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Nachdem George A. Romero mit seinem Kultklassiker NIGHT OF THE LIVING DEAD den Horrorfilm revolutionierte und die Filmwelt schockierte, setzte er sich 1977 daran seine apokalyptische Horrorvision fortzusetzen. Bereits vier Jahre zuvor nahm sein ebenfalls durch und durch gelungener Zukunftsthriller THE CRAZIES einige Ideen zu DAWN OF THE DEAD vorweg. Darin sorgen durch bakteriologische Kampfstoffe infizierte Amokläufer und die sich ihnen entgegenstellenden und Macht übergreifenden Militärs für eine horrible und realitätsnahe Utopie. Ein kleiner Vorgeschmack also, den Romero mit DAWN OF THE DEAD zeigen wollte, weil zu jener Zeit keine Finanzierungsmöglichkeiten vorhanden waren. Das änderte sich, als der junge italienische Regisseur Dario Argento seine Hilfe anbot. Kurzerhand reiste Romero nach Rom und dort schrieben beide gemeinsam an dem Script, zudem Argento eine Reihe guter Ideen beitrug. Aufgrund seiner Beraterfunktion und der finanziellen Stütze erhielt er sogar die Rechte, das Filmmaterial für die nicht englischsprachigen Länder eigens zu bearbeiten. Ein ähnliches Abkommen schlossen Romero und Argento auch bezüglich des Soundtracks. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit kann man durchaus als wahren Grundstein des Splatterfilms bezeichnen, und insbesondere den des modernen Zombiefilms. So führte George Romero das Publikum zu neuen, ungeahnten Sehgewohnheiten. Rein oberflächlich betrachtet ist DAWN OF THE DEAD ein zweistündiger Feldzug gegen untote Jedermänner, der ohne nennenswerte Erklärungstheorien über die Zuschauer hereinbricht. Darin liegt auch eine konsequente Weiterführung der Thematik, die der Regisseur in NIGHT OF THE LIVING DEAD erzählte. Zwar gab es bereits darin keine exotischen Schauplätze oder wohlige Gruselstimmung mehr, doch im Vergleich zum „Morgengrauen“ ist die „Nacht“ der lebenden Toten Kleinstadthorror, der noch weit von den Metropolen unserer Gesellschaft entfernt stattfand. In dem vorliegenden Nachfolger bricht diese Notstandsituation auch in den Großstädten aus, ganze Landstriche sind bereits betroffen und die Zahl der Zombies wird immer größer und unüberschaubar. Politiker und Wissenschaftler streiten um die Möglichkeiten dieser Situation wieder Herr zu werden. Und darin liegt ein wesentlicher Punkt: Die Diskussionen um anerzogene Moralvorstellungen und dem ethischen Konsens rauben Zeit. Die Militärs schaffen es trotz der Unterstützung durch schießfreudige Zivilgruppen nicht, den viralen Ausbruch der lebenden Toten einzudämmen.

Hier findet sich auch das Stilmittel aus NIGHT OF THE LIVING DEAD wieder, wo die ums Überleben Kämpfenden versuchen den Kontakt zur Zivilisation aufrecht zu halten. Doch nach und nach löst sich alles in Hoffnungslosigkeit auf und jeder ist um sich selbst besorgt. Und bis auf die vier zentralen Protagonisten erhalten alle (noch lebenden) Menschen eine neutrale Funktion. Wieder wird man Zeuge wie eine Handvoll Menschen eingeschlossen und abgeschottet von der Außenwelt ihr Dasein, ihr Überleben fristen und sich nicht nur gegen die zahllosen Zombies, sondern sogar gegen plündernde Rocker verteidigen müssen. Die Charaktere der Figuren bekommen in DAWN OF THE DEAD vielmehr Raum zur Entwicklung als dies in NIGHT OF THE LIVING DEAD der Fall ist. Die Schauspieler sind in der Form ihres Lebens und Romero gönnt den Eingeschlossenen eine Art Privatleben, eine Verschnaufpause zwischen den Auseinandersetzungen. Dadurch gelingt es dem Zuschauer sich mehr mit den Protagonisten zu beschäftigen und macht letztlich die gleiche Entwicklung durch. Obgleich die Charakteristika der einzelnen Figuren sehr künstlich stilisiert sind. Ihre undifferenzierte Gewaltanwendung, die anfänglich noch mit vollem Ekel große Überwindungskraft kostet, entwickelt sich im Verlauf der Geschichte zu einer Art Sport. Der Mensch wird zum Jäger auf das Freiwild lebender Toter.

