Vier Jahre nach dem sehr gelungenen „Banlieue 13“ durfte Pierre Morel unter der Ägide von Luc Besson erneut einen Film drehen, den noch besseren „Taken“.
Der Held von „Taken“ ist der Ex-CIA-Agent Bryan Mills (Liam Neeson), den man zu Beginn des Films allein in seiner Wohnung sitzen sieht. Trotz eines Freundeskreises wirkt Bryan immer wie ein einsamer Wolf, dessen einziges Ziel der Versuch ist Nähe zu seiner Tochter Kim (Maggie Grace) wiederherzustellen. Die lebt bei Franks geschiedener Frau Lenore (Famke Janssen) und deren neuem Ehemann. Bryan versucht mit dem schwerreichen Stiefvater zu konkurrieren, wenngleich dieser ihn nie herausfordert – allenfalls Lenores abweisendes Verhalten stachelt Bryan an.
Auf Drängen von Frau und Tochter erlaubt Bryan schließlich einen Parisurlaub Kims mit ihrer besten Freundin, obwohl sie erst 17 ist. Doch am Flughafen arbeitet eine gut organisierte Menschenhändlerbande, welche die beiden Mädchen kidnappt. Bryan hört dies am Telefon mit, eine der intensivsten Szenen des Films. Gleichzeitig bleibt er Profi, macht seiner Tochter keine Hoffnungen, sondern bereitet sie darauf vor gleich mitgenommen zu werden, worauf dann einer der coolsten Monologe der letzten Jahre folgt.
Da ihm maximal 96 Stunden bleiben, ihm die Behörden zu langsam arbeiten und die Kidnapper kein Lösegeld wollen, reist Bryan nach Paris und sucht selbst nach Kim. Dabei ist er bereit das komplette Syndikat auszuheben…
„Taken“ ist einer der kompromisslosesten Actionfilme der letzten Jahre, denn sein Held geht mit einer ungeheuren Konsequenz vor, ohne sich dabei um Höflichkeiten zu scheren. Da Bryan ein ruhiger Typ ist, neigt sein Umfeld dazu ihn zu unterschätzen (trotz der stattlichen Körpergröße Liam Neesons, den man aber eher mit Dramarollen in Verbindung bringt) – doch umso unangenehmer wird es dann für sie, wenn der Wolf im Schafspelz sich offenbart und unbarmherzig abräumt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob „Taken“ seinen Helden nicht auch kritisch sieht, denn Bryan wird als recht paranoid gezeichnet und scheint auch an der Rettung von niemand anderem als Kim interessiert zu sein.
Doch auch abseits solcher Überlegungen funktioniert „Taken“ ganz wunderbar, denn ein so temporeich und konsequent erzählter Actionfilm ist leider selten. Tatsächlich traut sich Morel bei etwas mehr als 90 Minuten zu bleiben und den Film nicht auf größere Länge aufzublasen, erzählt glaubwürdige, aber nie ausufernde Subplots – lediglich das etwas zu aufgesetzte Happy End stört dabei. Jedoch ist „Taken“ durchweg spannend, mit einigen Twists bedacht und durchaus ambivalent: Der Menschenhändlerring umfasst als Buhmänner fungierende Albaner ebenso wie weiße Geschäftsleute, die eine scheinheilige Fassade aufgebaut haben.
Dazwischen steht der Held, der zum einen unheimlich cool, zum anderen verzweifelt wirkt. Cool, da er zitierfähige Oneliner am laufenden Band bringt, da er souverän in jeder noch so feindlichen Umgebung agiert, da er sich ohne große Mühe tarnen kann. Verzweifelt, da alle seine Aktionen einfach nur darauf zurückzuführen sind, dass er mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen, da er auch vor unlauteren Methoden (darunter auch die Bedrohung der Familien anderer) nicht zurückschreckt.
Dazwischen setzt Morel auf bodenständige, handgemachte Action, die sich wohltuend von übertriebenen CGI-verwässerten Filmchen der Marke „Wanted“ absetzt. Es gibt furiose Shoot-Outs und temporeiche Verfolgungsjagden in und um die französische Metropole, die bereits das Herz des Fans klassischer Action höher schlagen lassen. Noch besser sind allerdings die Nahkampfszenen im Stil der Bourne-Trilogie: Realistisch gehalten und gleichzeitig doch absolut spektakulär durchchoreographiert, und ähnlich wie bei Kollege Bourne ist das Highlight ein ausgiebiges Duell mit einem ebenbürtigen Gegner. Und all das noch mit einem erfrischenden Härtegrad.
Darüber hinaus liefert Liam Neeson eine perfekte Verkörperung des knüppelharten Ex-Agenten ab, die man ihm angesichts seines sonst eher ruhigen Rollenrepertoires kaum zugetraut hätte. Famke Janssen hat nur wenige Szenen, ist aber gewohnt top, während die meisten Nebendarsteller, darunter auch Maggie Grace und Leland Orser, aufgrund ihrer knappen Screentime weniger zur Geltung kommen. In einer Gastrolle dabei: Holly Valance.
„Taken“ hat seine kleinen Schönheitsfehler, doch er gehört zu jenen selten geworden Actionfilmen der guten alten Schule – kurzweilig, spannend, hart und spektakulär, da verzeiht man kleine Schwächen doch äußerst gerne, zumal Liam Neeson in der Hauptrolle famos ist.