„ Leichter Drehfehler"
Weihnachtszeit ist Fantasy-Zeit. Seit dem weltweiten Siegeszug der Herr der Ringe-Trilogie ist das erfolgsverwöhnte New Line Cinema-Studio verzweifelt darum bemüht, die mit der Auswertung von Die Rückkehr des Königs so abrupt versiegte Goldquelle wieder zum Sprudeln zu bringen. Tolkien hätte ja auch wirklich etwas produktiver sein können. Lediglich drei „lumpige" Bände hatte er verfasst. Zu allem Überfluss „krallte" sich der Konkurrent Warner J.K. Rowlings Potter-Saga, die überdies auch noch - zumindest quantitativ - in einer anderen Liga spielt und die (Film-)Welt mit gleich 7 Bänden beglückte. Als schließlich 2005 Buena Vista gleich beim ersten Versuch, einen neuen Fantasygoldesel über die Leinwände zu jagen ebenfalls einen finanziellen Volltreffer landen konnte - der erste Teil der mehr kindischen als kindlichen „Chroniken von Narnia"-Reihe spielte trotz klarer künstlerischer und inhaltlicher Defizite weltweit sehr starke $ 745 Millionen ein - , schrillten wohl endgültig die Alarmglocken.
Was lag also näher, als mit der von Autor Philip Pullman bewusst als Gegenentwurf zur naiven Narnia-Saga verfassten Fantasytrilogie „His Dark Materials" (1995-2000) zu kontern. Die zumindest im englischsprachigen Raum gleichermaßen bekannte wie populäre Reihe besitzt alle Ingredienzien, die einen ordentlichen Fantasyhit ausmachen:
Es gibt fliegende Hexen, kriegerische Völker, bizarre Figuren und allerlei sprechendes Getier. Das Böse kommt überaus intrigant daher und ist mit diversen dunklen Mächten im Bunde. Wie bei Narnia und Harry Potter ist auch hier die Hauptfigur ein Kind (bzw. Kinder) mit einer geheimnisvollen Bestimmung sowie einer besonderen Gabe. All dies spielt in einer bis ins kleinste Detail durchdachten und ausgearbeiteten Parallelwelt. Das ganze Konzept ist erheblich düsterer angelegt als beim naiv-kindlichen Narnia-Konkurrenten und damit wesentlich näher an Tolkiens Fantasien und Rowlings späteren Werken.
Zur eigentlichen Story: Die 12-jährige Waise Lyra Belacqua (Dakota Blue Richards) lebt am Jordan College in Oxford unter der Obhut ihres Onkels Lord Asriel (Daniel Craig). Sie leben in einer Parallelwelt zu der unsrigen, welche von einer allgegenwärtigen Behörde - dem Magisterium - beherrscht wird. Jeder Mensch besitzt einen eigenen Dæmon, einen sprechenden tierischen Begleiter, der zugleich als Freund und Beschützer fungiert. Die Gestalt des Dæmon weist auf den Charakter seines Besitzers und repräsentiert dessen Seele.
Das Magisterium - eine Art Gedankenpolizei - hat ein totalitäres Regime errichtet und versucht mit allen Mitteln das Mysterium des „kosmischen Staubs" zu ergründen, um es schließlich für die eigenen (dunklen) Zwecke zu nutzen. Lord Asriel ist als Wissenschaftler ebenfalls besessen von der Erforschung des „Staubs" und begibt sich zu diesem Zweck auf eine gefährliche Expeditionsreise in den fernen Norden. Vom Leiter des Colleges bekommt Lyra einen geheimnisvollen „Goldenen Kompass" anvertraut, welcher demjenigen der ihn lesen kann, die Wahrheit offenbart. In der Stadt verschwinden derweil überall Kinder, die von den mysteriösen Gobblern in eben diesen Norden verschleppt werden. Als schließlich Lyras bester Freund Roger (Ben Walker) verschleppt wird und sie zudem entdeckt, dass ihr zwischenzeitlicher Vormund - die zwielichtige Mrs. Coulter (Nicole Kidman) - offenbar mit dem Verschwinden der Kinder in Zusammenhang steht, beschließt sie zu fliehen und ihrem Onkel in den Norden zu folgen, um Roger und die vermissten Kinder zu befreien.
