George Romeros Horror-Klassiker hat sich seit seiner europäischen Auswertung immer mehr zu einem modernen Kultfilm mit riesiger Fangemeinde entwickelt, der nach und nach auch die Kritiker immer mehr für sich einnehmen konnte. Wie zwiespältig der Film auf seine Zuschauer wirkt, wie unterschiedlich er aufgenommen wird und wie schwierig es für den cinephilen, gebildeten und im Umgang mit Gewaltdarstellungen verantwortungsbewussten Menschen ist, mit Dawn of the Dead umzugehen, beweist die mehr als kuriose Zensurgeschichte des Films, die endlose Latte an Videoveröffentlichungen unterschiedlicher Labels (siehe ofdb!), sowie die vielen Schnittfassungen des Films. Allein dieses Thema wäre eine Abhandlung von mehreren 100 Seiten wert.
Hier geht es natürlich nur um den Film, wobei eine Kritik zu Dawn of the Dead 34 Jahre nach seiner Veröffentlichung ganz anders ausfallen muss, als wenn man sie 1978 geschrieben hätte.
Im wesentlichen beziehe ich mich auf den von Dario Argento produzierten Europa-Cut.
Romero knüpft mit Dawn an seinen Schwarzweiss-Klassiker Night of the Living Dead an, kreiert jedoch einen völlig eigenständigen Film, der auch ohne Kenntnis des ersten Teils auskommt. Es ist auch weniger eine Fortsetzung, als mehr eine zeitgemäße Angleichung des gleichen Themas.
Wo bei Night noch auf unterschwellige Weise Rassendiskriminierung und die Angst vor dem Atomzeitalter die Botschaft des Films bestimmten, so beschäftigt sich Romero in Dawn mit der amerikanischen Konsumgesellschaft (Kaufhaus/Shopping-Mall) und dem Verlust von bürgerlichen Werten (Rockerbande). Während in Night die Zombies noch eindeutig zu den "Bösen", den klassischen Monstern gerechnet werden können, verschwimmen in Dawn zusehends die Grenzen.
Zwar trachten die Zombies den Menschen nach dem Leben und wir bangen und hoffen, dass die Hauptfiguren überleben werden, aber es werden unweigerlich mehr und mehr die Probleme deutlich, die entstehen, wenn Menschen in arge Bedrängnis geraten. Der Mensch nämlich wird sich selber zum größten Problem.
Das beginnt schon mit der ersten Sequenz, wo eine Gruppe von TV-Machern, Journalisten, Moderatoren und Politikern in einer Talkrunde im Fernsehstudio versuchen, einerseits das Zombie-Problem zu ergründen, andererseits die Menschheit darüber zu informieren.
Geschrei, Chaos und ein heilloses Durcheinander erleben wir in diesem Sender und wir ahnen es bereits, ohne dass Romero zerstörte Megacities und aufwändige Ausnahmezustände zeigt (das Budget hätte es ohnehin nicht zugelassen), nämlich dass die Menschheit es nicht schaffen wird, sich zusammen zu raufen und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.
Jeder denkt nur an sich und wie er dem Grauen entkommen kann, obwohl niemand weiß, wohin man fliehen soll. Das Sondereinsatzkommando, das ein Haus stürmt, weil sich zum einen im Keller unzählige Untote befinden, zum anderen weil sich eine Verbrecherbande darin verschanzt hat, macht das mehr als deutlich. Jeder kämpft gegen jeden, die Zombies sind nicht die einzigen Opfer und die "Verbrecher" nicht die einzigen Verbrecher.
Was Romero in den ersten 10 Minuten des Films entfacht, ist die pure Apokalypse, in einfachen, aber genialen Bildern festgehalten. Hier schafft er es, eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit zu erzeugen, der sich kein Zuschauer entziehen kann.
Da ist man dann auch wirklich froh, wenn sich endlich 4 Leute zusammen gefunden haben, die das scheinbar einzig Vernünftige vorhaben: Blos weg hier!
Die Voraussetzungen für ein längeres Leben scheinen da zu sein, besteht doch die Gruppe aus zwei Polizisten des Einsatzkommandos (Roger und Peter), der Fernsehproduzentin Francine (damit ist auch die weibliche und mütterliche Seite abgedeckt) und Francines Freund Stephen, ein Hubschrauberpilot (ein genialer Drehbuchkniff von Romero, denn tatsächlich ist der Hubschrauber das einzige Fortbewegungsmittel in dieser apokalyptischen Welt, das noch sicher erscheint - zumindest solange es Benzin dafür gibt!).
Die Flucht, der Ausstieg aus der Gesellschaft (alle lassen ihren Job und mögliche Familien hinter sich) gelingt und man wünscht den Vieren schon jetzt alles erdenklich Gute.
Das Shopping Center, das sie nur zum pausieren und Lage abchecken anfliegen, entpuppt sich als ideale Burg, in der man sich (vorerst) verschanzen kann. Zunächst läuft auch alles nach Plan. Die vier sind clever, schrecken vor nichts zurück, um das Kaufhaus sicher vor den Angriffen der Zombies zu machen, behalten trotz des offensichtlichen Grauens ihren Humor. Lediglich in der Beziehung zwischen Stephen und Francine scheint es zu kriseln. Sie offenbart ihm die Schwangerschaft, er hat Probleme damit, dass sie sich mehr und mehr einbringen und als Frau ihren Mann stehen möchte.
