Was haben Quentin Tarantino und Francois Truffaut gemein`?
Bekannterweise war Tarantino ein Videothekar, der später auf Grund seiner Liebe zum Film auf die andere Seite wechselte und seitdem recht erfolgreich sowohl qualitativ hochwertige als auch in gewisser Weise erfolgreiche Filme dreht, welche immer wieder auf die geliebten Filme von früher referenzieren.
So gibt es Zitate aus so ziemlich jedem Film, den Tarantino je gesehen hat in so ziemlich jedem Film, den er gedreht hat. Das fängt schon bei Reservoir Dogs an und hat seinen absolut absurden bisherigen Höhepunkt in seinen Kill Bill- und Deathproof-Filmen.
Truffaut auf der anderen Seite war ein Filmkritiker, den die Liebe zum Film dazu getrieben hat, die Seite zu wechseln, Filme zu drehen, welche allesamt qualitativ hochwertig waren und in gewisser Weise auch erfolgreich. Diese Filme haben in bestimmten Zyklen auf ältere Filme referenziert und diese dann auch zitiert. Kommt einem bekannt vor?
Um der Fairneß Genüge zu tun: Truffaut hatte zu seiner Zeit nicht so eine breite Palette an Material, zu welchem Tarantino den Zugang hatte, so dass er meistens nur italienische, amerikanische, englische Filme, vielleicht noch ein paar japanische und deutsche Filme zur Auswahl hatte, derer er sich bedienen konnte.
Aber guten Regisseuren sollte das eigentlich ausreichen.
Ähnlich wie Tarantino eigentlich ein Wegbereiter des neuen amerikanischen Films der 90er Jahre war, so gehörte Truffaut zu den Wegbereitern des damals neuen französischen Kinos, größerer ist vielleicht die Parrallele zum dänischen Dogma-Kino, aber sei's drum.
Was hat das alles mit "Die Braut trug schwarz" zu tun?
Nun ja, "die Braut trug schwarz" ist ein geradliniger Rache-Film, in welchem eine Frau den heimtückischen Mord an ihrem frisch vermählten Ehemann rächt, indem sie nacheinander die Männer, die sie verantwortlich dafür hält, auf unterschiedliche Arten und Weisen tötet. Dabei geht sie konsequent bis zum letzten und läßt sich durch nichts, niemanden und erst recht nicht durch Argumente aufhalten.
Mehr braucht man zum Inhalt nicht zu sagen.
Mit Sicherheit ist "Die Braut trug schwarz" nicht der erste Film mit der Rache-Thematik, aber er ist einer der Einflußreichsten des Genres. Er steht solchen Werken wie Lady Snowblood oder (und hier fängt der Kreis an, sich zu schließen) Kill Bill eindeutig Pate.
Die Braut wird mit solch einer stoischen Mimik gespielt, dass sie einem trotz der enormen Nähe immer distanziert bleibt, es geht sogar noch weiter, ihre Opfer werden (fast allesamt) einem sogar immer wieder Näher gebracht als sie selbst.
Dabei werden sie niemals als die Supersympathen dargestellt, aber man ahnt, dass der Tod nicht wirklich die adäquate Bestrafung wäre sondern viel zu überzogen ist.
Doch wie gesagt, die Braut läßt sich nicht aufhalten, und sie - da innerlich bereits Tot - schert sich auch einen Dreck um ihr eigenes Wohl. Die Rache steht an erster Stelle.
Ob es ihr letztendlich eine Erlösung bringt, ist von nachrangiger Relevanz.
Insofern ist dieser Film auch als ein Vorgänger der Rache-Thriller des Koreaners Park-Chan-Wook anzusehen.
Aber "Die Braut trug schwarz" ist bei alle diesem kein philosophischer Film, sondern wie schon gesagt äußerst geradlinig erzählt.
Szene um Szene hat -vor allem wer Kill Bill gesehen hat - Wiedererkennungswert, wenn etwa jeder Tote in einer Namensliste entweder im Flugzeug oder Zug ausgeschwärzt wird. Am Eklatantesten wird es dann, wenn sie einen ihrer Opfer töten wird, und dabei der Sohn ebenfalls in der Wohnung ist.
Hier wird ganz eindeutig klar, wo Tarantino manche Ideen her hat, obgleich er seine Inszenierung Over-the-Top übersteigert, so dass Kill Bill dennoch als eigenständig bezeichnet werden kann.
Auch andere Filme werden sich an diesem Film orientiert haben, sehr viele dieser billigen Ex- und Sexploitation-Schinken der 70er Jahre werden diese Dramaturgie genommen haben, nur für ihre Zwecke übersteigert haben.
