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Mad Detective ist ein Paket mit vielen Absendern. Nur der spezielle Empfänger ist zum Öffnen der cineastischen Intrige berechtigt. Dies setzt voraus, dass er in der Lage ist, das Abgebildete vielfältigster Anknüpfungspunkte mit seinem Wissen von der Wirklichkeit, der Annahme und der Erdichtung zu verbinden. Dass, was er sieht und deswegen weiß oder zu wissen glaubt und sich als Erinnerungen einprägt, ist nicht das, was vor sich geht.
Eine Orientierung an dem eben Gesehenen, Erlebten und Erfahrenen hilft ihm nicht weiter, da es keiner angemessenen Bewertung standhält, sondern in verschiedenster Weise wandelbar ist. Man verlangt von ihm ein anderes Verarbeitungsmuster. Ein kryptisches Hineindenken in ein ihm sonst fremdes, da Jemand Anderem gehöriges Rezeptions- und Perzeptionsverhalten. Ein Hineinhören an verschiedene Stimmen, einander widersprechende Wahrheiten, gegenläufigen Motiven.

Rein formal ist der Film ein demonstratives Gesamtkunstwerk. Eine Exilederprobte, multimediale Ausstellungskunst, die das übliche gefährliche Terrain im Polizeimilieu Hongkongs in eine urbane Oper voller Bedrängnis und Sinnlichkeit revolutioniert. Ein Großstadtdschungel karger Beleuchtung, an dem an jeder finsteren Ecke die nächste Bedrohung lauert und der Tod bereits wartet. Ein PTU - Schauplatz in streng hochtechnisierten Bildern, die nicht erst zur Orientierung zwingen müssen, sondern vom ersten Blick an viele Erinnerungen zu aktivieren, normengerecht und stilbezogen zu hantieren wissen, und so von dem Vorspann an kommunikativ zugänglich gemacht sind. Doch dass nun die ebenso gängige Genregeschichte im atmosphärischen Dunkel mit vielleicht ein, zwei Clous stattfindet, täuscht ebenso sehr wie die Annahme, dass die Regisseure Johnnie To und Wai Ka-fai zusammen mit ihrem ehemaligen Stammhauptdarsteller Lau Ching Wan einfach nur zu ihren Wurzeln zurückkehren.

Denn statt dem Entlanghangeln an klaren Konturen von hard boiled suspense und copland Archetypen erschüttern sie wie in grob anskizzierten Träumen die Grenzen von Gedächtniskraft, Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühlen. Sie verzerren trotz der Kombination von Gewalt und Verbrechen und idealtypisch aufspielenden Darstellern die öffentliche Wahrnehmung; noch mehr als im Ziellosen und Verschlüsseltem des film noir. Zersplittern dies experimentell in großer Dynamik, so sehr, dass man zwischenzeitlich außer dem Unverständlichen zu benennen gar nichts mehr verstehen kann. Noch nicht einmal erkennen kann, durch wessen Augen man die Geschichte sieht, wer denn nun der Böse und wer der Gute ist. Oder wer überhaupt etwas damit zu tun oder wer gar nicht da ist, außer in der Imagination:

Inspector Ho Ka On [ Andy On ] von der Regional Crime Unit arbeitet seit 18 Monaten erfolglos an dem spurlosen Verschwinden des Kollegen Officer Wong Kwok Chu [ Lee Gwok-Lun ]. Unter dringendem Tatverdacht steht zwar dessen ehemaliger Partner Ko Chi Wai [ Gordon Lam ], allerdings ist diesem nichts nachzuweisen. Und mit der Dienstwaffe von Wong wurden danach mehrere, zuweilen auch tödlich verlaufende Überfälle ganz unterschiedlichstem Vorgehen durchgezogen. Ho wendet sich an den geschassten Bun [ Lau Ching Wan ], der aufgrund des Hineinversetzens in Täter und Opfer, auch mit Nahtod-Erfahrungen, eine ruhmreiche Karriere hinter sich hat, aber seit fünf Jahren als dienstunfähig entlassen ist und unter psychologischer Behandlung steht. Bun sieht und verständigt sich auch mit Leuten, die eigentlich gar nicht da sind. Und er sieht in Jedem sein wahres Inneres. So hat er es nicht nur mit Ko zu tun, sondern mit dessen sieben Subpersönlichkeiten; die auch voneinander wissen und miteinander sprechen.

