X312 – Flug zur Hölle
Nachdem die beiden vorigen Streifen mit Soledad Miranda gut angekommen waren („Vampyros Lesbos – Erbin des Dracula“ und „Sie tötete in Ekstase“), schusterte Artur Brauner dem guten Jess einen weiteren Regieauftrag zu. Das nächste Projekt sollte ein Abenteuerfilm mit Krimielementen vor exotischer Kulisse sein. Da Brauner gerade wie viele andere Produzenten in der schlechten Situation waren, jede Mark zweimal umdrehen zu muessen, schrieb er das Drehbuch zu “Tödlicher Amazonas” (Arbeitstitel) gleich selber. Aber auch Brauner hatte einen Ruf zu verlieren, somit musste das schlichte Pseudonym Art Bernd herhalten, das ihn neben Franco als Storylieferanten auswies. Ergänzungen, meist erst am Drehort den gerade herrschenden Umständen angepasst, nahm wie erwähnt Franco vor, das Dialogbuch für die deutsche Synchro besorgte der erst 22-jährige Arne Elsholtz (später deutsche Stimme von Tom Hanks, Kevin Kline und vielen Anderen). Da die Geschichte in Brasilien spielte, man aber niedrig budgetiert hatte, musste wieder einmal Franco's spanische Heimat und deren verlaubte Wälder als Dschungelersatz herhalten.
Die Geschichte beginnt damit, das der Reporter Tom Nilson in seinem Büro beginnt, für seinen befreundeten Kriminalkommissar Joe Varga einen Tonbandbericht über die Erlebnisse im letzten Monat aufzunehmen. Die nachfolgende Geschichte ist praktisch eine grosse Rückblende. Im Amazonasgebiet stürzt eine Maschine der Utape-Linie auf dem Weg von Chile nach Rio ab. Die illustre Gesellschaft kämpft sich nun durch den Dschungel und hat sich dabei mit so einigem Ungemach zu plagen. Da einer von ihnen im Besitz wertvoller Diamanten ist, entbrennt um die Steine ein erbitterter Kampf, dem so nach und nach alle zum Opfer fallen. Blutdürstige Kopfjäger und im Rudel auftretende Dschungelbanditen tun ihr übriges, bis schliesslich nur noch Tom, die schöne Esperanza und die Diamanten übrigbleiben. Nachdem er seinen Bericht fertigdiktiert hat, geht er zu ihr um die Diamanten der Polizei zu übergeben. Doch erst da erkennt er, dass Esperanza und deren verbrecherrischer Freund den Absturz des Flugzeuges herbeigeführt haben. Tom wird über den Haufen geknallt, die Halunken glauben sich am Ziel. Doch Tom hat die Polizei verständigt und somit entgehen die beiden ihrer gerechten Strafe nicht.
So weit, so wenig neu. Andere Regisseure machen aus derartigen Stoffen ganze Serien, bei Franco reicht’s nur für ein laues Filmchen. Wenigstens sein Cast verdient wieder mal Beachtung. Da wäre zunächst Thomas Hunter, der den Reporter Tom Nilson mit ausreichender Gelassenheit und gleichzeitiger Deprimiertheit spielt und man ihm bereits von Anfang an ansieht, dass er diesen Film nicht überleben wird. Fernando Sancho, ein altes Schlachtross des europäischen Genrefilmes, gibt den bulligen Stewart, der im Laufe der Handlung gleich zwei seiner Reisegäste ins Jenseits befördert, weil die Verlockung durcht die Diamanten einfach zu gross ist. Das schwedische Model Ewa Stroemberg, damals in fast allen Franco-Werken dabei, hat einen nur kurzen Auftritt als anstrengende Edelnutte, die schliesslich von Sancho während einer Kussszene erstickt wird. Ebenfalls auf dessen Kappe geht der alterwürdige Siegfried Schürenberg, der hier bei Franco seinen Einstand gab und anscheinend in Geldnöten steckte. Sein Bankpräsident, der mit den unterschlagenen Diamanten stiften gehen will, hat nur kurze Momente. Weit mehr zu bieten hat da schon Esperanza Roy, die ihre Gage durch's splitternackte Herumturnen im Wasser und giftige Blicke verschicken wieder reinholt und neben Paul Müller, der den Gangsterboss im Hintergrund spielt, die Einzige ist, die den Film überleben darf. Weder Hans Hass jr. noch Gila von Weitershausen, beide damals von Drogen ziemlich geschafft (und das sieht man ihnen auch an), überleben diesen Film. Er wirft sich, um seine Freunde zu retten, den Kopfjaegern als willfähriges Opfer vor, sie wird von den Banditen zu hart rangenommen (beides Sequenzen, die ziemlich garstig ausfallen); und Howard Vernon, die Graue Eminenz der Franco-Filme, liefert als Dschungelgangster ein sattes Overacting jenseits des guten Geschmacks.