Selbst heute noch gibt es enorm viele "moderne" Rache-Thriller, die sich fast eins zu eins nach dem von Truffaut vorgegebenen Muster richten: Prinzessin Aurora (auch der finale Twist, wenn man es mal so benennen möchte, denn richtig überraschend ist aus heutiger Sicht nicht wirklich viel, vieles ist sehr altbacken, aber damals war es wohl NEU) als Beispiel.
Auch andere Nationen - so ziemlich jedes Land - dürfte ähnliche Verfilmungen produziert haben, ich zumindest kann locker mindestens ein halbes Dutzend noch nicht benannter Länder aufzählen, die ein quasi-Remake produziert haben, welche allesamt in ihrer Heimat mittlerweile als kleine Klassiker gelten dürften.
Hierzu sollte dem Leser auch klar gemacht werden, dass "Die Braut trug schwarz" niemals gewalttätig wird, die Morde passieren mehr oder weniger Off-Panel, ganz selten wird Gewalt ausdrücklich dargestellt. Vieles wird der Phantasie des Zuschauers überlassen.
Macht Truffaut also alles richtig mit diesem Film? Ist er tatsächlich der Superinnovator mit diesem Filmchen?
Ersteres muß man mit einem klaren Jein benatworten, denn das ist eindeutig Geschmackssache. Die Hauptdarstellerin ist meines Erachtens eine glatte Fehlebesetzung, sie sieht aus, wie die Uroma von Brigutte Bardot und es erschließt sich mir in keinster Sekunde, warum man sie auch nur ansatzweise begehren sollte. Zugegebenerweise, spielt sie ihren Charakter herrlich arrogant und unnahbar, und ein gewöhnlicher Franzose wird davon mit Sicherheit total engtörnt sein und ihr dann hörig verfallen sein, aber doch nicht jeder einzelne Depp der Grande Nation.
Auch die Tasache, dass sie wunderschön sein soll, nun ja....
Unnahbarkeit kann zwar attraktiv machen, aber wirklich schön? Und dann die Sache mit ihren angeblich ach so schönen ewig langen Beinen? Ich sage nur: Untersetzt....
Außer dem optischen kann diese angeblich ach so großartige französische Schauspielerin auch nicht wirklich überzeugen, zu behäbig und steif spielt sie ihre Rolle. Man mag jetzt dem Entgegenhalten: Sie soll so spielen, damit sie arrogant, unnahbar und zum Zuschauer auf Distanz bleibt.
Wie gesagt, Geschmackssache.
Zweitens muß man die Geschwätzigkeit der (mit einer Ausnahme) Rache-Opfer als einen weiteren etwas fragwürdigen Punkt aufgreifen. Dies bringt einem die Charaktere zwar näher aber diese typen quatschen so viel und so ein Dreck zusammen, dass man ihnen den Tod doch noch gönnt. Auch hier kann man einen Querverweis zum ach so geschwätzigen Tarantino machen...
Originell, das wäre die letzte Frage gewesen:
Nun ja, um der Gerechtigkeit genüge zu tun, Francois Truffaut zitiert hier selbst genüßlich ältere Filme, engagiert Hitchcocks Hauskomponisten und dieser Film ist eigentlich fast schon zu eindeutig eine Hommage an Hitchcocks bessere Filme.
Was heißt das dann für das Fazit und die Bewertung?
Die Braut trug Schwarz ist ein stylischer kleiner Film, der mehr auf den (aus heutiger Sicht) relativ spärlichen Spannungsaufbau und die stilistische Umsetzung als auf Gore-Effekte setzt. Neu ist, dass eine Frau derart konsequent ihre Ziele verfolgen kann, ohne als Femme Fatale die Böse darzustellen, und als (Anti-)Heldin zelebriert wird. Neu ist, dass es eigentlich niemand guten oder bösen gibt, also die Frage nach der Moral irgendwie hintergründig gestellt wird.
Dennoch allzu fesselnd ist der Film nun wirklich nicht, allemal höchstens für Cineasten interessant, die sehen möchten, wie das Original war.
Interessant ist er auch in der Filmographie Truffauts, weil er mit das Geheimnis der falschen Braut noch einen weiteren fatalen und weitaus bekennteren Thriller in seiner Filmographie hat, in welchem eine Braut eine negative Hauptrolle spielt.
Als Film also Durchschnitt (5 Punkte), als Original interessant (+0,5 Punkte), als Hommage Hitchcocks, Weiterführung und Eigenständiges Werk absolut glaubwürdig (+0,5 Punkte), dennoch dann wiederum ist er schon etwas zäh und langatmig (-1Punkt) ergeben sich äußerst solide 5 Punkte.