Review

“Walk the Line” misst 130:17 Minuten.
“The Doors” gelingt es, 134:21 Minuten auszufüllen.
“Ray” schießt den Vogel ab: 146:01 Minuten dauert die Geschichte des Ray Charles.

Die Musikfilmparodie “Walk Hard” darf im wahrsten Sinne des Wortes an ihrer Laufzeit gemessen werden. Gerade mal 92:02 Minuten lang vergackeiert Nebendarsteller-As John C. Reilly in seiner Dewey-Cox-Hauptrolle die Epik seiner Zielscheiben. Das messbare Indiz der Zeitangabe wird somit zum Anhaltspunkt, wo hier der Musiker bei seinen Glocken gepackt werden soll: “The Dewey Cox Story” ist ein Angriff auf das narrative Grundgerüst von Musikerportraits, das dem von Tony “Scarface” Montana zum Verwechseln ähnelt: Aufstieg, Fall, dazwischen jede Menge Sex und Drogen. Und, naja, Rock’n’Roll. Klar.

Dem primär an “Walk the Line” orientierten Handlungsverlauf folgt man durch eine Kompression. Wie im Zeitraffer wird man durch die Lebensstationen des Dewey Cox geschleust. Komik soll sich dadurch ergeben, dass alles so schnell wie unverblümt geschieht: Klein-Dewey und sein Bruder unterhalten sich über Kindheitstraumata, als seien sie ausgebildete Psychologen, beim ersten Cox-Auftritt beginnt der Saal wie auf Knopfdruck den Twist zu tanzen (während Sittenwächter und Geistliche im Publikum wahlweise im Boden versinken oder sich auf selbigen übergeben) und die Drogenspirale passiert mit dämlichen Aufklärungsgesprächen zwischen Musiker und Roadie Revue. Was sich in der guten Stunde Laufzeitunterschied zwischen Vorbild und Parodie breit macht, sind langsame Entwicklungen, die sich auf natürliche Weise zwischenmenschlich ergeben. Die spart “Walk Hard” einfach aus, um gleich auf das Resultat zu kommen. Es wird gezeigt, welch simplem Muster der Lebensstil derjenigen Musiker unterliegt, die das Interesse der Masse für sich gewonnen haben. Darin liegt die “Parodie”.

Nun mag es ohne Zweifel lobenswert sein, dass Jake Kasdan, dessen Regiestil man ohne Zweifel aus “Nix wie raus aus Orange County” wiedererkennt, sich von der regierenden “Gross Out”-Welle der allermeisten Genreparodien distanziert, doch zu welchem Preis?

Tatsache ist, der gleichförmige Ablauf der gängigen Musikerbiografien dürfte keine neue Erkenntnis mehr sein. Dass berühmte Menschen mit ihrem Erfolg zu kämpfen haben, in Drogenexzesse geraten und nicht selten auch jung sterben (oder anderenfalls im Alter geläutert werden), ist ein Phänomen, das schon Hunderttausende von Reportagen nach sich gezogen hat. Hierin liegt auch der Grund, weshalb sich Filme wie “Ray” und “Walk the Line” gegenseitig demontieren. Sie alle beanspruchen für sich, einem einzigartigen Menschen ein besonderes Denkmal zu basteln (ob dieses nun heroisch - also fehlerlos - oder menschlich ausfallen mag), ähneln sich in ihrer narrativen Dramaturgie aber so sehr, dass von Einzigartigkeit keine Rede mehr sein kann.

Allgemeinplätze, die aber alles sind, was nun zur Verfügung steht. Alleine, dass “Walk Hard” nicht nur dem Titel nach fast eine 1:1-Nacherzählung von “Walk the Line” ist, verleitet zu der Annahme, dass die eigene Kreativität deutlich untergebuttert wird. Die Kunst der Parodie liegt nicht darin, die Mechanismen von Genres bloß zu erkennen und wiederzugeben; man muss schon auch dazu in der Lage sein, sie in originelle Gedankenspiele zu verpacken und gegebenenfalls mit anderen Elementen zu verknüpfen, die sich gerade anbieten.

Das geschieht alles nicht. Der Plot ist geradezu autistisch auf den James Mangold-Film versteift, um episodenweise mal auf andere, bevorzugt jüngere Werke zu referieren - am meisten noch auf “Ray”, der ebenfalls zum wiederkehrenden Plotelement gehört, im Fahrwasser zudem “The Doors”, “I’m not there”, “Beyond the Sea”, aber auch “Yellow Submarine” in einer der originellsten Sequenzen des Films. Dass die Szenarien mal genutzt werden, um themenfremde Dinge zu persiflieren, bleibt leider die Ausnahme.

Klar, John C. Reilly hängt sich mit Erfolg ins Zeug, wirkt ebenso sympathisch wie der Film, was sich von selbst erklärt, wenn man bedenkt, dass Reilly ihm von Anfang an seinen Stempel aufdrückt. Die Sets sind voller liebevoller Details, die Fotografie hervorstechend malerisch (die erste Szene des Rückblicks in die Kindheit, eine Impression des Landhauses, in dem Dewey mit seiner Familie aufwuchs, ist übertrieben farbenprächtig und edel eingefangen, eben ganz so wie man es von den Vorbildern kennt), die Song-Performances hochprofessionell, sich erfolgreich schneidend mit den zweideutigen, nicht selten auf Sexuelles anspielenden Texten. Zuguterletzt ist das alles aber bloß eine Scheinparodie, die mit der wahren Kunst der Verarsche ähnlich wenig zu tun hat wie die “Scary Movie”-Filme, nur dass “Walk Hard” immerhin auf eine Weise scheitert, die wesentlich angenehmer zu ertragen ist.

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