Wer A sagt muss auch B sagen: Da ich vor kurzem hier die moderne Fortführung der romero'schen Gesellschaftskritik in "28 Years later" gelobt habe und es so schön zu meiner 131. Review passt MUSS ich mich einfach endlich mal "Zombie" aus dem Jahre 1978 widmen, den Film, der mein Interesse am Kino erst geweckt hat. Der Film funktionierte als Grindhousebombe ebenso gut wie als schlichtes Horrorvergnügen oder aber auch als punkiger Mittelfinger gegen den Kapitalismus und die damit einhergehende Entmenschlichung.
Erstmals sah ich den Film mit 16 während eines depressiven Tiefs und auf den berühmt - berüchtigten Umwegen verjährter Natur. Kurz: eine mir zur Verfügung gestellte gebrannte DVD des krekel'schen Ultimate Cut glitt gegen Mitternacht in das Laufwerk meiner modifizierten XBox (zu der Zeit längst nur noch DVD - Player) und ich lag verschwitzt, scheiße gelaunt und nach einem beschissenen Schultag mitsamt Mathe - Klausurvorbereitungen mehr als desillusioniert auf meinem Bett und ließ mich in diesem Abgrund von Film fallen, 150 Minuten und gefühlte Kilometer tief. Ab da an war ich nicht nur in Romeros Filmkosmos gefangen, sondern bot mich noch vielen anderen Werken und Regisseuren als willige Geisel dar. Einem Mitschüler, der durch meine Kopie von "Braindead" Blut gelegt hatte konnte ich den Film ebenfalls schmackhaft machen, der wiederum steckte andere an und ich hatte eine kleine Zombieschar auf dem Schulhof. Ich muss sagen, dass ich die Anekdote heute immer noch als kleinen kulturellen Sieg verbuche, aber das nur am Rande.
Der romero'sche Filmkosmos ist hier zehn Jahre nach dem Vorgänger "Die Nacht der lebenden Toten" bereits stark infiziert, zwar noch nicht tot, aber die Verwesung schreitet unaufhaltsam voran: Die Geschehnisse aus Teil 1 haben sich in den letzten zehn Jahren nochmals überschlagen und es wird immer schwerer, dem stetig wachsenden Untotenstrom Herr zu werden. Statt eines Lockdowns ruft man jedoch das Kriegsrecht aus und beschleunigt damit noch den zerfall von recht und Ordnung unter der viralen Last zusätzlich.
Dem Hubschrauberpiloten Stephen und der schwangeren TV - Journalistin wird das Warten auf eine positive Entwicklung innerhalb der Großstädte zu riskant: gemeinsam mit dem befreundeten Polizisten Roger und dessen Kollegen Peter wagen sie die Flucht per Helikopter, die sich als zielloses unterfangen erweist, da mittlerweile das gesamte Land von den Wiedergängern überrannt wurde. Die Ausnahme im Stile des gallischen Dorfes stellt ein riesiges Einkaufszentrum dar, die von den Untoten bereinigt ein perfekter Ort zum monatelangen Ausharren jenseits der Bedrohung darstellen würde. Doch auch dieser vermeidlich sichere Rückzugsort erweist sich im Endeffekt als Todesfalle: zum einen machen sich bald gähnende Langeweile, Dekadenz und Isolation in der vierköpfigen Zweckgemeinschaft breit, zum anderen wird Roger beim Versuch, diese frisch eroberte Feste der Moderne zu halten durch seine Unachtsamtkeit und Selbstüberschätzung infiziert. Zudem wirft man aus sicherer Entfernung bereits neidische Blicke auf den Luxusbunker, vor dem immer noch die vertriebenen Untoten lauern und auf erneuten Einlass warten...
