"Sie wollten mich nicht sterben lassen, daher ging ich zur Kirche zurück. Die Sonne schien nicht mehr. [...] Und als ich die Kirche betrat, betete ich nicht, sondern schwor etwas. Ich machte Sie fünf ausfindig, einen nach dem anderen. Es dauerte lange, Sie zu finden." Julie Kohler (Jeanne Moreau) gleicht auf den ersten Blick einer wandelnden Toten. So wie Zombies von einer unwiderstehlichen Gier nach Menschenfleisch angetrieben werden, so hält Julie nur ein einziger Gedanke am Leben: der Wunsch nach Vergeltung. Vor einigen Jahren wurde ihr Ehemann David (Serge Rousseau) nach der Hochzeit beim Verlassen der Kirche erschossen. Eine kleine Kugel, die ein Leben beendete und ein anderes zerstörte. Die Übeltäter sollen nicht ungestraft davonkommen...
Wüßte man es nicht besser, dann könnte man glatt glauben, daß La Mariée Était en Noir eine der Hauptinspirationsquellen für Quentin Tarantinos Rache-Saga Kill Bill Vol. 1 & 2 ist. Zwar könnten die Werke unterschiedlicher kaum sein, aber viele Motive (wie z. B. die Grundhandlung, die Struktur, das Notizbuch mit den Namen der Schuldigen) finden sich in Tarantinos Filmen wieder. Allerdings behauptet Tarantino steif und fest, daß er Truffauts Film nie gesehen habe (*), und ich bin versucht ihm zu glauben, da er sich bezüglich seiner Vorbilder ansonsten kein Blatt vor den Mund nimmt. Der auf einer Vorlage von Cornell Woolrich basierende La Mariée Était en Noir ist ein seltsam unterkühlter, hochartifizieller Film, der Realismus und Logik außen vor läßt und es dem Zuseher nicht leicht macht, sich mit der Protagonistin anzufreunden oder sich gar mit ihr zu identifizieren. Julie ist eine unglaublich verbitterte Frau, die entschlossen, kaltblütig und scheinbar emotionslos ihr Werk verrichtet. Daß es in ihr gewaltig brodelt und daß sie den Schmerz und die Wut nur mühsam unterdrücken kann, wird nur in einigen wenigen Momenten deutlich. Diese erhalten dann durch Jeanne Moreaus großartiges, facettenreiches Spiel eine Intensität, die man sich vom gesamten Film gewünscht hätte. Als François Truffaut La Mariée Était en Noir drehte, hatte er sich zuvor einige Jahre lang intensiv mit Alfred Hitchcock beschäftigt (das Ergebnis kann in seinem 1966 veröffentlichten, weltberühmten Filmbuch Le Cinéma selon Hitchock nachgelesen werden) und so will er den Film als Referenz an den Meister verstanden wissen. Allerdings tut sich Truffaut damit keinen Gefallen, denn im Vergleich mit Hitchcocks unvergeßlichen Klassikern schneidet sein Werk eher schlecht ab. Wo Hitchcock den Zuseher ins Geschehen hineinzuziehen und mitzureißen vermag, verfolgt man das eher spannungsarme Geschehen bei Truffaut mehr oder weniger gefühllos. Da nützt es auch nichts, daß der Film von Raoul Coutard sehr schön photographiert ist und Bernard Herrmann für eine gewohnt gute Musikuntermalung sorgt. Trotzdem finde ich La Mariée Était en Noir sehr interessant und faszinierend, nicht zuletzt aufgrund Jeanne Moreaus überzeugender darstellerischer Leistung und der äußerst eleganten Inszenierung von François Truffaut. Schade nur, daß der Zuseher durch die Kälte des Filmes stets auf Distanz gehalten wird.
(*) U. a. im Interview mit Tomohiro Machiyama vom 28. August 2003, zu finden auf http://japattack.com/japattack/film/tarantino.html. Auf die Frage nach La Mariée Était en Noir antwortet Tarantino: "Here's the thing. I've never actually seen The Bride Wore Black." Und weiter: "I know of it, but I've never seen it. Everyone is like, "oh, this is really similar to The Bride Wore Black." I've heard of the movie. It's based on a Cornell Woolrich novel too, but it's a movie I've never seen. The reason I've never seen it is because... I've just never been a huge Truffaut fan. So that's why I never got around to see it. I'm not rejecting it, I just never saw it. I'm a Goddard fan, not a Truffaut fan. So I know of it, I know all that stuff, but it's a movie I've never seen."