Auf der gefährlichen Reise erhält sie Unterstützung von den Gyptern (ein Zigeunerähnliches Seefahrervolk), dem texanischen Aeronauten Lee Scoresby (Sam Neil) und dem Panserbjørn (gepanzerter Eisbär) Iorek Byrnison. Von Serafina Pekkala (Eva Green als Königin eines Hexenclans) erfährt sie von einer geheimnisvollen Bestimmung und lernt ihre besondere Gabe, das Lesen des Alethiometers (der titelgebende goldene Kompass), besser zu nutzen. Am Ende können Lyra und ihre Freunde lediglich einen Teilerfolg verbuchen und stehen vor neuen, ungleich gefährlicheren Herausforderungen.
His Dark Materials gilt gemeinhin als „Steamfantasytrilogie". Die literarische Gattung des Steampunk hat seinen Ursprung bei den Werken Jules Vernes und H.G. Wells und ist eine Spielart der Science-Fiction. Die erschaffenen Welten sind dabei durch eine dem viktorianischen Zeitalter ähnelnde Kulisse geprägt. Der Dampfkraft kommt hier eine zentrale Bedeutung zu. Entgegen der historischen Wirklichkeit entwickelte sie sich zur zentralen Antriebsquelle für sämtliche Geräte, Maschinen und Fortbewegungsmittel. Ein weiters Kennzeichen ist häufig eine dystopische Gesellschaft, in der ein autoritäres, totalitäres Regime (bei Pullman das allmächtige „Magisterium") sämtliche Fäden zieht. (Die in diesem Zusammenhang - als deutlicher Gegenentwurf zur christlichen Prägung der Narnia-Reihe - bewusst angelegte Kirchenkritik führte in den USA bereits zu Boykott-Aufrufen der Catholic Leaugue gegen den Film.)
Die tricktechnische Umsetzung dieser Kulisse ist eines der Highlights der Verfilmung. Mit viel Liebe zum (kleinsten) Detail und ausgefallenem Setdesign erschufen die Macher eine faszinierende Parallelwelt, bei der man sich direkt im Universum Jule Vernes wieder zu finden glaubt. Vor allem die Panoramashots des viktorianischen London sowie das Interieur von Mrs. Coulters Apartment bieten unglaubliche Bilder. Der Mix aus historischer und phantastischer Kulisse ist perfekt gelungen und in sich stimmig durchkomponiert.
Ähnliches gilt für die zahllosen Fabelwesen und tierischen Begleiter der Menschen. Da sämtliche Dæmonen realen Vorbildern aus unserer Tierwelt entsprechen, war hier besondere Sorgfalt geboten. Das Ergebnis ist absolut überzeugend. Die CGI-Abteilung hat ganze Arbeit geleistet und eindrucksvoll die Möglichkeiten der modernen Computertechnik ausgeschöpft. Das Geld des recht ordentlichen Budgets von $ 180 Millionen wurde jedenfalls gewinnbringend eingesetzt.
An den gebotenen Schauspielleistungen gibt es ebenfalls nichts auszusetzen. Ähnlich den oben genannten Fantasyepen besticht auch Der golden Kompass durch eine illustre Darstellerriege. Neben „Neu-Bond" Daniel Craig stehen Nicole Kidman, Sam Elliot, Eva Green, Derek Jacobi und wieder einmal Christopher Lee (der wohl den Ehrgeiz hat, in jeder größeren Fantasy- und SF-Reihe in der immer gleichen diabolischen Rolle mitzuwirken) auf der Besetzungsliste. Sämtliche Darsteller wurden offenbar sorgfältig ausgewählt, scheinen sie doch perfekt auf ihre jeweiligen Rollen zugeschnitten. Obwohl Daniel Craig seine Rolle aus Casino Royale als draufgängerischer, selbstsicherer Abenteurer nur unwesentlich zu variieren brauchte, gibt er trotz geringer Screentime eine souveräne und überzeugende Vorstellung als Lord Asriel. Sam Neil liefert als texanischer Luftschiffcowboy eine augenzwinkernde Hommage an seine Westernauftritte und Eva Green verleiht der Hexe Serafine Pekkala gewohnt gekonnt eine geheimnisvolle Aura. Den stärksten Eindruck aber hinterlässt Nicole Kidman als zwielichtig-durchtriebene Mrs. Coulter. Mit sichtlicher Freude am diabolischen Spiel gibt die wandlungsfähige Australierin das blonde Gift. Als schillernde, stets extravagant gekleidete Intrigantin im Stil einer Filmdiva der 1920er und 30er Jahre beherrscht sie bei jedem ihrer Auftritte die Szenerie.