Das Blatt wendet sich, als Roger im Adrenalinrausch unachtsam wird und bei der Aktion, mit LKWs die Eingänge des Kaufhauses zu versperren, von einem Zombie gebissen wird. Nun ahnen wir es: Die Gemeinschaft, die bis dato so perfekt funtkioniert hat fängt an, sich aufzulösen.
Wochen und Monate vergehen, die Aussteiger haben sich top eingerichtet. Das präsentiert Romero auf meisterliche Weise. Zu sehen, wie aus dem anfangs einfachen Lager für Lebensmittelkonserven eine noble, durchgestylte Wohnung wird, wie man sich jeden Luxus, den die Mall zu bieten hat, gönnt, wie man im Geld badet, obwohl man eh alles umsonst vor der Nase hat, das ist schon eine grandiose Idee und reduziert den Film damit nicht nur auf eine einfach gestrickte "Flucht vor Zombies"-Geschichte. Hier entwickelt der Film seine echten Qualitäten. Der Luxus, der Überfluss ist zwar da, aber zwischen Fran und Stephen hat es sich gehörig ausgeknistert. Sie liegen gemeinsam im Bett, regungslos und starren vor sich hin. Kuschelige Zweisamkeit sieht anders aus.
Peter hat inzwischen seinen Freund im Kaufhausgarten begraben, alle herumtapsenden Zombies wurden eliminiert und im Kühlhaus aufeinander gestapelt. Alles scheint, wenn auch nicht besonders gut gelaunt, aber doch soweit in Ordnung zu sein. Peter, Stephen und Fran haben sich mit ihrer Situation auf die best mögliche Weise arrangiert.
Die Gefahr von innen scheint gebannt zu sein. Nun gilt es, die Gefahr von außen abzuwehren.
In Form einer Rockerbande, die plündernd durch das Land zieht, die erkannt hat, dass man in einer Gewalt bereiten Gemeinschaft problemlos durch das von Zombies bevölkerte Land kommt. Kruder und gewalttätiger Humor, Respektlosigkeit vor den Untoten und eine unbändige Zerstörungslust bringen das familiäre Trio in Schwierigkeiten. Denn natürlich schaffen es die Rocker spielend, in das Kaufhaus einzudringen und mit ihnen damit auch alle Zombies, die man vorher so erfolgreich ausgesperrt hatte.
Der Kampf beginnt von neuem, diesmal gleich gegen zwei Gegner, Zombies und Rocker. Doch dieser Übermacht sind unsere inzwischen verwöhnten Kaufhausbewohner nicht mehr gewachsen. Stephen reagiert genau so, wie der Zuschauer es nicht annähernd hofft. Er dreht durch. Er sieht sich als Besitzer des Kaufhauses und gönnt den dumpfbackigen Rockern nicht einen cent. Leichtsinnig und einfach nur, weil er sauer ist, mischt sich Stephen in das Plünderszenario ein und macht die Rocker damit auf sich aufmerksam. Nun folgt das, was Peter mit aller Macht hatte verhindern wollen, nämlich, dass die Rocker überhaupt mitbekommen, dass sich noch jemand im Kaufhaus befindet. Als Stephen das Ausmaß seiner Einmischung klar wird, ist es bereits zu spät. Das Chaos ist perfekt, Stephen wird gebissen und mutiert (in sehr kurzer Zeit) zum Zombie, der seine untoten Kollegen ins Quartier unter dem Dach führt.
Fran und Peter entkommen in letzter Sekunde mit dem Hubschrauber und fliegen in eine mehr als ungewisse Zukunft.
Romero verdeutlicht sein gesellschaftskritisches Epos mit Sarkasmus und Zynismus, garniert das ganze mit einer Fülle von wahnwitzigen blutigen Effeckten, die bis heute mit zum Besten, aber auch Krassesten gehören, was der Horrorsektor zu bieten hat. Tom Savini, der neben seiner Make Up-Arbeit auch einen der Rocker mimt, hat ganze Arbeit geleistet und sich mit Dawn ein Denkmal gesetzt.
Romero setzt alle möglichen Motive des Horrorgenres ein, um entsprechenden Schauder zu erzeugen, kombiniert das Ganze aber mit bis dahin nicht für möglich gehaltenen Actionszenen. Im Horrorfilm gab es einfach bis dahin keine Verfolgungsjagden und Schießerein mit einem Waffenarsenal, das einen in Staunen versetzt.
Hier entwickelt die Schnittfassung von Dario Argento mit der Musik von Goblin eine Suggestivkraft von großer Nachhaltigkeit. Der unruhige Soundtrack unterstützt weniger die Handlung als mehr die Emotionen der Beteiligten. Wenn das Quartett durch die Kaufhausgänge eilt und nebenbei Zombies erschießt, gleichzeitig Türen öffnet, dann vermittelt der groovige Soundtrack keine Coolness, sondern blanke Panik, es nicht rechtzeitig zu schaffen. Und diese Panik überträgt sich spielend auf den Zuschauer.
Die Darsteller sind allesamt absolut überzeugend, was um so mehr bedeutsam ist, da man sie in späteren, anderen Rollen kaum noch akzeptiert.
Der Film wird auch weiterhin seine Fangemeinde vergrößern, dessen bin ich überzeugt.
Ein echter Meilenstein der Filmgeschichte!