Gerade diesen psychologischen Vorgang der Überwindung und Gewöhnung sehen Kritiker als Gefahr in diesem Werk als auch in vergleichbaren Filmen. Mit anderen Worten die Gewöhnung des Publikums an übertriebener und scheußlicher Gewalt. Doch dabei wird übersehen, daß die explizite Darstellung vielmehr abschreckt und kaum zu ertragen ist. Die pausenlose Konfrontation läßt nicht viel Zeit für persönliche Reflektionen oder kritische Distanz. Das Leinwandgeschehen bricht ebenso plötzlich und atemberaubend über den Betrachter herein wie die Gewalt der Zombies über die Protagonisten. Das Gesehene reibt zu sehr auf und hegt den Wunsch nach einer filmischen Ruhepause. Dadurch entwickeln sich filmische wie dramaturgische Qualitäten in hohem Maße, die eine Identifikation mit der Gewalt in speziellem Sinne gar nicht zulassen, sondern es wird eine Art Schutzfunktion erzielt. Und dieser Problematik war sich Romero augenscheinlich bewußt und äußerte sich dazu folgendermaßen: „Leider gilt in Amerika Gewalt als Lösung für bestimmte Probleme. Das ist für mich ein wichtiger wie erschreckender Aspekt unserer Realität. In DAWN OF THE DEAD habe ich versucht, diese furchtbare Funktion der Gewalt deutlich zu machen. Und ich hoffe, daß es klar wird, daß ich mich mit dieser Gewalt nicht identifiziere. Um Gewalt zu kritisieren, muß man sie zeigen. Die Distanz herauszuarbeiten ist die Schwierigkeit, vor der man als Regisseur und Autor steht“.

Und damit der apokalyptische Albtraum auch erschreckend realistisch in Szene gesetzt werden konnte, wurde der mit italienischer Abstammung in Pittsburgh geborene Tom Savini für die zahlreichen Effektsequenzen und Masken engagiert. Er war jedoch nicht nur als F/X-Künstler tätig, sondern agiert noch in einer kleinen, kultigen Rolle als Mitglied der plündernden Rockerbande und war zugleich Stunt-Koordinator, der seine eigenen Szenen auch noch selber ausführte. Savini sollte ursprünglich sogar die Effekte für NIGHT OF THE LIVING DEAD kreieren, wurde dann aber vom Militär eingezogen und Berichterstatter und Kameramann in Vietnam, was sicherlich auf seine späteren Arbeit einen nicht unbedeutenden Einfluß hatte. Und in DAWN OF THE DEAD zeigt er sicherlich seine beste Arbeit und wird seither nicht grundlos als „Maestro of Gore“ bezeichnet. Gleich in den ersten Filmminuten bekommen wir zusehen, wie ein Zombie Fleischstücke aus einer Frau reißt und einem Zombie der Schädel explosionsartig von den Schultern geschossen wird. Im späteren Verlauf kommen zahllose Kopfschüsse, Machetenhiebe und Sequenzen zum Tragen, in denen Gedärme herausgerissen und genüßlich verspeist werden. Diese Gewaltausbrüche wirken auch heute noch schockierend echt. Doch blickt man hinter die ganzen blutrünstigen, aber hervorragend umgesetzten F/X-Arbeiten Savinis, erkennt man deutlich den komischen Unterton, der sich zu großen Teilen durch das Geschehen zieht. So zeigen sich komische Einlagen wie Tortenschlachten mit Zombies, eine Badeszene in dem Kaufhausbrunnen oder Zombies, die einmal mit Nikolausmütze oder einem Gewehr herumlaufen ohne das Wissen der Funktion.

Daher wirkt DAWN OF THE DEAD nicht so düster wie sein Vorgängerfilm und überraschte nicht nur das Publikum damit, sondern auch Roy Frumkes, der mit seiner Dokumentation Document of the Dead einen Einblick in Romeros Schaffen gewährte. In der oben zitierten Äußerung erkennt man sehr wohl, daß Romero mit den Jahren reifer wurde und sich Gedanken um die Gewaltdarstellung in Bezug auf die Publikumsreaktionen machte. Daraus entsteht auch eine gewisse Moralität, die der Regisseur zweifellos bewahren wollte, was eine Anekdote seitens Gaylen Ross beweist: „Erinnert ihr euch an die Szene mit der Nonne? George wollte, daß ich sie gehen lasse, aber ich wollte sie umbringen. Er sagte: „Nein, das ist eine Nonne. Das kannst du nicht machen!“ Ich schätze, man darf eine Nonne nicht umbringen, nicht mal eine tote.“ Sogar das Filmende wurde zugunsten einer etwas hoffnungsvolleren Variante geändert. Denn „im Originalskript“, erinnert sich Ross, „sollten Ken und ich sterben. Er blies sich das Gehirn ’raus und ich hielt meinen Kopf in die Rotorblätter des Helikopters, so daß er abgerissen wurde. […] Der Film hat zwei Schlußszenen.“

