Truffauts Film "Ein schönes Mädchen wie ich" nimmt in seinem Oevre eine Sonderrolle ein. Seine Filme waren in der Regel von einer Balance zwischen Leichtigkeit und inhaltlicher Tiefe gekennzeichnet. Zwar unterschiedlich gewichtet, waren seine Filme doch niemals eindeutig, selbst hinter einer Unzahl von Liebesabenteuern konnten sich Anzeichen von Einsamkeit zeigen. Auf diese Vielschichtigkeit scheint Truffaut in seiner burlesken Komödie "Ein schönes Mädchen wie ich" zu verzichten, weshalb dieser Film in seinem Gesamtwerk heute einen untergeordneten Status einnimmt. Dabei wollte er mit diesem Film vor allem Eines – möglichst gut unterhalten.
Truffaut selbst schrieb in seinen Erinnerungen an die Entstehung des Films, dass er, der für seine sensible Schauspielerführung bekannt war, diesmal seine Akteure dazu anhielt, möglichst dick aufzutragen und zu übertreiben. Dabei hängt der Film trotz seiner vielen guten Nebendarsteller an Bernadette Lafont, die hier die Rolle des „schönen Mädchens“ Camille Bliss übernahm. Auch wenn zu Beginn der junge Soziologie-Dozent Stanislas Prévine (André Dussollier) scheinbar die Fäden in der Hand hält, als er mit einem Tonbandgerät bewaffnet das Frauengefängnis betritt, um so Informationen für seine Doktorarbeit über kriminelle Frauen zu erhalten, so interessiert sich Truffaut doch ausschließlich für Camilles Leben, um das sich sämtliche andere handelnden Personen kreisen.
So geradlinig der Film erzählt wird und so charakterlich eindeutig die Nebendarsteller konzipiert sind, so komplex ist die Hauptfigur gestaltet. Wenn man nach einem filmischen Vorbild für Camille suchen will, dann am ehesten in Jean Harlow’s Rollen aus den frühen 30er Jahren. Ähnlich wie diese hat auch Camille den Drang, gesellschaftlich aufzusteigen und dafür ihre körperlichen Vorzüge einzusetzen. Beide kommen aus einfachsten Verhältnissen und machen kein Geheimnis aus ihrer Vulgarität, die man ihnen an ihrer Sprache, Bildung und im Gesichtsausdruck jederzeit anmerkt. Schon der Begriff des „schönen Mädchens“ verdeutlicht in diesem Zusammenhang eine gewisse Ironie, denn trotz ihrer guten Figur ist Camille nicht wirklich schön. Ihren Gesichtszügen und ihrer Mimik fehlt dafür jegliche Klasse und Contenance. Darin erklärt sich der Ausnahmestatus dieser Figur, denn in der Regel versuchen Diejenigen, die in höhere Schichten aufsteigen wollen, sich einen äußerlich angepassten Gestus zu geben, doch Camille denkt gar nicht daran und plappert auch gegenüber dem jungen Wissenschaftler offen ihre Lebensgeschichte aus.
Das liegt auch darin begründet, dass sie ihren „Aufstieg“ keineswegs systematisch plant, sondern sich eher den zufälligen Gelegenheiten hingibt. Das gibt ihrer Figur trotz ihres offensichtlichen Egoismus immer eine sympathisch wirkende Naivität, die sich auch in der Ausübung ihrer Sexualität zeigt. Zwar ist ihr bewusst, dass sie damit die Männer um den Finger wickelt, aber gleichzeitig macht sie keine große Sache daraus. Überhaupt vermeidet Truffaut jegliche emotionale Betonung. Tragik oder große Gefühle existieren hier bewusst nicht, denn aus der lakonisch verharmlosenden Erzählweise über das Schicksal einer Jungen Straftäterin, die mit neun Jahren ihren Alkoholikervater umbringt und schon als Jugendliche sexuell von den Männern benutzt wird, gewinnt der Film seinen absurden Humor, der in dem ständig sonnigen Gemüt seiner Protagonistin gipfelt.
Darin ist auch ihre Anziehungskraft für die Männer zu erkennen, die keineswegs in sie verliebt sind oder ihr etwa verfallen wären. Ihr Hauptvorteil liegt für sie vor allen Dingen in ihrer problemlosen Verfügbarkeit, was einen alten Gefängniswächter, der sie seit ihrer Kindheit kennt, einen Vergleich mit einem Elektrizitätswerk ziehen lässt – man ist davon zwar nicht unbedingt begeistert, aber lassen kann man davon auch nicht. Die vielen teilweise abgedrehten Männerfiguren wie der Ungeziefervernichter (Charles Denner), der Vorort-Sänger (Guy Marchand) oder der zwielichtige Rechtsanwalt (Claude Brasseur) haben natürlich auch eine Menge Probleme mit ihr, aber gleichzeitig kommen sie auch auf ihre Kosten.
Der Einzige, der die Tragik in dieser Lebensform erkennt, ist der junge Soziologie-Dozent Stanislas, was ihn in Truffauts Film zur lächerlichsten Figur macht. Während Truffaut sämtlichen anderen Figuren einfach und ohne Wertung bei ihrem meist wilden Treiben zusieht, macht er sich über die Intellektuellen hier lustig. Für jede von Camilles Wendungen und Ausreden findet er einen wissenschaftlichen Grund und lässt sich von ihr mit offensichtlichsten Mitteln um den kleinen Finger wickeln, während er die zarten Annäherungsversuche der hübschen, gebildeten, aber braven Hélène (Anne Kreis) nicht bemerkt, obwohl diese ihn sogar dabei unterstützt, als er Camilles Unschuld zu beweisen versucht – ein bei einsichtiger Betrachtung unmögliches Verlangen (8/10).