Eine eigentlich ausgesprochen einfache Geschichte. Die, wenn der Nebel der kaleidoskopischen Überinformation gelichtet ist und sich der finale Pulverrauch verzogen hat, auch genauso greifbar, wenn nicht gleich nachvollziehbar erscheint. Die elitäre Schimären-Inszenierung über Probleme, Ängste und Ideen jedoch verzichtet abseits des Setting und des Ausgangspunktes auf eine feste Verankerung unverwechselbarer Kennzeichen und versetzt sich in das Denken eines Mannes, in der sich die Außenwelt mit der inneren Befindlichkeit vermischt. Ein beunruhigend faszinierender Profilblick in die Seele hinein, wie in forensischer Autopsie ganz tief in die janusköpfige Tretmühle. Bei ihm ist es kein simpler Tatort mit Investigation, Observation und Befragung, sondern ein Betätigungsfeld multipler Situationen aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, die alle paar Sekunden lang von Fall zu Fall rekonstruiert werden müssen.

    In dem Moment, als der verstiegen überfrachtete Bun die Lug-und-Trug Szenerie betritt, macht sich auch sein variationsreicher, symbiotischer Sichtwinkel verstärkt bemerkbar. Vieles entpuppt sich im Nachhinein als übermächtiges whodunit, als murder mystery Fassade, als halluzigonene Interzone. Als dass, was wir dann gewahren, wenn wir bloß die Oberfläche erspähen. Die Handlung als virtuelles Pop-up-Buch, indem beim Aufschlagen eine origamische, auch nahezu organische Architektur aus Fakten und Fiktion und Interpretation erscheint. Kein einheitlicher, stringent auflauernder Ablauf, sondern oppositionelle Erzählungen voll Delirium, Paranoia, Verhaltensstörung; schon kontextabhängig, aber trotzdem autonom. Ein interaktives Eigenleben hinter dem Schein außerordentlicher Plastizität. Eine vielfältige Netzwerkwelt, die durch verschlungene Falttechnik begeh- und erkundbar wird und ein mannigfach verknotetes Fadenspiel freilegt. Das in ewigwährend üppiger Re-Produktion inbegriffen auch nur jeweils eine Konstruktion darstellt. Eine nicht-objektive Nicht-Repräsentierbarkeit, die die Immunität des Genres und das Gleichgewicht des Diesseits aufhebt und in eine Spirale der Sinnestäuschung verschiebt.

    Wo man sonst im Kriminalfilm – was das Werk rein äußerlich auch immer bleibt und mit genau diesen traditionellen Kenntnissen und Kategorien auch arbeitet – auch oft auf die falsche Fährte im Graubezirk gelockt, mit vielen Verdächtigungen und Motiven vorgeführt und durch den Detektiv als Ansprechpartner durch das alltägliche Misstrauen geführt wird, so besitzt mad detective Bun noch nicht einmal selber die ungebrochene Integrität. Und stellt weder seine Figur noch das obsessiv monumentale Ambiente, in dem er sich befindet, eine reine Neuinterpretation, sondern schlicht eine Absurdität dar, eine Vergeblichkeit, ein stetiges Wechseln zwischen Körper und Geist, Mann und Frau, Alt und Jung. Eine neurotische, schuldbewusste Ambivalenz von Gestaltenwandlern und in Einzelteilen zerlegter Mosaikstücke, in dessen Gestrüpp von geäußertem Wie, Was und Warum man sich stetig aufs Neue zurechtzufinden und diese Widerspenstigkeit fortführend weiterverarbeitet werden muss. Ein Prozess der Materialisierung mit Ereignischarakter, in der Identitäten aufgebrochen, verändert, verschoben werden und dann erneut entstellend auf die Außenwelt zurückwirken, in irritierender Erschütterung bis hin zur kompletter Auflösung. Oder, eventuell, als Preis der Narrenfreiheit, der Milchmädchenrechnung: Einem völlig konfusen Running on Karma Rätsel, dass aufgrund der mehrdimensionellen Versuchsanordnung höchstens noch als selbstzweckhafte Allegorie oder auch geistreiche Parodie Bestand hat.

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