Mit „Auf der Flucht“ beweist Regisseur Andrew Davis, dass gelungene Actionfilme sich nicht unbedingt nur durch das Maximum an Schauwerten und Zerstörung auszeichnen.
Stattdessen erweist sich „Auf der Flucht“ als ziemlich spannender Actionthriller, bei dem das Wort Thrill noch groß geschrieben wird. Schon der Auftakt ist sehr spannend, obwohl wenig passiert. Man erfährt bloß, dass die Frau von Dr. Richard Kimble (Harrison Ford) ermordet wurde und in Rückblenden wird der Abend ebenso geschickt wie spannend rekonstruiert: Kimble wird nach einer Gala zu einem Notfall bestellt, kehrt nach gelungener Operation nach Hause zurück und kämpft mit dem Mörder seiner Frau, der aber entkommen kann.
Alle Indizien weisen jedoch auf Kimble als Mörder hin und niemand glaubt seine Geschichte vom einarmigen Angreifer, den er überrascht haben will. Stattdessen verurteilt man ihn zum Tode und schickt ihn auf einen Gefangenentransport zur Vollstreckungsanstalt. Doch auf dem Weg gibt einen Gefangenenaufstand und der Transporter verunglückt. Kimble und ein anderer Gefangener entkommen, zwei der Wärter überleben ebenfalls (einer nur dank Kimbles Hilfe). Der Transportercrash ist ein der wenigen Actionszenen und kommt nicht so aufwendig wie z.B. der Flugzeugcrash des Nachfolgers daher, ist aber trotzdem auf sehr spektakulär und fesselnd geraten.
Als man Kimbles Flucht feststellt, setzt man den US Marshall Samuel ’Sam’ Gerard (Tommy Lee Jones) auf ihn an, einer der besten Spürhunde überhaupt. Das lässt der zu Recht mit Oscar für diese Rolle ausgezeichnete Tommy Lee Jones dann auch direkt raushängen: Der unfähige Sheriff und ein aufschneiderischer Wächter werden direkt in die Schranken gewiesen und direkt Maßnahmen angeordnet. Doch für ein paar lockere Scherze mit dem Team ist immer noch Zeit, denn wie jeder ordentliche Actionthriller kann auch „Auf der Flucht“ mit ein paar flotten Sprüchen das Geschehen auflockern.
Kimble ist jedoch ein würdiger Gegner für den gerissenen Gerard und kann seinem Netz vorerst entkommen. Doch das reicht nicht, denn Kimble will seine Unschuld beweisen und den wahren Mörder seiner Frau stellen…
Obwohl „Auf der Flucht“ zum Genre des Actionthrillers gehört, so hat man hier doch einen eher ruhigen Film vor sich. Dies passt auch zum Ton des Films, denn Richard Kimble ist kein muskelbepackter Superheld, sondern ein Normalbürger in einer Extremsituation. So wird er zwar zu Verzweiflungstaten (u.a. der berühmte Megasprung vom Staudamm) gezwungen, aber in Konfrontationen muss er sich ohne Schießtraining oder Nahkampferfahrung durchschlagen. Trotzdem setzt Andrew Davis die Actionszenen ebenso packend wie realistisch um und kann den Zuschauer so wunderbar fesseln.
Realismus ist sowieso der Aspekt der einen Großteil des Reizes von „Auf der Flucht“ ausmacht: Kimble muss immer sehr einfallsreich sein, um mit seinen begrenzten Mitteln den Verfolgern zu entkommen und selbst das Mieten einer Wohnung wird zur brisanten Angelegenheit. Auf der anderen Seite ist da der unnachgiebige Spürhund Gerard, der zwar jede Menge Technik und Leute auf seiner Seite hat, aber auch in erster Linie wegen seines Scharfsinns so gut in dem Job ist. Doch im Gegensatz zum Nachfolger liegt der Fokus hier klar auf dem Flüchtigen – wie sowohl der deutsche Titel als auch der Originaltitel „The Fugitive“ sagen.
Doch neben der Jäger-Gejagter-Story erzählt „Auf der Flucht“ noch eine damit verknüpfte Geschichte, nämlich Kimbles Mördersuche. Auch hier beweisen die Drehbuchautoren Jeb Stuart („Stirb langsam“) David Twohy („Pitch Black“) viel Einfallsreichtum und lassen sich eine recht komplexe, aber plausible Backgroundstory einfallen. So bietet „Auf der Flucht“ fast durchgängig Hochspannung; lediglich in der Mitte gibt es einen kleinen Hänger. Hier konzentriert sich der Film etwas zu sehr auf Kimbles Ermittlungen und lässt die Verfolger erstmal außen vor, da sie Kimble verloren haben. Dadurch verliert „Auf der Flucht“ an diesem Punkt etwas Brisanz, aber nicht viel.
Schauspielerisch kann man an „Auf der Flucht“ nichts bemängeln. Da wäre natürlich Harrison Ford, dem man den Helden in nahezu jeder Rolle abkaufen würde, und der hier als Normalbürger, der über sich selbst hinauswachsen muss mal wieder eine klasse Leistung abgibt. Noch besser ist Tommy Lee Jones als grimmiger und ehrgeiziger Jäger mit zynischen Sprüchen. Dazu gibt es noch eine erstklassige Nebendarstellerriege mit Leuten wie Joe Pantoliano, Jeroen Krabbe und Julianne Moore, welche den Film dann abrundet.
Alles in allem ist „Auf der Flucht“ trotz des kleinen Hängers in der Mitte ein sehr spannender Actionthriller, der nicht nur Genrefans empfohlen werden kann.