Der humoristische Unterton hilft das brisante Material etwas zu entschärfen und gleichzeitig gewisse Zensoren zu besänftigen. Folglich ist es auch nicht verwunderlich, daß der Film in amerikanischen Kritikerkreisen die Bezeichnung „Splatstick“ erhielt und sogar als Vorläufer des Fun-Splatter gezählt wird, der Mitte der 80er Jahre den Horrorfilm maßgebend verändern sollte. Dank dieser Verwässerung ist DAWN OF THE DEAD auch nicht so hoch zu bewerten wie sein Vorgänger, spiegelt jedoch den modisch-lockeren Zeitgeist des „American way of life“ wieder, in dem er entstand.

Wie üblich dauerte es viele Jahre bis ein paar unerschrockene Filmkritiker zu dieser Erkenntnis kamen bzw. bereit waren diese zu akzeptieren. Zu seiner Entstehungszeit hatte der Streifen ein paar derbe Kritiken einfangen müssen – vor allem aus dem sensiblen Zensurstaat Deutschland. In den Kinos als „härtester Film aller Zeiten“ reißerisch angekündigt, sorgte DAWN OF THE DEAD, hierzulande schlichtweg unter dem Titel ZOMBIE erschienen, für Verständnislosigkeit und eindeutige Ablehnung bei den öffentlichen Stimmen, um es mal harmlos auszudrücken. „Ein Film, der ungehemmt einer vergessenen Herrenmenschen-Ideologie frönt“ und „durch diese Ideologie und seinen Aufruf zur Gewalt äußerst fragwürdig“ sei, lästerte Joe Hill vom Katholischen Film-Dienst. Die Nürnberger Nachrichten empfanden nur „Ekel über diese unüberbietbaren Scheußlichkeiten und die zynische Menschenverachtung“. Und selbst ein Genrekritiker wie Robert Fischer konnte in dem Fachmagazin „Vampir“ lediglich einen Vergleich aufstellen, daß „mit dem Begriff Horrorfilm dieses Machwerk so viel und so wenig zu tun hat, wie ein Besuch im Schlachthaus“. Oberflächlich betrachtet klingen diese Äußerungen nicht mal so weit hergeholt, denn so einen prallen Leinwandhorror gab es bis dato noch nie zu sehen.

Andere Interpretationsversuche waren zwar wohlwollender, aber irgendwo auch zu weit weg von jeglichen Tatsachen. So las man in dem Fanmagazin „Science Fiction Times“ folgendes: „Die Zombies sind Symbole für die Neger, die ihrerseits als pars pro toto die von uns ausgebeutete Dritte Welt darstellen. Wo spielt nun der Film ZOMBIE – natürlich in einem Supermarkt, und zwar in einem der Spitzenklasse, nicht zu vergleichen mit einem simplen Aldi-Laden. Und hier, inmitten des Überangebots an Luxuswaren, sitzen ein paar Vertreter der westlichen Zivilisation, die verzweifelt versuchen, die Dritte-Welt-Zombies am Eindringen zu hindern“. Einen gewissen Grad an Gesellschaftskritik ist in diesem Film durchaus vorhanden, aber er ist weit davon entfernt eine Art sozialkritischer Film zu sein. Die Zombies sind keineswegs eine Assoziation für das damalige Negerproblem und dienen daher auch keinem Zusammenhang mit irgendeiner Ideologie, sondern schlichtweg als Teil eines Kampfes in einer bestimmten, aber fiktiven Realität. Und das Einkaufszentrum ist auch kein Synonym für die westliche Zivilisation, sondern der Inbegriff des modernen amerikanischen Konsumterrors. Das hemmungslose Besitzstreben des Durchschnittsamerikaners ist zum Scheitern verurteilt, weil seine Werte sinnlos geworden sind. Und dies wird in der Auseinandersetzung zwischen Stephen, der Karikatur des Kleinbürgertums, und den anarchistischen Rockern deutlich.

