Review

„Jemand wie Sie kann sie nicht wiederfinden, denn Sie sind normal. Ein Pechvogel dagegen rutscht auf der gleichen Bananenschale aus. Stolpert über den gleichen Teppich. Auf die Weise kann er vielleicht ihre Spur wiederfinden.“ (Wenn Normalität hinderlich wird...)

„Ein Tolpatsch kommt selten allein“ alias „Der Hornochse und sein Zugpferd“ ist 1. nach “Das Spielzeug” die zweite Arbeit des französischen Regisseurs und Drehbuchautors Francis Veber, 2. auch dessen zweite Zusammenarbeit mit dem französischen Komödienstar Pierre Richard („Die Regenschirmmörder“), 3. die erste von drei Kollaborationen des Duos Richard/Depardieu, 4. die erste Komödie mit Richard in der Hauptrolle des 1980er-Jahrzehnts und 5., und das ist das Wichtigste: meiner Meinung der beste Pierre-Richard-Film überhaupt – und derer gibt es nicht wenige!

Marie (Corynne Charbit), die Tochter des vermögenden Unternehmers Alexandre Bens (Michel Robin, „Die fabelhafte Welt der Amelie“) wurde in Mexiko entführt, seither fehlt jede Spur von ihr. Selbst der professionelle Privatdetektiv Campana (Gérard Depardieu, „Der Loulou“) tappt im Dunkeln. Da Bens’ Tochter ein ausgewiesener Pechvogel ist, bekommt der Betriebspsychologe die Idee, den ebenfalls permanent vom Pech verfolgten Buchhalter François Perrin (Pierre Richard) Campana an die Seite zu stellen, damit ihn dieser unbewusst auf die richtige Spur bringt. Campana ist von dieser Idee wenig begeistert, denn die wahren Beweggründe will man gegenüber Perrin verschweigen und ihm stattdessen Glauben machen, ihn aufgrund seines außerordentlichen Scharfsinns für diese Mission auserkoren zu haben und ihm Campana als „Assistenten“ zur Verfügung zu stellen. So macht sich das ungleiche Duo aus einem begeisterten Perrin und einem genervten Campana gemeinsam auf die Suche…

„Sie hat einen außergewöhnlichen Schutzengel. Einen Schutzengel, der soviel Arbeit mit ihr hat, dass er super trainiert ist!“

In der Vergangenheit erwies es sich schon des Öfteren als überzeugendes Konzept, Richard für seine Komödien einen starken männlichen Partner an die Seite zu stellen, doch „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ ist in dieser Hinsicht Paradebeispiel und Meisterstück. Großen Anteil daran hat die sorgfältige, detaillierte und vielschichtige Zeichnung beider Charaktere, die in keinerlei Hinsicht zu wandelnden Klischees, die sich in gegenseitigem Klamauk ergehen, konstruiert wurden. Selbst den aufgrund der Konstellation so naheliegenden Slapstick strapaziert man nicht über, setzt vielmehr auf sich aus der naiven Einschätzung Perrins seines Auftrags und seiner Neigung zur Selbstüberschätzung ergebende schadenfrohe Situationskomik. Doch obwohl Perrin immer wieder unter Beweis stellt, welch regelrechte Nervensäge er auch unabhängig von seiner sein Leben lang andauernden Pechsträhne sein kann, wird er nie zur Projektionsfläche für die Antipathie des Zuschauers, wenn dieser erkennt, dass Perrin auch stellvertretend steht für das spießige, wenig aufregende Leben des typischen Max Mustermanns, in dem die Sehnsucht nach Anerkennung und Abenteuer schlummert. Schnell verzeiht man ihm neben bereits erwähnten Charakterschwächen auch sein amateurhaftes Verhalten, mit dem er sich und Campana in Gefahr bringt. Perrin spielt eine Klaviatur des Grauens auf den Nerven Campanas. Doch aufgrund Perrins Pechs kommt sogar noch eine ausgesprochene Portion Mitleid hinzu, der Film jongliert geschickt mit tragikomischen Elementen.