Der Film ist billig, und es wäre satt gelogen, wenn man behaupten würde, es sei dem Streifen nicht anzusehen. Da helfen auch die nach Drehschluss durch ein 3-Mann-Team in Rio gedrehten Postkartenimpressionen der brasilianischen Metropole nichts mehr. Für ein Flugzeugwrack reichte es gerade noch, aber für eine Explosion fehlte der Groschen und somit muss man sich mit Soundeffekten begnügen. Der Film ist von der ganzen Stimmung dermassen trist gehalten, man wendet sich eher ab ob der unmotiviert dargebotenen Grausamkeiten und der redundanten Nuditaeten. Einzig Hunter schafft es, dass man mit seiner Figur am Ende sogar Mitleid hat, als er vom Boss einfach so über den Haufen geschossen wird.
Was die Musik anbetrifft, hatte man auch diesmal wieder einen guten Riecher. Den Credit teilten sich der langjährige Morricone-Mitstreiter Bruno Nicolai (dessen Musk man aus dem Archiv der romanischen Sermi-Film geholt hatte) und der deutsche Schmierenkomponist Wolfgang Hartmayer, welcher dem Film immerhin ein melancholisch-brasilianisches Big-Band-Thema bescherte. Aber über die akustische Beschallung konnten sich die Franco-Filme sowieso nie beschweren. Die Kamera machte Franco's Stammmitarbeiter Manuel Merino, den Schnitt für die deutsche Fassung erledigte Veteran Carl Otto Bartning.
Was auch diesen Film wieder einmal anhob, war die Synchro, die viele nahmhafte Sprecher der Berliner Garde im Aufgebot hat. Während sich Schürenberg und von Weitershausen selbst sprechen, übernahm Beate Hasenau die Esperanza, Arnold Marquis lieh sein knorriges Reibeisenorgan Fernando Sancho und Heinz Petruo legte Howard Vernon so manche Sauerei in den Mund. Arne Elsholtz turnte durch 3 bis 4 Nebenrollen und Peer Schmidt schliesslich gab dem Hauptdarsteller Thomas Hunter wunderbar akustische Kontur.
Die Videoauswertung besorgte Polyband anfangs im legaenderen Dreiviertelcover uncut, die Kaufkassette der 90er musste allerdings reichlich Federn lassen. Erst das ZDF befleissigte sich vor einiger Zeit den Film zu restaurieren und verfrachtete ihn ungekürzt wieder auf die Mitternachtsschiene. Auf DVD gibt's den bisher nur aus den USA, wobei man diese Fassung schnell vergessen sollte, da hier das Ding übelst Cut ist und noch dazu am Vor- und Nachspann fleissig rumgebastelt wurde.
Vom Gesamteindruck her macht der Film für Franco-Fans natürlich einiges her, die Schauspieler mühen sich nach Kräften aus ihren klischeebeladenen Rollen das Beste zu machen. Dennoch ist der Streifen im deutschen Filmgeschehen jener Tage, vielleicht vom stimmungsvollen EA-Plakat mal abgesehen, wirklich nur eine Fussnote.