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Der ehemalige Geheimagent Bryan Mills versucht, nachdem er sich aus seinem Job verabschiedet hat, seiner Tochter Kim ein guter Vater zu sein. Seine Ex-Frau Lenore und deren reicher Gatte machen es ihm dabei nicht einfach. Als seine 17-jährige Tochter mit einer Freundin nach Paris reisen will, ist Bryan zwar besorgt, willigt aber ein. Doch tatsächlich wird Kim bereits kurz nach ihrer Ankunft entführt. Der besorgte Vater bricht sofort nach Frankreich auf...
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96 Hours ist ein Film, bei dem sich der logikorientierte Verstand fragt, warum das ganz und gar irrationale Unterhaltungsempfinden sich davon angesprochen fühlt. Produziert und geschrieben von Frankreichs erfolgreichstem (und nicht unumstrittenem) Kunst/Kommerz-Jongleur Luc Besson, bietet 96 Hours auf der einen Seite eine Story, die in Umfang und Bedeutung den Warnhinweis auf einer Zigarettenschachtel ersetzen könnte und kaum das Niveau eines billig gefilmten B-Actioners erreicht. In seiner dramaturgischen Schlichtheit erinnert er an die in den 80ern als Massenware produzierten Rache- und Vergeltungskracher, vorzugsweise mit Schwarzenegger oder Stallone, ersatzweise mit Van Damme, Seagal oder Norris in der Hauptrolle des Ex-Agenten/Soldaten/Polizisten.
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Dazu gesellt sich die typische fragwürdige Ideologie: das Handeln des Helden steht in seinem Zweck bei aller moralischen Fragwürdigkeit eben nie wirklich in Frage und rechtfertigt sich aus sich selbst heraus. Er hat die Fähigkeiten, die Bösen zu besiegen, also soll er es verdammt nochmal auch tun. Die Bösen, im Falle von 96 Hours eine Gruppe attraktive Touristinnen als Sexsklavinnen verscherbelnde Ost-Europäer, bleiben dabei kontur- und eigenschaftslos, das Rückgrat scheinbar nur im Körper, um es vom Helden gebrochen zu bekommen. Bessons Drehbuch spendiert ihnen hier nicht einmal ein wirkliches Gesicht, sprich 96 Hours fährt viel Masse, aber niemanden mit Klasse in der Rolle des Antagonisten auf. So stößt Bryan Mills, der Held, während seines gesamten Rachefeldzuges nie auf wirklich ernstzunehmenden Widerstand und das Erledigen der Schurken wirkt, als sähe man einem Profi beim zigsten Absolvieren eines Videospieles zu, der in jeder Situation den passen Knopfdruck parat hat, um Bryan stets die geeignete Aktion ausführen zu lassen. Die magere Handlung hetzt dabei in irrem Tempo ohne jegliche Wendung oder Überraschung voran, lässt kein Klischee ungenutzt und am Ende gibt es mehr Leichen als Dialogzeilen.
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Doch es gibt eben auch eine andere Seite. Auf dieser steht allem voran Liam Neeson. Im Gegensatz zu den weiter oben angeführten Standartakteuren des Genres handelt es sich bei Neeson um einen Schauspieler, der einer Rolle nicht nur seine Physis zur Verfügung stellen kann, sondern der auch in der Lage ist, seinen Helden mit Psyche und Emotion auszustatten. Das Schema des dumpfen Kloppers durchbricht er mit seinen mimischen Fähigkeiten, um die Motivation des Vaters auf der Suche nach seiner Tochter immer wieder gekonnt und nachvollziehbar deutlich zu machen. Dabei könnte man die Frage stellen, wieso ein derart glaubwürdiger Darsteller durch eine so plakativ-absurd-stumpfsinnige Handlung getrieben wird, die dadurch eigentlich nur umso lautstärker anzuprangern wäre, da sie sich dem Zuschauer so als wichtiger verkaufen will, als sie ist. Dennoch geht die Rechnung auf, da Neeson durch seine Präsenz und Intensität, sowohl in den Action-, wie auch in den spärlichen menschlichen Momenten, vollends begeistern kann.
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Die Actionszenen an sich sind überdies hart, temporeich und nicht zu hektisch inszeniert, bieten in Zeiten der Bourne-Trilogie und der Neuauslegung der Bond-Reihe aber auch nichts außergewöhnliches. Besonders eine Autoverfolgungsjagd wirkt im Vergleich zu Bourne recht harmlos und bieder. 24-mäßige Foltermethoden und das bewusste Verursachen von ‚Kollateralschäden‘ zum Erreichen der eigenen Ziele (indem Mills die unschuldige Ehefrau eines doch nicht ganz so guten alten Freundes anschießt) sind ebenso mehr Zitat, denn Innovation. Allerdings geht der Film mit diesen bekannten Elementen nicht verschwenderisch um und fügt sie gut aneinander.
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Insgesamt geht der Film ehrlich mit sich und seinen Möglichkeiten um. Mag man hinter der Plattheit des Geschehens eine gewisse Ironie erkennen (von der Protagonist und Story ansonsten leider vollkommen frei sind), kann man ihm seine Vorzüge mit einem Augenzwinkern locker höher anrechnen, als ihm die negativen Aspekte vorzuhalten. Dadurch, das Buch und Regie jeweils von einem Franzosen stammen, fällt es eigentlich schwer zu glauben, dass das "Amerika ist gut und edelmütig, Europa (Paris!) ein abgründiger, gefährlicher Moloch"-Szenario auch nur im Ansatz ernst gemeint ist.
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