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„Eine Bande verzogener Kinder macht mit mir, was sie will!“

„The Game“, US-Regisseur David Finchers nach „Alien³“ und „Sieben“ dritter Film, wurde im Jahre 1997 ein Action-Paranoia-Thriller der verglichen mit seinem o.g. Noir-Zweitling leichter verdaulichen Sorte. Das Drehbuch stammt von John Brancato und Michael Ferris („Terminator 3 – Rebellion der Maschinen“).

Der kalifornische Investmentbanker und Millionär Nicholas Van Orton (Michael Douglas, „Falling Down“) hat seine Ehe ruiniert, dadurch seine Frau an einen anderen verloren und ist im Begriff, ein immer zynischerer, materiell reicher, doch emotional verarmter Finanzhai zu werden, den außer seinen Geschäften nicht mehr viel interessiert. Zu seinem Geburtstag erhält er von seinem sich charakterlich sehr unterscheidenden Bruder Conrad (Sean Penn, „Milk“) die Teilnahme an einem ominösen Gewinnspiel, über das Conrad nicht viel erzählt und über das Nicholas selbst beim aus reiner Neugierde Absolvieren des Eignungstests nichts erfährt – außer, dass es individuell auf jeden Spieler zugeschnitten sein soll. Und obwohl ihn ein Anruf erreicht, dass er abgelehnt worden wäre, wird sein Leben nach und nach auf den Kopf gestellt: Anscheinend spielt man tatsächlich ein Spiel mit ihm, und zwar ein sehr Böses, das Nicholas‘ Ansehen, seine gesamte Existenz und schließlich gar sein Leben gefährdet…

Mit „The Game“ schien David Fincher nach seinem düsteren „Sieben“ zur Abwechslung etwas positive Energie verbreiten zu wollen, auch wenn es lange Zeit nicht unbedingt den Anschein hat. Der Film beginnt seine Hauptrolle mittels Schmalspuraufnahmen aus dessen Kindheit zu charakterisieren und schafft damit einen die Diskrepanz zwischen der kindlichen Unbeschwertheit Nicholas‘ und seiner derzeitigen Existenz aufzeigenden Kontrast. Diverse über den Film verteilte eingestreute Rückblenden erinnern immer wieder daran, dass Nicholas nicht immer der Snob mit 2.000-Dollar-Schuhen war. Gespickt mit etwas Situationskomik gerät dieser nun in immer mehr die Ausmaße eines Action-Thrillers annehmende Konfusionen, wird zur Marionette in einem aufwühlenden Spiel und kämpft gegen einen scheinbar allgegenwärtigen, unsichtbaren Gegner, bis er nicht mehr weiß, wem er überhaupt trauen kann, wer Freund und wer Feind ist und was man mit diesen Spielchen bezweckt – bis er anscheinend kurz davor steht, alles zu verlieren, wofür er sein Leben lang gearbeitet hat. Alles zwischenzeitliche sich in Sicherheit wiegen scheint nur kurze Zeit später bestraft worden zu sein; in die Enge getrieben sieht Nicholas nur noch einen einzigen Ausweg.

Der Zuschauer verfügt zu keinem Zeitpunkt über mehr Informationen als Nicholas, was auch bei mangelnder Identifikationsmöglichkeit mit dem reichen Schnösel „The Game“ zu einer nervenaufreibenden, hochspannenden Angelegenheit macht, die immer wieder Netz und doppelten Boden ausrollt und in einem wendungsreichen Finale mündet. Ebenso wie Nicholas durchlebt man ein Wechselbad der Gefühle und hat am Ende möglicherweise gar Tränen der Erlösung in den Augen. Dass die ganze Sause hochgradig konstruiert und unrealistisch ist, muss jedoch auch Fincher klargewesen sein und so setzte er auf ein immer höher werdendes Tempo, auf episodenhafte Kurzweil und eine technisch anspruchsvoll umgesetzte, letztlich jedoch recht einfache Erfolgsformel. Die schlussendliche Pointe erscheint angesichts des betriebenen Aufwands – sowohl des fiktiven Spielanbieters als auch des realen Drehteams um Fincher – fast schon profan und lässt doch deutliche Fragen nach Verhältnismäßig- und moralischer Verantwortbarkeit aufkommen.

Allzu ernstnehmen sollte man „The Game“ indes nicht, sondern ihn eher als auf hohem Niveau verdammt unterhaltsam umgesetzte Parabel auf das Älterwerden, menschliche Werte und die Priorisierungen zwischenmenschlicher Beziehungen, materiellen Besitzes etc. begreifen, ohne dass sonderlich in die Tiefe gegangen und beispielsweise Nicholas‘ fragwürdiger Beruf als solcher infrage gestellt werden würde. Ein Film wie dieser hätte auch ganz schnell ins Auge gehen und oberflächlicher Hollywood-„Blockbuster“-Kitsch mit viel Kawumms werden können, doch Michael Douglas stellt die breite Palette seines schauspielerischen Talents eindrucksvoll unter Beweis, Deborah Kara Unger („Crash“) erweist sich als erstklassige Wahl für die undurchsichtige, in sein Leben tretende Dame zwischen Ghetto-Schick, Femme fatale und abgebrühtem Profi und David Fincher gelang es, aus der Thematik einen stellenweise arg beunruhigenden Film zu machen, der das eigene Leben bzw. das, was man dafür hält, als wackliges Konstrukt beschreibt, das durch Eingriffe von Unbekannt schnell ins Wanken geraten kann, die mitunter erdrückende Last millionenschweren Besitzes und die Gefahr daraus resultierender Paranoia aufgreift und unterbewusste Ängste vor dem Kontrollverlust instrumentalisiert, um auf höchstmögliche Weise von seinem Publikum Besitz zu ergreifen, ohne es mit Schwarzweißmalerei oder Appellen an die niedersten Instinkte zu beleidigen. Das ist mir knappe 8 von 10 Überraschungspartys wert.

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