In optischer und darstellerischer Hinsicht spielt Der goldene Kompass also durchaus in der Fantasy-Oberliga. Der entscheidende Schwachpunkt des Films liegt in der Entwicklung der diversen Handlungsstränge. Im Bemühen, der komplexen Romanvorlage gerecht zu werden und die richtige Mischung zwischen Plausibilität und Werktreue zu finden, scheint Regisseur Chris Weitz zeitweise überfordert gewesen zu sein. Dass er zwischenzeitlich von dem Mammutprojekt abzuspringen gedachte, mag ein Indiz dieser Schwierigkeiten sein.
Dabei ist die Wahl des in erster Linie durch die Teenieklamotte American Pie bekannt gewordenen Chris Weitz keineswegs so widersinnig, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Immerhin studierte Weitz in Cambridge englische Literatur und bewies bereits 2002 als Coregisseur bei Nick Hornbys About a Boy sein Gespür für Literaturverfilmungen.
Das Hauptproblem bei Der goldnen Kompass besteht darin, dass vieles lediglich angerissen und der Vollständigkeit halber erwähnt scheint. Der Film legt ein unglaubliches Tempo vor und lässt sich damit zu wenig Zeit, seine Figuren (Ausnahme Mrs. Coulter) und die sie umgebende Parallelwelt zu entwickeln. Das ist beim ersten Teil der Herr der Ringe-Filme besser gelungen. Die im Vergleich erheblich kürzere Laufzeit (knapp 120 Minuten sind für ein Fantasyepos recht wenig) hat Weitz Film geschadet. Zwar kommt niemals Langeweile auf, eine Identifikation mit einer der zahllosen Figuren mag aber auch nicht so recht gelingen. Dem Film fehlt klar das epische Moment, das viele seiner Genrekollegen auszeichnet.
Insgesamt irrt der Film etwas orientierungslos auf der Suche nach seinem Zielpublikum umher. Auf den ersten Blick klar ein Kinderfilm, ist die ganze Geschichte um das finstere Magisterium, die Erforschung des mysteriösen „kosmischen Staubs" und die zahllosen Nebencharaktere viel zu komplex, düster und letztlich unübersichtlich für juvenile Zuschauer. Für die Erwachsenen wiederum fehlt es eindeutig an Identifikationsfiguren. Außer der (eher unsympathischen) kindlichen Protagonistin und der teilweise überzeichneten Mrs. Coulter werden sämtliche Charaktere lediglich mit ein paar Pinselstrichen angerissen und treten wie im Theater permanent auf und ab. So hat beispielsweise Daniel Craig als Lord Ariel nicht mehr als 10 Minuten Screentime. Vor allem von dieser Figur hätte man gerne mehr auf der Leinwand gesehen. Insgesamt kämpft Der goldene Kompass mit ähnlichen Schwierigkeiten wie George Lucas Star Wars-Prequel-Auftakt Die dunkle Bedrohung. Wenigstens quält Weitz sein Publikum nicht mit einer Jar Jar Binks-ähnlichen Kreatur.
Am Ende bleibt eher ein zwiespältiger Eindruck. Mit Der goldene Kompass gelang Regisseur Weitz ein tricktechnisch und optisch bestechendes Fantasyepos, das allerdings bei Figurenzeichnung und Storytelling deutliche Schwächen zeigt. Der Film ist schlicht und ergreifend zu kurz, um die komplexe Romanvorlage adäquat auf die Leinwand zu transferieren. Es fehlt an Identifikationsangeboten und Sympathieträgern. Darstellerisch in der Oberliga angesiedelt, ist inszenatorisch durchaus noch ordentlich Luft nach oben. Weitz Kompass scheint noch mit einem leichten Drehfehler behaftet zu sein. Es bleibt die Hoffnung auf Kurskorrektur und damit einen stärkeren zweiten Teil.
(6 / 10 Punkten)