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Philip Pullman belässt es nicht bei einem sanften Schubs in seine magische Welt, nein, der Leser wird ziemlich heftig ins literarische Universum der „His-Dark-Materials“-Trilogie gestoßen. Und muss sich erst einmal zurechtfinden: Daemonen, Gobbler, Magisterium? Die Begriffe stapeln sich nur so. Erklärt wird einem kaum etwas. Wozu auch? Für die handelnden Personen ist ihre Welt im Normalzustand, weshalb sollten sie erklären, warum sich die Universität von Oxford als theologischer Wissenschaftskomplex durch halb England erstreckt, die Menschen formwandelnde Tierbegleiter haben oder das Wort „Staub“ Entsetzen auslösen kann?

Pullmans Buch lädt den Leser zum Erkunden dieser Welt ein, öffnet sich nur langsam, erklärt sich mehr durch den Kontext der Geschehnisse. Zudem verfügt es mit Lyra Belacqua über eine störrische und eigensinnige Hauptfigur. Diese Vorgehensweise mag es anfangs, gerade für ein jugendorientiertes Fantasybuch, sperrig erscheinen lassen, verstärkt aber nur den Sog: Man wird wirklich in eine andere Welt gezogen.

Die Verfilmung von „About a Boy“-Regisseur Chris Weitz nun traut ihrem Publikum offensichtlich wenig Einfühlungsvermögen zu, denn kaum ist der Film gestartet, hat er sein Universum, mitsamt dessen Besonderheiten, schon in Grund und Boden erklärt.
Nichts muss hier erspürt, über nichts reflektiert werden. Alles wird in hastig anmutenden Dialogen grob skizzierter Charaktere durchdekliniert, ohne dem Filmfreund auch nur den Hauch einer Einfühlungszeit zu gewähren. In rasanter Abfolge macht man gemeinsam mit Lyra die Bekanntschaft ihres abenteuerlustigen Onkels Asriel, der geheimnisvollen Mrs. Coulter, dem Nomadenvolk der Gypter, der Hexe Serafina Pekkala, des Eisbären Iorek Byrnison.
Karte um Karte wird vom Drehbuch aufgedeckt, ohne dass dieses sich einen Spielplan zurechtgelegt hätte. Hier wird mehr als offensichtlich, dass das Vorlagengespinst aus komplexen Figurenverhältnissen nicht einfach nach Belieben zurechtgestutzt werden kann. Die Motivation vieler Figuren bleibt schlichtweg im Dunkeln, großartige, sich im Roman natürlich aus dem Lauf der Ereignisse ergebende Momente wie das Duell der Eisbären erscheinen plötzlich wie Gimmicks ohne weitere dramaturgische Bedeutung.
Ganze Abläufe werden geändert, mit dem mitunter mehr als offensichtlichen Ziel, der Geschichte eine Tolkiensche Struktur abzuringen. Eine Schlacht aus der Buchmitte wird ans Ende verpflanzt, eine Lesern schon früh offenbarte Tatsache zum großen Geheimnis ausgewalzt und das Buchende gar komplett fallengelassen.
So schockierend das für die Fans der Vorlage schon sein muss, es wäre zu verschmerzen, wenn die zahlreichen Abänderungen dem Film zum Vorteil gereichen, ihm eine gewisse Eigenständigkeit verleihen würden. Aber er nutzt seine inhaltlichen Aussparungen nicht, um sich auf Bildgewalt und visuelles Erzählen zu verlassen (gerade hier hätte ein Hinüberschielen zu den Hobbits nicht geschadet), sondern bremst sich immer wieder durch Monologe aus, die mit lauter Begriffen gespickt sind, zu denen ein vorlagenunkundiger Kinogänger keinen Zugang finden kann.

Und selbst wenn man den Blick vom großen Handlungsgerüst nimmt, sind es Kleinigkeiten, mit denen sich die Umsetzung in ihrer nachlässigen Art verrät: Obwohl direkt zu Beginn klarstellend, dass die Daemonen die Seelen ihrer Menschen manifestieren, versucht der Film immer wieder, lustige Sidekick-Momente aus den tierischen Begleitern zu schöpfen. Dass quengelige, mit ihren Menschen diskutierende Daemonen dabei Vorlagenverrat begehen, scheint bei New Line niemanden gestört zu haben. Es sei noch mal in aller Deutlichkeit festgehalten: Die Daemonen tun selbstverständlich das, was ihre Menschen tun, denn sie sind eins! Werden sie getrennt, sind sie dem Tode geweiht. Dass der Film diese Tatsache schlicht ignoriert, saugt endgültig jede Tragik und Spannung aus der Geschichte.

Sicher, er bietet mitunter prächtige Bilder, Schauspieler und Effekte aus der Oberliga, und als reine Fantasy-Berieselung für zwischendurch mag „Der Goldene Kompass“ durchaus funktionieren, aber das lässt sich über viele Filme sagen, welche nicht auf einer derart vielversprechenden Vorlage fußen. Und dass deren philosophisch angehauchte Tiefe einer glattgebügelten und spezialeffektgeschwängerten Ereigniskette geopfert wurde, wiegt einfach zu schwer. Von der mit Blick auf Einnahmeeinbußen komplett getilgten Religionskritik gar nicht anzufangen.
Warum nur wird dem jungen Publikum heutzutage so wenig Denkarbeit zugetraut?

Hier wäre etwas ganz anderes möglich gewesen, ein wahrer Fantasyklassiker. Jeder Disney-Film hat Themen wie Verlust und Tod schon mutiger behandelt, geschweige denn überhaupt angepackt. Hierbei fehlte dem Filmprojekt, ebenso wie in anderen Bereichen, der Schneid, den Zuschauer zu fordern. Dabei hatte die Vorlage bewiesen, wie lohnend es sein kann, sich nur langsam in einer Fantasiewelt einfühlen und irgendwann heimisch fühlen zu können. Es mag sein, dass der Film mit derlei Herangehensweise sperriger, länger und fordernder geworden wäre. Aber gleichzeitig wäre er auch tiefer und unverwechselbarer geraten.

Er hätte etwas Besonderes sein können.

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