Review

„Die Braut trug schwarz“ ist nicht das erste Werk, mit dem der filmbegeisterte Francois Truffaut vor seinem vielleicht größten Vorbild, Alfred Hitchcock, den Hut zieht. Einen so bestimmenden Anteil bekamen die Hitchcock-Referenzen hier aber erstmals. Nach seinen frühen Meisterwerken hatte sich der ehemalige Kritiker mit seinem ersten britischen Film, der Romanadaption „Fahrenheit 451“, auf den Bauch gelegt und drehte nie wieder englischsprachig. Die Traditionen des britischen Kinos allerdings faszinierten den Franzosen weiterhin, sodass vorliegender Film eine einzige Hommage darstellt. Eine ins Extrem gesteigerte Femme Fatale, die nihilistische Atmosphäre eines Film Noir, garniert mit kunstvoll arrangierten Spannungsmomenten. Truffaut bekundet schon in der formalen Konstruktion seine Vorbilder, was zusätzlich untermauert wird mit der Engagierung von Hitchcocks favorisierten Komponisten, Bernard Herrmann. Selbst die Kameraarbeit des sonst so experimentell filmenden Raoul Coutard passt sich an die strukturierten Szenebilder an und überrascht mit einer für Coutard höchst unüblichen räumlichen Präzision.

Entgegen Truffauts sonst so klar analytischer Inszenierung lebt „Die Braut trug schwarz“ von einer unrealistisch überhöhten Rachegeschichte, deren Verlauf kühl und ohne Überraschungen verläuft. Ohne falsche Fährten zu legen oder auf clevere Twists zu setzen widmet sich die Regie der effektvollen Geschichte, deren nur allzu bekannte Ausgangssituation sehr unterhaltsam in Szene gesetzt wird. Ungewöhnlich dagegen die Hauptfigur, die schon beinahe stoisch verkörpert wird von einer noch jungen Jeanne Moreau. Ihre Figur, die Braut, wird charakterlich kaum gezeichnet sondern bleibt stilisiert. Identifikationsmöglichkeiten werden dem Zuschauer also kaum angeboten, vor allem weil der Film das Handeln seiner Protagonistin keineswegs emotional legitimiert. Gegenteilig werden sogar ihre Opfer wesentlich punktgenauer als echte Menschen portraitiert, exemplarisch steht dafür schon die frühe Auflösung der Vorgeschichte – zu diesem Zeitpunkt erfährt der Zuschauer bereits, dass das Leben der Braut keineswegs böswillig zerstört wurde, ein unglücklicher Zufall führte zum Tod ihres Bräutigams kurz nach der Hochzeitszeremonie. So wird jedem ihrer Opfer ein Gesicht gegeben, der Film zeigt deutlich, das mit jedem Menschen eine widersprüchliche Persönlichkeit stirbt, niemand ist frei von Fehlern oder Tugenden. Wenn Moreau beispielsweise einen sorgsamen Familienvater tötet, dann wird deutlich wo ihre Intention zu suchen ist. Kein Gerechtigkeitswahn treibt ihre Rache, keine genüssliche Vergeltung kann sie befriedigen und ihr persönliches Wohl zählt schon lange nicht mehr. An ein besseres Leben nach ihrem Rachefeldzug denkt die Braut nicht nach und so scheint es nur konsequent, das sie sich für ihr letztes Opfer, welches seit kurzem im Gefängnis sitzt, selbst aufgeben und der Staatsgewalt ausliefern muss. Truffaut lässt diese morbide Geschichte auch just in diesem Moment enden, wenn die Braut ihre Liste abgearbeitet hat. Trotz der plakativen Story kommt der Film ohne gewalttätige Details aus und steht mehr in der Tradition des hitchcockschen Spannungskinos als des typischen amerikanischen oder französischen Films.

Während sich die meisten Werke Truffauts durch eine federleichte Atmosphäre auszeichnen verzichtet „Die Braut trug schwarz“ auf offensichtliche ironische Brechungen, begeistert stattdessen mit einer genauen Farbdramaturgie und einem Drehbuch, dessen innere Logik immer aufrecht erhalten bleibt. Wenngleich gerade im mittleren Handlungsabschnitt unübersehbare Längen auftreten, schauspielerisch und handwerklich ist der Film wesentlich gelungener als sein Vorgänger „Fahrenheit 451“, Truffaut befindet sich merklich wieder auf vertrautem Terrain, sowohl geografisch (der Film wurde in Frankreich und Italien gedreht) als auch thematisch, wobei die späteren Thriller Truffauts (bspw. „Das Geheimnis der falschen Braut“) tiefgründigere Drehbücher und besser geschliffene Dramaturgie vorweisen können. Überhaupt krankt „Die Braut trug schwarz“ an einem behäbigen Aufbau, macht sich kaum der Vorhersehbarkeit seiner Handlung entgegen zu wirken. Der Verzicht auf graphische Gewalt rückt den Moment vor der eigentlichen Handlung ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wobei sich Truffaut nicht ganz entscheiden kann und wohl nur auf blutige Details verzichtet.

Obwohl der Film keinen richtigen Status als Klassiker erreichen konnte und viele Unzulänglichkeiten das Thema leicht verwässern hat er im Gedächtnis der Cineasten überlebt und beeinflusst bis heute verschiedenste Filme, deren Thema sich auf eine Rachegeschichte besinnt. Berühmtestes Beispiel dürfte Vorzeige-Filmnerd Quentin Tarantino sein, der sein Zitatenspektakel „Kill Bill“ mit einigen unübersehbaren truffautschen Referenzen versehen hat, von der Variation des Ausgangslage über die ab zu arbeitenden Liste, bis hin zu beinahe identisch übernommenen Kameraeinstellungen wie einen hoffnungslos aus dem Flugzeugfenster schweifenden Blick der Hauptdarstellerin. Ein Vergleich zwischen „Die Braut trug schwarz“ und „Kill Bill“ zeigt aber deutlich, wie sinnvoll bekannte Versatzstücke neu montiert werden können und in einen zeitgenössischen Kontext gestellt werden, ohne das direkt Plagiatvorwürfe im Raum stehen. Jeder große Regisseur ist selbst filmbegeistert und zollt seinen Vorbildern früher oder später Tribut. Neben Tarantino wurden auch etliche andere Filmemacher von der emanzipierten Hauptfigur beeinflusst, ohne den Film aber ebenso deutlich zu zitieren.

Fazit: Im Werk von Francois Truffaut stellt „Die Braut trug schwarz“ nicht viel mehr dar als eine Fußnote, gleiches gilt für die lange Karriere der Hauptdarstellerin Jeanne Moreau, die aber eine intensive, spröde Leistung abliefert und sich gewohnt perfekt in den Film einbringt. Ihre starke Präsenz, die starke Inszenierung und die deutliche Auflösung der Sympathieverteilung heben das Werk weit über den Durchschnitt und lassen den Zuschauer die behäbige, schleppende Dramaturgie größtenteils vergessen.

7,5 / 10

Details
Ähnliche Filme