Review

„Wer konnten diese geheimnisvollen Männer sein ? Was war es, worüber sie sprachen ? Er lebte in einem Land mit einer legalen Verfassung. Es wurde auf die Einhaltung der Gesetze geachtet.“

Im durch die Belehrungen unsäglichen Vorspann wird die These aufgestellt, dass wir alle manipuliert werden, von Geburt an programmiert sind und es fast unmöglich geworden ist, selbst zu denken und selbst zu handeln.
Diese Behauptung wird noch in dem Maße konkretisiert, dass man einen xbeliebigen Mann jederzeit dazu bringen kann, einen Mordauftrag ohne Skrupel auszuführen. Aus einem bestimmten Ausgangszustand folgt ein bestimmter Folgezustand. Ohne Möglichkeit zur Abweichung folgt ein deterministischer Zustand auf den nächsten. Die Kettenreaktion der Folgen geht bis ins Unendliche. Der Film versucht dann an einen Beispiel, die Aussagen über das Dominoprinzip zu untermauern und geht diese Konditionierung mit Beeinflussung, Verfälschung und Verschleierung an.

Für diese Meta - Situation hat man sich dann auch ein extra störrisches Exemplar Mensch als Testperson ausgesucht, um die Allgemeingültigkeit des Kausalitätsprinzips in letzter Konsequenz auszutesten: Roy Tucker [ Gene Hackman ] sitzt wegen Mordes im Gefängnis auf San Francisco; er hat den früheren Ehemann seiner jetzigen Frau Ellie [ Candice Bergen ] getötet, weil dieser trank und prügelte.
Eigentlich scheinbar gute Voraussetzungen für jemanden, der nur als eine Art Werkzeug fungieren und nicht mehr als ein paar Hände am Abzug darstellen soll. Nur ein Stück im Puzzle. Tucker passt sich dieser Rolle aber überhaupt nicht an und versucht die ganze Zeit, seinen eigenen Kopf durchzusetzen.

Dabei nehmen Tagge [ Richard Widmark ] und Pine [ Edward Albert ] von „einer Gruppe von Leuten, die eventuell bereit sind ihm zu helfen“ ihr Versuchskaninchen gründlich unter die Lupe. Mit der Erlaubnis bzw. ohne Gegenwehr vom Gefängnisdirektor übrigens, also offensichtlich mit sehr viel Macht hinter sich und auch ohne die Nennung sehr deutlich auf die CIA verweisend. Sie fragen ihn nach seiner Vergangenheit im Vietnamkrieg, wo er als Scharfschütze nicht ganz freiwillig Dienst leistete und auch mit Ehren und einem Verwundetenabzeichen hätte entlassen werden können. Sie gehen die Gerichtsprotokolle durch.
Tucker redet auch freiwillig; sagt dass es kein Problem war jemanden zu töten, sondern eher wie Licht ausknipsen. Besteht auch darauf, dass sie es so hinschreiben sollen; fast als wenn er eine Ahnung hat, was auf ihn zukommt. Auch eher wahrscheinlich, dass er sich denken kann, wer soviel Einfluss besitzt und was sie ausgerechnet mit ihm wollen. Und mal macht er das Spiel auch mit, weil er nach jeder Regel spielt, wenns sein muss. Und mal spielt er überhaupt nicht und tanzt stattdessen als personifizierte Heisenbergsche Unschärferelation der Organisation auf der Nase herum. Die sich das auch noch gefallen lassen.

Nun stellt der Film analog zu seinem Thema gleich damit einen Haufen Fragen, auf denen er keine Antwort weiss, auch nicht einmal im Ansatz welche zu liefern versucht. Dabei interessiert es weniger, wer die Leute in den feinen Anzügen sind und was genau sie vorhaben, sondern warum sie ausgerechnet Tucker für diese Operation bestimmt haben und damit verbunden auch warum sie die ganze Angelegenheit überhaupt so stressig für sich selber machen wollen.
Hier klafft nicht nur Form und Inhalt auseinander, sondern auch Anspruch und Wirklichkeit. Angefangen von den ersten Gesprächen sieht man nämlich, dass Tucker niemand ist, der sofort kuscht und sich Anordnungen unterwerfen lässt. Lässt sich nichts sagen und schon gar nichts befehlen. Reagiert nicht wie gemeinhin erwartet.
Er stellt trotz der Aussicht auf die sofortige Freilassung gegenüber weiteren 15 Jahre Gefängnis noch neue Bedingungen auf und zieht diese auch eiskalt durch. So will er, dass sein Zellenkumpel Spiventa [ Mickey Rooney ] mitentlassen wird, ansonsten läuft nichts. Besteht darauf, bis ihm der Wunsch erfüllt und ihm nachgegeben wird.
Scheinbar.

