Bei manchen Filmen fragt man sich, welchen Zweck sie eigentlich erfüllen sollen. Unterhaltung? Wenn Schwangere bei lebendigen Leib mittels eines Bayonetts des Fötus beraubt werden oder kleine Mädchen vergewaltigt? Wohl kaum. Informativ-edukativen Charakter hat Black Sun: The Nanking Massacre aber auch nur bedingt, denn er ist ein klassischer Propagandafilm - kurioserweise bald 7 Jahrzehnte zu spät.
Normalerweise sind Propagandafilme verabscheuenswert, denn sie wollen ein eindeutiges Bild einer Kriegspartei vermitteln und scheuen vor Lüge nicht zurück - nein, Lüge ist sogar die Voraussetzung der Propaganda. Im Falle des Regisseurs mit dem etwas merkwürdig transkribierten Namen, T. F. Mous, verhält es sich aber etwas differenzierter.
Zum einen ist die Nation, in dessen Namen er zu sprechen scheint, durchaus an einem guten Verhältnis zu Japan interessiert, was man daran sieht, daß die staatliche Filmförderung in China ihre versprochene Unterstützung wieder zurückgezogen hat, nachdem sie merkte. wie radikal der Film aussehen würde. Zum anderen ist der Anteil an Wahrheit, oder sagen wir vorsichtiger, geschichtlicher Fakten, wesentlich höher als in einem üblichen Propagandafilm. Die Okkupation von Nanking war ein historisch verbürgtes Massaker und japanisches Kriegsverbrechen, bei dem es in der Folge, ähnlich wie in Nürnberg, zu Tribunalen und Exekutionen kam.
Diese Verankerung in der Zeitgeschichte versucht Mous mit original Filmdokumenten zu untermauern, was dem Film einen gewollt dokumentarischen Charakter verleiht. Doch das trügt eben. Waren in "Men behind the Sun" insofern noch Zwischentöne zu vernehmen, als beispielsweise die jungen Rekruten für Einheit 731 durchaus noch keine Killermaschinen sind, sondern erst den Drill dazu gemacht werden. Nicht alle Japaner werden als blutgeile Bestien dargestellt, es gibt welche, denen die Schlachterei durchaus übel aufstößt. Dennoch machen sie, ihrem Kaiser verpflichtet, natürlich weiter.
Diese realistischen, wie wir auch aus den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wissen, Charakterzeichnungen gibt es in The Nanking Massacre nicht mehr. Japaner = der Satan, Chinese = unschuldiges Opferlamm. Die Darstellung ist so extrem überzogen, daß es ab einem gewissen Punkt schon fast makaber lustig wird und den beabsichtigten (und durch extrem grausame Szenen auch durchaus erreichten) Schockeffekt kompromittiert.
Man darf auch nicht vergessen, daß zwar die großen Eckpunkte im Nanking-Geschlachte, also die wahllose Erschießung unbewaffneter Zivilisten als "Abschreckung" oder die Enthauptung hunderter Chinesen durch den Kommandanten, um sein Schwert zu "testen", zwar bezeugt sind - teilweise sogar photographisch - , aber die Dialoge dazwischen und die Szenen mit der chinesischen Famile, die dem Zuschauer als Anker für die Geschehnisse dienen soll, dem Geist Mous' entsprangen und somit keiner geschichtlichen Faktizität entsprechen.
Was ist also das Ziel einer solchen zu spät gekommenen Propaganda? Eigentlich kein unnachvollziehbares, denn Japan hat, im Gegensatz zu Deutschland, seine Kriegsverbrechen bis heute nicht eingestanden. Tausende koreanische Frauen haben keine Entschuldigung geschweige denn Entschädigung für ihre Vergewaltigung in Zwangsbordellen erhalten, von den stummen Experimentsopfern der Einheit 731 nicht zu reden - die Fakten um diese scheußlichen Armeeabteilung in der Mandschurei wurden von Japan systematisch vernichtet.
Mit einem solchen Film wird man Japan allerdings auch nicht notwendigerweise zu Kompensationsleistungen bewegen, ich glaube eher, daß der Regisseur ein Einreiseverbot auf Lebenszeit hat. Auch der Westen wird sich eher abgestoßen zeigen als aufgerüttelt. So bleibt ein merkwürdiges Filmdokument, das Politik, Exploitation, Dokumentarisches und Drama auf eine Art mischt, die in der Filmgeschichte einzigartig ist. Darin immerhin liegt ein Zweck: Sehgewohnheiten zu durchbrechen und aufzurütteln gegen Unmenschlichkeit, wie sie in Kriegen eben immer begangen wird. Ob es funktioniert, kann man natürlich nicht sagen, aber gleichgültig wird Black Sun: The Nanking Massacre niemand lassen,
Ein Wort noch zu den Medien: die längst vergriffenen Mei-Ah Veröffentlichungen sind nun endlich von einer sehr passablen US-DVD unterstützt worden, die ein sehr ansprechendes Transfer zu bieten hat (allerdings dürfte das als Vorlage gedient habende Negativ etwas gelitten haben) und recht interessante Extras, u.a. zwei informative Interviews mit dem Regisseur (leider nur als Texttafeln) und, kein Zufall wie ich meine, einen originalen US- Propagandafilm von 1944. Dazu gibt es auch noch ein paar Tafeln und Photos geschichtlicher Art.