da beginnt das Spiel. Gnadenlos, Schritt für Schritt zieht es sukzessive sein Netz um die Person Van Orton, zunächst die erwähnten dumme-Jungen-Streiche, hier ein Holzclown auf der Einfahrt in Memorandum an seinen verstorbenen Vater, da ein geheimnisvoller Schlüssel, ein Nachrichtensprecher der sich an ihn wendet mit der Frage "wollen Sie den ganzen Abend damit verbringen einem Clown im Mund herumzustochern?", ein ausgelaufener Füller und ein dadurch versautes Hemd - geheimnisvolle undurchschaubare Dinge passieren um Nicholas herum.

Zunächst nimmt er das alles nicht so ernst, schließlich verläuft im großen und ganzen alles noch in geregelten Bahnen, doch es kippt immer mehr. Immer seltsamere Dinge geschehen, immer rätselhafter die Ereignisse, zusammenhanglos, brutaler, bedrohlicher. "Da ist eine Firma, die treibten so ausgefallene Spielchen, so richtig habe ich das auch noch nicht kapiert" gesteht er Catherine, einer Kellnerin, die irgendwie dazu zu gehören scheint und für Nicholas die einzige Hilfe darstellt, hinter das Geheimnis der Ereignisse zu kommen.

Diese Ereignisse sind "das Spiel", ein Spiel um Macht, Geld, Drogen, Sex, Verwirrungen, Verstrickungen - und um Van Ortons Leben. Ein Spiel, durch das sich Nicholas bewußt wird, was Leben eigentlich bedeutet. Ein Spiel, durch das Nicholas beginnt zu begreifen, daß auch noch andere Dinge im Leben wichtig sind als nur die Vermehrung seines Geldvermögens. Wie ein Spinnennetz fängt das Spiel Nicholas ein und je stärker er strampelt, um so tiefer verwickelt er sich in die zahlreichen Fäden. Je tiefer er in das Spiel eintaucht umso undurchsichtiger wird gleichzeitig alles. Jeder Lösungsansatz wird kurz darauf zunichte gemacht. Nicholas hat gar keine Chance zu begreifen, was dahinter steckt, erst als alles verloren scheint und er in einem Mausoleum mitten in Mexiko aufwacht beginnt er zu kämpfen. Ein Kampf, bei dem es ihm nicht mehr nur ums Geld geht, das einzige was ihn jetzt noch interessiert: wer oder was steckt dahinter?

Und das ist Ziel vom "Spiel", ihn so weit zu bringen. David Fincher schuf ein Meisterwerk das seinesgleichen sucht. Nicholas Van Orton ist ein moderner Scrooge, Fincher will uns vermitteln: Erst wenn alles verloren scheint, beginnst du dich um das wahrhaft wichtige zu kümmern. Es ist nicht das Geld, es ist nicht Reichtum, Vermögen, Status - es ist der tiefere Sinn. Fincher hat einen packenden Thriller mit tiefgreifender Moral geschaffen, ohne auch nur in einer einzigen Sekunde den Zeigefinger mahnend zu heben. Nein, im Gegenteil, er zeigt durch die Figur des Nicholas mitfühlende Sympathien und löst all die aufgebaute Spannung erst in letzter Sekunde auf. Selbst als das Ende klar scheint und wir glauben, alles scheint aufgelöst und vorbei, selbst da geht das Spiel immer weiter.

CBR ist wie unser eigener Charakter, wie unser kindlicher Instinkt. Wie oft wünschen wir uns aus dem harten Berufsalltag ausbrechen zu können? Nun, mit "dem Spiel" könnten wir es, völlig gefahrlos, und doch real. "Eine Bande verzogener Kinder macht mit mir was sie will!" beschwert sich Nicholas treffend, doch ist es genau das, was uns ausbrechen lässt, uns die Möglichkeit eröffnet das Leben zu verändern, grundlegend nachzudenken und Mensch zu bleiben. Wir sind es - Van Orton am Ende des Spiels endlich auch wieder.

Die Handlung spielt immer weiter, jagt von einem Höhepunkt zum nächsten, und wenn man glaubt am Ziel angelangt zu sein, dreht Fincher noch weiter am Spannungsrad und setzt immer weiter einen drauf. Passend dazu erklingt auch "White Rabbitt" von Jefferson Airplane aus den Boxen, als Nicholas in sein verwüstetes Haus heimkehrt, ein Song bei dem sich ebenfalls die Melodie und Spannung immer weiter steigert bis zum Ende.

Fincher zeigt mit diesem Film das Menschsein auf, er spielt mit dem Überraschungsmoment, mit den Wirrungen des Lebens, mit der Undurchschaubarkeit der Handlungen. Das fragende Moment des Sinns durchzieht den Film von der ersten bis zur letzten Minute, und doch gibt es keine allgemeingültige Auflösung. Selbst zu guter Letzt bleibt die Frage offen: wie konnte das alles so perfekt funktionieren, wie konnte CBR das alles planen?

Ein Film, über den man gerne und lange nachdenkt und diskutieren kann - und ihn sich immer und immer wieder ansehen kann, ohne daß er an Spannung verlieren würde.

(10/10)

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