Anders verhält sich da mit dem raubeinigen, doch professionellen Campana. Dieser steht mit beiden Beinen auf dem Boden der rationalen Tatsachen und glaubt nicht an Glück, Pech oder derartige Vorhersehungen, sondern schlicht daran, dass jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich ist. Nur zähneknirschend fügt er sich seinem Auftrag, einen Amateur als Vorgesetzten zu akzeptieren bzw. diesen in diesem Glauben zu lassen. Er hält Perrin für einen Schwachkopf und entwickelt mit der Zeit eine regelrechte Wut auf ihn, wähnt ihn eigenverantwortlich für sein andauerndes Pech. Doch mit der Zeit kommen ihm Zweifel, die sein Weltbild erschüttern. Zu allem Überfluss scheint sich das Pech auch noch auf Campana zu übertragen. Spätestens da ist seine Geduld mit Perrin am Ende. Diese Momente, in denen nach und nach Campanas Welt und alles, was er übers Leben zu wissen glaubte, auf den Kopf gestellt wird, funktionieren häufig nicht über Brachialhumor, sondern das genaue Gegenteil: Über subtile Mimik, über bedeutungsschwangeres Schweigen, über leises Stirnrunzeln und Augendrehen. Neben den Actionszenen und insbesondere Richards Willen und Begabung, sich selbst ohne Rücksicht auf Verluste zu verballhornen, sind es gerade diese Momente, die das schauspielerische Talent und die sich potenzierende Wechselwirkung der entgegensetzten Charaktere offenbaren. Dennoch geht es wie bereits angedeutet auch immer wieder heftiger zur Sache: Campana wütet sich durch, flucht unablässig – und doch ist es immer wieder sein herrlich ungläubiges, fassungsloses Gesicht, das am stärksten hervorsticht und sogar Richards Backpfeifenvisage Konkurrenz in Sachen Ausdruck macht.

Dramaturgisch funktioniert „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ in leicht episodenhaftem Stil, an deren Ende in der Regel tatsächlich ein Vorankommen, die Entdeckung oder Aufnahme einer vielversprechenden Spur steht, was weder durch Campanas Rationalität und schon gar nicht durch Perrins zum Scheitern verurteiltes Detektivspiel erreicht wurde, sondern tatsächlich durch Perrins Pech. Wie sich einzelne Situationen dadurch entwickeln, bleibt meist wenig vorhersehbar und glaubt man, die Rezeptur des Films durchschaut zu haben, überlistet er gerne einmal die Erwartungshaltung des Zuschauers. Vebers Film ist eine dieser Komödien, die heutzutage in ihrer Machart, beispielsweise was das Erzähltempo, das genüssliche Auskosten bizarrer Momente und die Fokussierung auf leisere schauspielerische Zwischentöne betrifft, aus der Reihe fallen, sicherlich ungewohnt wirken und insbesondere bei einer mit dem ADS-Aufmerksamkeitsspannenhumor à la „Family Guy“ und Konsorten aufgewachsenen Generation auf Unverständnis stoßen und einen schweren Stand haben dürfte. Ich werde jedoch nie vergessen, wie ich im Vorschulalter sah, wie Pierre Richard im Treibsand versinkt, während Gérard Depardieu daneben auf festem Boden steht und schon wieder genervt und fassungslos ist, während mir der Mann mit der lustigen Lockenmähne so leidtat und mich gleichzeitig königlich amüsierte. Nach meiner Wiederentdeckung des Films erwies sich dieser als echter Klassiker, der kaum Staub angesetzt hat und den man sich immer wieder gern anschaut, ja, der länger nachklingt als eine übliche Zerstreuungskomödie und sich sogar entwickelt, vielleicht bei der nächsten Sichtung wieder noch einen kleinen Tick besser gefällt.

Kurioserweise schien es seinerzeit übrigens Mode geworden zu sein, Richards Rollen immer wieder nach der seines Durchbruchs mit „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ zu benennen: François Perrin. Bereits in Vebers Vorgänger „Das Spielzeug“ hieß er so, und wenn er im Laufe der Handlung wieder einmal einen Schuh verliert, ist auch das mit Sicherheit als Hommage an Yves Roberts Agentenfilmparodien zu verstehen. Nicht uninteressant erscheint mir im Zusammenhang mit einer (im Grunde genommen) Detektivgeschichte die steife, beinahe verdächtig britische Höflichkeit zu Beginn des Films.

Hinweisen muss ich noch auf die zwei unterschiedlichen deutschen Synchronfassungen, von denen nur die fürs Fernsehen angefertigte als empfehlenswert und dem Film gerecht werdend gilt. „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ ist ferner ein weiterer Pierre-Richard-Film, der ein US-amerikanisches Remake erfuhr: 1991 erschien „Reine Glückssache“ alias „Dumm sucht dümmer“ unter der Regie Nadia Tass‘.

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