Trotz aller negativen Kritiken füllte dieser großartige Streifen die weltweiten Filmtheater, besonders im europäischen Raum. Und gerade in diesen Breitengraden zog Romeros Streifen eine Welle von Plagiaten nach sich, vor allem aus Italien, die Gewinn versprechend aber nicht viel mehr als bluttriefende Szenarien zu bieten hatten. Nicht ganz unschuldig daran dürfte Drehbuchberater Dario Argento sein, der wie bereits erwähnt die Rechte für die nicht englischsprachigen Filmmärkte zugesprochen bekam, und das machte er sich auch zu nutze. Während in Romeros US-Fassung viele humorvolle Sequenzen zu sehen sind, welche die Brutalität des Films abschwächen sollte, war Argento bestrebt diese gänzlich zu eliminieren. Durch das Herausfiltern von Komik und den rasanteren Schnitten in den Actionsequenzen besitzt Argentos Fassung (oft als „Eurocut“ betitelt) eine ernste Grundstimmung. Ein Aspekt, der auch in seinen eigenen Werken eine essentielle Rolle spielt. Außerdem fertigte er zusammen mit der italienischen Musikgruppe Goblin (bestehend aus Claudio Simonetti, Massimo Morante, Fabio Pignatelli und Agostino Marangolo) einen wesentlich passenden Soundtrack. Romero hingegen machte nur wenig Gebrauch von der Goblin-Musik und unterlegte seine Fassung mit eher tragisch dudelnder „Library-Music“. Die sehr unterschiedlichen Kompositionen verhalfen dem Score, wie auch der Formation Goblin zum Kultstatus2. Und je öfter und intensiver ich den Soundtrack höre, desto mehr entsteht in mir der Eindruck, als hätte man durch den Einsatz von exotischen Handtrommeln und Gesängen (in den Stücken „Zombi“ bzw. „Safari“) ein unterschwelliges Zitat auf die klassischen Wurzeln der Zombiemythen verlauten lassen. Und im Zusammenhang mit der Erzählung von Peters Großvater, einem Voodoo-Priester, scheint mir das nicht mal ganz so abwegig zu sein.

Wie bereits oben angesprochen haben George A. Romero und Dario Argento zwei unterschiedliche Schnittfassungen erstellt, von denen es bekanntlich unzählige verschiedene Varianten gibt, die jedoch vielmehr auf Zensurmaßnahmen zurück zu führen sind. Darauf näher einzugehen wäre unerheblich, weil die Anzahl zu groß ist und ohnehin nur die ungeschnitte(nen) Version(en) von Bedeutung ist/sind. Offiziell gibt es drei Fassungen, zwei davon wurden von Romero selbst produziert. Dabei handelt es sich um die originale US-Kinofassung, mit einer Laufzeit von 127 Minuten, und um die Langfassung mit knapp 140 Minuten (wird allgemein fälschlicherweise als „Director’s Cut“ bezeichnet). Letztere beinhaltet einige Handlungs-, Dialog sowie Effektszenen, die zuvor nicht zu sehen waren. Die von Dario Argento erstellte Fassung mit einer Laufzeit von 119 Minuten ist weitgehend der Favorit unter den Fans. Hier finden sicht alle Effektszenen, dafür wurden viele, in Darios Augen überflüssige Szenen entfernt, was dem Film in dieser Version ein höheres und actionreiches Tempo verleiht. Seit ein paar Jahren ist auch ein so genannter „Ultimate-Final-Cut“ erhältlich, den Oliver Krekel, seines Zeichens Labelchef von Marketing-Film (ehemals Astro Records & Filmworks), eigenhändig erstellte. Diese nicht autorisierte Version stellt einen Zusammenschnitt aller erhältlichen Fassungen dar und vereint alle Szenen aus der Argento- und den Romero-Fassungen und erreicht eine epochale Länge von zirka 156 PAL-Minuten. Für Sammler sicherlich interessant, aber ob man dieses zusammengestückelte Machwerk haben muß, sollte jeder selbst für sich entscheiden.

Leider bleibt DAWN OF THE DEAD hierzulande der Status eines Klassikers immer noch verwährt, steht er doch seit vielen Jahren weiterhin auf der Verbotsliste wegen angeblicher Gewaltverherrlichung nach §131 StGB. Ein Urteil, das viele Horrorfilme in den allermeisten Fällen völlig zu unrecht teilen. Eine heuchlerische Methode selbsternannter Jugendschützer, die, wie Uwe Raum-Deinzer in seinem Artikel „Zombies: Mythos, Splatter und Zensur“ richtig erkannte, „keine mündigen Bürger, die Zombie-Filme sehen, sondern viel lieber Zombies, die sich für mündige Bürger halten“ haben wollen.

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