Nach langer langer Zeit kracht es mal wieder gewaltig in Hongkong, und verantwortlich ist - wer hätte das gedacht - ausgerechnet das Milkyway-Studio um Regisseur und Produzent Johnny To, dass sich ja eher mit ruhigen, abwechselnd düsteren, romantischen und witzigen, aber immer stilvollen Halbwelt-Balladen etabliert hat. Unterstützt von seinem Drehbuchautor Wai K-Fai legt To hier mal wieder selbst Hand an, und was die beiden hier zaubern, ist ein Popcorn-Knaller aller erster Güte.
Inhaltlich bietet FULLTIME KILLER zwar nicht wirklich Neuland: Zwei rivalisierende Auftragskiller - der eher zurückhaltende Japaner O (Takashi Sorimachi) und der draufgängerische Harausforderer Tok (Andy Lau) - laufen hier zum Duell auf. Zwischen den Fronten steht die hübsche Chin (Kelly Lin), die sich zu beiden hingezogen fühlt, und auf den Fersen haben sie einen Interpol-Cop (Simon Yam), der seine Hetzjagd bald sehr persönlich nimmt. Klingt alles nach altbekannten Zutaten. Umso erstaunlicher ist die Kaltschnäuzigkeit, mit der To und Wai ihren Ideenklau rechtfertigen: Tok ist nähmlich großer Fan von Actionfilmen und hangelt sich bei seinen Aufträgen stilvoll von einem Filmzitat zum nächsten. Da macht es allein Spaß, sämtliche Anspielungen von Jean-Pierre Melville über Robert Rodriguez bis zu John Woo einzuordnen. Dabei macht To nicht mal vor seinen eigenen Werken halt: Die Szene vor dem Showdown, in der die Kontrahenten erst in einem Cafe zusammensitzen und rumalbern, dann plötzlich aufstehen und zur Sache kommen - das erinnert doch sehr stark an das Finale aus To's Kultfim THE MISSION. Ein freches Konzept, dass Dank bestgelaunter Darsteller und einer bombastischen Inszenierung aber durchaus aufgeht.
Dafür sorgen nicht nur alle Nase lang blutige Zeitlupen-Shoot-outs, die zwar keine neuen Maßstäbe setzen, aber doch gewaltig rocken, sondern auch eine bis zum Schluss spannende Erzählung und schräge Einfälle am laufenden Band. Zum Showdowm gibt es dann ein Feuerwerk und Freude schöner Götterfunken! Sowas hat man in Hongkong auch noch nicht gesehen. Die Handlung hüpft zu Beginn auch derart schnell quer über den asiatischen Kontinent, dass einem fast schwindlich wird. Das kennt man ja von Hongkong-Kino, nur hat es diesmal sogar einen Sinn, wie sich später herausstellen wird.
Was zwischenmenschliche Beziehungen angeht, bleibt To seiner Linie Treu: Die Männer dominieren das Bild, ihre Gefühle für die Frauen werden bestenfalls angedeutet. Tok nutzt Chin eigentlich nur aus, um an O ranzukommen. Der wiederum schafft es nicht, seine Gefühle für Chin zu zeigen. Und erst ziemlich am Ende erhalten wir einen kleinen Hinweis, dass der Cop für seine Assistentin (Cherrie Ying mit süßen 17 -Respekt!) doch mehr empfindet, als man am Anfang ahnt. Egal, ist ja schließlich ein Actionfilm, da müssen die großen Gefühle halt hinten anstehen.
Negativ fallen eigentlich nur die teils haarsträubenden Charakterentwicklungen auf. Kelly Lin nimmt man ihre Entwicklung vom braven Aschenputtel zur Baller-Amazone nicht wirklich ab, was aber eher am Drehbuch denn ihrer darstellerischen Leistung liegt. Und Simon Yam's Wandlung vom knallharten Spitzencop zum zitternden Sozialfall ist zwar inhaltlich noch halbwegs nachvollziehbar - schließlich steigert er sich mit all seinem Herzblut in die Verfolgung, muss aber am Ende einsehen, dass er den killern nicht gewachsen ist. Aber das Ganze ist doch etwas überzogen dargestellt und fast unfreiwillig komisch.
Oder doch eher freiwillig? Bei diesem Film ist alles möglich. Und so darf der resignierte Cop am Ende die Geschichte von Tok und O in einem Roman verfassen, der dann wohl später verfilmt wird, und zwar zu einem Action-Fest, wie es Tok wohl geliebt hätte, zu einem Film wie FULLTIME KILLER (der tatsächlich auf einem Roman basiert).
Alles in allem ein höchst unterhaltsamer Ausflug des Milkyway-Studios Richtung Mainstream - nicht umsonst sind Andy Lau uns Takashi Sorimachi in ihrer Heimat nebenbei auch noch gefeierte Popstars (vielleicht ist aus dem Grund ja auch To's Leinwand-Alter-Ego Lau Ching-Wan nirgends zu sehen). Selten hat ein aktueller Film die Werte des traditionellen Hongkong-Kinos derart hochgehalten und auch noch kreativ ergänzt.
Noch ein paar Worte zur deutschen DVD von e-m-s: Die Extras sind mit Making-Of und Behind-the-Scenes-Special für eine deutsche Veröffentlichung eines asiatischen Film geradezu reichlich. Zudem erfreut ein witzig animiertes Menü. Die Synchro ist erstaunlich gelungen und den dreisprachigen O-Ton gibt's auch. Ein Ärgernis sind aber die deutschen Untertitel, die bloß das abgetippte Synchro-Script und dann auch noch teils fehlerhaft getimet sind. Hoffentlich gibt es da noch mal eine überarbeitete Neuauflage.