Das Grundszenario kennt auch jeder Horrorhasser mittlerweile aus X Parodien und Homagen früherer und neuerer Zeit: Menschen versuchen, in der Zombieapokalypse zu überleben und scheitern am Menschsein selbst. Und der Verfall ist spürbar: mit jedem neuen Teil der Reihe stellte sich neben den Zombies immer auch ein anderes soziales Übel in den Vordergrund, dass demontiert und überwunden werden muss. Mitten im frisch aus der taufe gehobenen Punkzeitalter, dass den Untergang der Gesellschaft heraufbeschwor statt wie zuvor in der Hippieära auf deren Erneuerung zu hoffen, passte der Film scheinbar wie die Faust auf's Auge, denn obwohl Massen an Zuschauern Anstoß an der Gewalt nahmen konnten sie sich ebenso wenig wie die damalige Kritik der Botschaft entziehen, den gesellschaftlichen Denkzettel ignorieren, den der Independentstar aus Pittsburgh der Gesellschaft angedeihen lässt: An der sozialen Ungerechtigkeit ist UNSERE eigene Habgier Schuld! Eine konservativere Kritk, die ich mal vor Jahren im Netz gelesen habe will dem Film daraus im Übrigen dann auch den Strick drehen: da hieß es aus dem blauen Dunst heraus, die Zombies würden die ausgebeutete dritte Welt repräsentieren, die man hier so lange benütze und verhöhne, bis sie zurückschlügen. Etwas weit her geholt, aber gedanklich interessant, wen auch mutmaßlich von einem empörten Moralisten verfasst, der den Film kläglich mit dessen eigenen Waffen zu schlagen versuchte.
Beeindruckt hat mich neben der Handlung, der Botschaft und der Tagessuppe aus der Effektküche Tom Savinis aber auch Romeros Einfallsreichtum und Effektivität: der Cast rekrutiert sich wie oft in seinem Werk aus Laiendarstellern, die den Film aber zu tragen wissen. Die Dreharbeiten fanden im Übrigen fast ausschließlich nach Ladenschluss statt und wurden Romero für gerade einmal 40.000 Dollar ermöglicht, die Außenaufnahmen wiederrum fanden sonntags statt. Für viele der gezeigten Stunts musste im übrigen Maskenbildner Tom Savini herhalten, der hier als "Blades" einen der Rädelsführer der feindseligen Rocker (im wahren Leben ein von Romero engagierter Motorradclub) mimen darf. Nach dem, was man über den Film und dessen Entstehung ließt hat Romero hier seine liebe zur Improvisation entdeckt und viel über den Schnitt gelöst.
Das ist er also, dieser eine berüchtigte "Schmuddelstreifen", der es irgendwie klangheimlich in die gesellschaftliche Mitte geschafft hat: 3 Millionen Zuschauer alleine in Deutschland bescherten diesem kontroversen und später zensurgestraften Kunstwerk des Horrors eine goldene Leinwand und zogen das Subgenre des "harten Horrors" für einen Moment aus dem Sudelkübel in das Rampenlicht, wo selbstverständlich schon besorgte Bürger und empörte Spießer mit brennenden Fackeln und Mistgabeln warteten und ihren 2019 endlich sinnlos gewordenen Kampf bis zum letzten Schnitt fortführten.
In jenem Jahr sah ich den Film dann nach zigfachem Heimkinogenuss dann auch erstmals in französischer Fassung in einem bekannten Düsseldorfer Kino, in den Pandemiejahren 2020 / 2021 erfuhr der Film dann einen technisch auf polierten deutschen Re - Release des Argentocuts, der mir die wirre Zeit zwischen den Lockdowns und den gesellschaftlichen Gehässigkeiten, die links und rechts sich um mich herum gegenseitig an den Kopf warfen, etwas erleichterten. Für einen Moment zumindest: Im nächsten Augenblick, in dem man feststellt, dass Romero so weit gar nicht von der Realität entfernt war und der Krieg um moralische Hoheit zwischen verhärteten Fronten beider Seiten seine ganz eigenen Zombies hervor gebracht hat, entfaltet der Film eine umso unangenehmere Wirkung. Damals wie heute gilt: Realitätsflucht ausgeschlossen.