Denn kurz nach der geglückten Flucht, die sich da von allen Seiten gedeckt als sehr leichtes Kinderspiel darstellt, wird Spiventa vor seinen Augen erschossen und er niedergeschlagen.
Ist er nun kooperativ ?
Nein.
Warum nicht ?
Entweder er hält sich für in seinem Grössenwahn den Leuten gewachsen, die ihn ohne Probleme und Aufsehen zu erregen aus dem Gefängnis holen, neue Identität, Bargeld, ein Haus beschaffen, in Kontakt zu seiner Frau bringen und nach Spiventa einen zweiten Bekannten ohne Weiteres umbringen. Oder die Rebellion bloss als Notwendigkeit des Drehbuches. Eher dies.
Die positiven Seiten des Geschäftes nimmt er jedenfalls mit Kusshand an; geniesst die gewonnene Freiheit, die zweiten Flitterwochen, läuft im weissen Bademantel oder gleich im Partnerlook mit Perücken - Ellie durchs Haus auf Puntarenas, Costa Rica und tobt sich am Strand aus.
Um beim Auftauchen seiner Auftraggeber sofort wieder giftig zu werden und Blitze zu schiessen.

Da dieses Heckmeck nicht nur eine Weile, sondern die ganze Zeit geht und sich trotz immerwährender Lektion noch eher steigert als mindert, muss man Tucker und dem Film gleichermassen attestieren, dass er nicht dazu lernt. Seine Prämisse nicht nur arg in die Länge zieht und dadurch immerfort bis zum Unendlichen ausreizt, sondern auch seine aufgestellte Theorie aus den Augen verliert. Den Beleg liefert man vielleicht, vielleicht auch nicht, jedenfalls nicht wirklich; wer weiss das schon. Bis dahin ist das wenige Interesse an der Beweisführung eh versickert; mit der vermutlich eingangs intendierten Kritik an der Praxis der Geheimdienste sowie der ersten paranoiden Bedrohlichkeit gleich mit.
Allerdings stellt der zunehmend paradoxe Sachverhalt in seiner Abgelöstheit von der etwaigen logischen Wirklichkeit eine gute Zuweisung zu den Werken Kafkas dar, auf die sich auch verschiedene Male ausdrücklich bemüht wird.
Die Erzählstruktur des Überwachens und Strafens wirkt sehr reduziert, zeigt aber dennoch nach einer Weile die Möglichkeiten des Ausgangspunktes auf seine Art auf. Also Simplifizierung und Banalität hier, Unverständnis dort. Das stetige Verweigern von Tucker und das gleichhaltende Behaaren der Anderen. Es liegt die Anwendung einer falschen Theorie auf ein falsches Objekt in falscher Behandlung vor; aber nicht aus Unwissenheit oder durch Zufall, sondern wohl mit Absicht. Wider besseren Wissens.

Ebenfalls analog zur Thematik ist auch die Regie von Stanley Kramer – eigentlich ein hochgradig fähiger Mann - samt Schnittrhythmus sehr unvollständig, geradezu unfertig aufgebaut. Keiner in der Erzählung hat einen genauen Überblick, sondern weiss nur einzelne Details. Vergleichbar dazu sieht der Zuschauer auch öfters nicht durch; mehrere Szenen schliessen mit offenen Ende und fangen plötzlich ganz woanders wieder an, ohne eine Erklärung für Vorangegangenes nachzuliefern. An allen Ecken fehlen bis zum Ende die Zusammenhänge; man wird wie Tucker selber in etwas hineinkatapultiert, was man nicht durchschaut.
Das Ausgangsmaterial wird dazu noch einer Metamorphose unterzogen: Kramer arbeitet statt mit folgbaren Mechanismen mit Schwindel, Täuschung, Trickserei. Fauler Zauber. Vermeintlicher Realismus durch die Nachrichtenbilder vor den Credits steigert sich nach und nach aufgrund der Unfähigkeit des Skriptes ins Surrealistische, in der jeder in seiner eigenen Welt zu leben scheint und keiner in der glaubhaften. Dieses heillose, mysteriöse Durcheinander ist neben der technischen Seite aber auch der einzige Wert, den der Film in den 80min aufweisen kann. Da man ja nie weiss, was als Nächstes passiert, ist es nicht unspannend, bis auf Bergen toll besetzt, schön fotographiert und am Ende auch plötzlich mit Action angereichert.

Die Kritik machte mit Domino – Prinzip zwar kurzen Prozess, aber man kann nicht behaupten, hier ein konventionelles Routineprodukt vorgesetzt zu bekommen. Dies ist doch schon mal Etwas.

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