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Unter der Regie des mehrfach für Filmpreise nominierten Thriller-Experten Alan J. Pakula trafen im Jahr 1997 ein altgedienter und ein aufstrebender Hollywood-Star aufeinander. Mehr, als der Film selbst, sorgten die Querelen zwischen Harrison Ford und Brad Pitt für Schlagzeilen, denen ihre jeweiligen Rollen angeblich nicht groß genug angelegt waren. Zudem kritisierte Pitt Änderungen am Drehbuch und konnte nur per Gerichtsbeschluss dazu gebracht werden, die Dreharbeiten überhaupt zu beenden. Weitere, eher tragische Note: es ist Pakulas letzter Film, der Regisseur von Werken wie All the President's Men oder Sophies Entscheidung starb 1998 bei einem Autounfall. Derartig dramatischen Randnotizen rund um seine Entstehung wird Vertrauter Feind nicht ansatzweise gerecht.
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Frankie McGuires Vater wird vor den Augen des damals 8jährigen erschossen, wodurch er später zu einem IRA-Terroristen wird. Nach einem Schlag gegen seine Gefährten taucht Frankie in New York unter, um dort Stinger-Raketen zu organisieren. Der Richter Fitzsimmons, heimlicher IRA-Sympathisant, quartiert ihn bei dem nichtsahnenden, irischstämmigen Cop Tom O'Meara ein. Für Frankie kommt es zu Problemen mit den Waffenhändlern...
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So naiv und flach, wie sich der Inhalt heruntererzählen lässt, ist der gesamte Film. Die Grundidee ist nicht einmal unspannend und versprach in den Händen Pakulas zu einem spannenden und auch psychologisch anspruchsvollem Thriller mit Starbesetzung zu werden. Durchgesetzt hat sich von diesem Potenzial im Film so gut wie nichts. Es fehlt an so ziemlich allem, was aus Vertrauter Feind einen packendes Erlebnis hätte machen können. Die Charaktere sind uninteressant und viel zu simpel gezeichnet, die Handlung bleibt auf allen Ebenen oberflächlich, fußt weder auf politischer, noch emotionaler Basis, noch nicht einmal auf der eines gewissen Unterhaltungswertes. Brad Pitts Unwill merkt man dem damals 34jährigen überdeutlich an, meist starrt er nur mit halb geöffnetem Mund und leerem Blick vor sich hin, ohne dass er seine Figur auch nur mit einem Hauch Leidenschaft, weder für seine Sache, noch für das Zusammenspiel mit den anderen Figuren versieht. Gemessen an dieser mauen Leistung könnte man Verständnis aufbringen, dass Pitt lange Zeit als Schauspieler nicht ernst genommen wurde. Kennt man jedoch die Hintergründe (zumindest jene, über die spekuliert wurde), relativiert sich dies ein wenig, da die Motivation und gesamte Charakterisierung des Terroristen einfach völlig misslungen ist, weshalb man davon ausgehen kann, dass der ambitionierten Pitt damit wirklich unzufrieden war. Der Mord am Vater dient als einziges Argument für einen 24fachen Mörder und macht man sich die weitreichenden politischen Hintergründe des Konfliktes in Nordirland bewusst, die der Film nahezu komplett ignoriert, ist dies arg wenig.
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Harrison Ford macht sich rein darstellerisch besser, legt zumindest mehr als einen oder zwei Gescihtsausdrücke auf. Seine Figur, der Polizist O'Meara, ist aber ebenso platt. Er lebt in einer heilen Familienwelt mit drei Töchtern, welche nicht mehr Charakterisierung spendiert bekommen, als das die Älteste zu lange telefoniert. Völlig blass: Margaret Colin als Fords Frau Sheila. O'Meara selbst wird als die große Moralinstanz gezeigt, dessen Gerechtigkeitssinn und Gutmenschtum scheinbar absolut untrüglich sind. Das Abbilden seines Dienstalltags, in dem es auf die Jagd nach Kondomdieben, austickenden hispanischen Ehemännern und Autoradioklauern geht, hemmt zudem in ihrer schieren Bedeutungslosigkeit den gesamten Film. Pakula hätte hier weit weniger deutlich machen müssen, wie grundgut und integer nun genau O'Meara ist. So wird die Figur zur bloßen Merkmalsschablone. Gänzlich überflüssig und in der Folge auch komplett ins Leere laufend ist zudem der Handlungsstrang um den Cop und seinen Partner, der einen unbewaffneten erschießt und O'Meara vor ein völlig storyirrelevantes Dilemma stellt.
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Genausowenig zündet die Plotline um McGuires terroristische Aktivitäten. Bei weitem zu ausgewalzt wird er beim lockeren Herumalbern mit einem Terroristenkumpel und beim Restaurieren eines alten Kahns gezeigt, mit dem die Stinger-Raketen nach Irland transportiert werden sollen. So geht dem Charakter und den Absichten, die er verfolgt, jede Bedrohlichkeit verloren und McGuire zu einem reinen Sympathen gemacht, der er im Sinne des Themas nicht sein sollte. Die Rolle des Bösen übernehmen stattdessen ein eindimensionaler Waffenhändler und der als mordlustig dargestellte britische Geheimdienst, vor dem man den armen Terroristen beschützen sollte. Dadurch, dass McGuire nicht stark genug ins zumindest zwielichtige ausgearbeitet wird, wird auch der Handlungsstrang um seine Integration in die Familie O'Meara verschenkt. Statt sich in einer Ersatzfamilie wiederzufinden, die ihn seine Überzeugungen hinterfragen lässt, muss Pitt schon artikulieren, dass ihm O'Meara und Anhang etwas bedeuten. Denn zu spüren ist davon nicht wirklich etwas. Dass der Showdown zwischen Cop und Terrorist damit an Fahrt und an gefühlsmäßig glaubhafter Intensität verliert, versteht sich von selbst.
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Die Lovestory zwischen McGuire und der Kontaktfrau Megan, so obligatorisch wie schwach umgesetzt, ist ein weiterer Rohrkrepierer. Zwar überzeugt die oft unterschätzte Natascha McElhone wie immer an der Seite der ganz großen Stars, doch auch hier wird viel zu wenig in Figuren und Dramaturgie investiert. Vertrauter Feind ist am Ende eine 90 Millionen Dollar teure, uninteressante und schlimmstenfalls sogar langweilige, platte und ideologisch teils schwachsinnige Ausgeburt verschenkten Potenzials. Ein Film, der sicher zu den Tiefpunkten in den Filmographien seiner Stars gehört.
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