Konzentrieren wir uns aufs Wesentliche, denn „Taken“ aka „96 Hours“ ist eine Konzentration aufs Wesentliche.
Ein Film, der vermutlich so unerwartet erfolgreich geworden ist, weil er nur das sein will, was er ist: ein kurzweiliges Actionflick, wie es die 80er Jahre gleich dutzendweise auf den Markt geworfen hat.
Eine klassische Selbstjustizstory von dem geschulten Oberkönner, der jeden Trick und Kniff beherrscht und dazu noch über die nötige Motivation verfügt, alle Härten anzuwenden, um der Welt das Prinzip von Gut und Böse einzuprügeln oder besser noch wegzuschießen.
Man kann dem Film daraus einen Strick knüpfen, denn im Kern hat „Taken“ so einiges mit Filmen wie „Hostel“ gemein: die Angst vor der Fremde, vor dem unbekannten Land. Amerika ist hier die saubere Heimat, aus der man sich nicht ohne schwerwiegende Absicherung weg begibt, denn in der übrigen, ach so zivilisierten Welt, da lauern die wahren Gefahren, nicht zuletzt für junge amerikanische Mädchen. Und die kann man grob oberflächlich benennen: Entführung, Drogenabhängigkeit, Prostitution, Mädchenhandel und, geradezu ironisch, als Allerschlimmstes die Entjungferung. Das ist dermaßen naiv konstruiert, daß ein einfach gestricktes Publikum darauf abfahren muß – und man kann es schelten, wenn es das dann auch einfach tut.
In simplen 90 Minuten wird diese Weltsicht vermittelt: die zerbrochene Familie, das junge Teenagergirl, der Geheimdienstdaddy, der seine Tochter in seiner Nähe wissen will und die viel zu leichtsinnige Exfrau, die reich geheiratet hat und nicht genügend aufpaßt. Bleib daheim und nähre dich redlich, denn Dad organisiert schon einen Vorsingtermin bei der Gewinnerin von „Amerika sucht den Superstar“ – hier ist ein Ziel, das jedes Mädchen anstreben sollte.
Man könnte fast meinen, daß der Franzose Pierre Morel („Ghettogangz“) das als eine Art von US-Satire angelegt hat, aber der Ansatz verfängt nicht, dazu tut der Rest des Films in seiner reaktionär gefärbten Scheinwelt viel zu viel Spaß: der schlaksige Spießer, der die Knarre zieht und sich einer Dampfwalze gleich durch die französische Metropole Paris walzt. Keiner kann ihn stoppen und sollte es auch gar nicht versuchen.
Fast wird man an „Last Action Hero“ erinnert: es ist was faul im Staate Frankreich und D’Artagnon schmeißt den Müll auf die Kippe.
Das funktioniert übrigens noch besser, weil der Held diesmal kein muskelbepackter Hüne a la Ah-nuld ist, sondern in der Gestalt von Liam Neeson eher wie ein sehniger Schlacks daherkommt, der sonst auf die Darstellung vergeistigter Wissenschaftler oder Professoren (mit sexuellen Problemen) abonniert war. Niemand traut Neeson eine Actionszene zu und wenn er dann eine Stunde lang im Dauerfeuer die Arme und Beine knacken läßt, wie andere ihre Cornflakes kauen, dann spricht das auch den durchschnittlichen Normalbürger an, schließlich sind hier ja nur die Vatergefühle auf 180, das kann man doch verstehen.
Neeson ist erstaunlich, kein Gramm Fett ziert ihn, er ist wie der Film an sich ein sehniges Gerüst, ungemein beweglich schnell und zielgerichtet, drahtig und ohne jeden Seitenblick. Im Haudraufverfahren mäht er sich von unten nach oben durch die Schichten des organisierten Verbrechens, meuchelt nacheinander die Anreißer und Entführer, mischt die Zuhälter auf, metzelt die albanischen Hintermänner und Drogendealer auf, knüppelt korrupte Bullen nieder, um dann zum Coup de Grace auf die oberen Mädchenversteigerer und ihre zahlungskräftige Kundschaft anzusetzen, die natürlich aus einem sexuell abartig gefärbt (für westliche Maßstäbe) Scheich samt Vasallen besteht. Albaner, Franzosen, der nahe Osten, allesamt Brutstätten des Bösen, unrasiert und finster oder kantig und bösartig glatt rasiert, die Fassade des Grauens. Neeson rasiert sie alle und deswegen funktionieren die Mano-a-mano-Fights auch wie ein dauerhafter Adrenalinstoß, man fiebert unwillkürlich mit, nicht so souverän wie bei Stallone und anderem Testosterongetier, hier kämpft einer von uns, der wie wir ständig unterschätzt wird. Das ist überzogen, das ist verlogen und es ist Kino pur – und das soll Spaß machen, auch wenn sich der Bodycount bestimmt auf 40 summiert.
An dieser Stelle muß dann jeder für sich entscheiden, ob er das als brutal und verlogen abwinkt, verteufelt oder sich schnell noch ein neues Bier holt, ehe Liam zur nächsten Attacke ansetzt – empfehlenswert wäre sicherlich nicht der totale Realitätsverlust, der sonst die französische Tourismusindustrie gegen Null tendieren lassen sollte, denn so viele Bad Guys wie hier aufeinander hocken, ist man ja im Land der guten Küche vor nichts mehr sicher. „96 Hours“ ist nicht mehr als ein herrlich altmodischer Actionquark aus der Gutmenschenküche, aber er funktioniert besser, als so manche aufgeblasene Großproduktion, die inhaltliche Schwere vortäuscht. Rein, raus, Spaß gehabt und demnächst vielleicht mal selbst zum Selbstverteidigungskurs, dann klappts auch mit dem böse starrenden Typen im Nachtbus am Samstag. (8/10)