"Aber wenn nicht werde ich nach ihnen suchen. Ich werde sie finden und ich werde sie töten."
Der ehemalige Agent Bryan Mills (Liam Neeson) hat seinen Job unlängst an den Nagel gehängt. Er will in der Nähe seiner Tochter Kim (Maggie Grace) sein und das nachholen, was er in ihrer Kindheit versäumte. Allerdings erschwert dies nicht nur seine neu verheiratete Ex-Frau (Famke Janssen), sondern auch Kim selbst, denn das mittlerweile in die Pubertät gekommene Mädchen hat ihren eigenen Kopf. Nach langem Hin und Her gelingt es ihr, den fürsorglichen Vater von einer Europatour zu überzeugen. Mit ihrer Freundin Amanda (Katie Cassidy) will Kim Paris entdecken und insgeheim die Band U2 auf deren Europatournee verfolgen. Daraus wird aber nichts. Kaum in Paris angekommen werden die beiden Touristinnen von albanischen Mädchenhändlern verschleppt, gerade als Bryan mit Kim telefoniert. Der einstige Agent verliert keine Zeit und setzt sich in den nächstbesten Flieger Richtung Paris. Als Profi weiß er, dass ihm genau 96 Stunden bleiben um Kim zu finden. Danach besteht erfahrungsgemäß kaum noch eine Chance auf Rettung eines Entführungsopfers.
Mittlerweile könnte man schon meinen es sei bemerkenswert, dass solche Filme wie "96 Hours" in dieser Form die Leinwand erreichen und ungekürzt eine FSK 16 Freigabe bekommen. In einer Zeit in der selbst 80er Jahre Ikone John McClane seinen legendären Oneliner "Yippee-ki-yay, motherfucker“ nicht aussprechen darf, damit das PG-13 Rating nicht gefährdet ist, kommt hier eine französische Produktion, die vollständig auf politische Korrektheit pfeift, die Logik nicht unbedingt genau nimmt, und den alternden Helden auf einen krachenden Rachefeldzug ohne Kompromisse schickt. Und das Ergebnis ist so rasend und mitreißend, dass man nur allzu gerne in die Achterbahn einsteigt und sich mitnehmen lässt.
Zu Beginn erinnert "96 Hours" noch gar nicht an die rasende Actionbombe die er später werden soll, sondern eher an ein Charakterdrama. Bryan Mills wird als liebevoller Vater eingeführt, der seiner Tochter nichts bieten kann, das sie von ihrem reichen Stiefvater nicht bekommen könnte. Die Herausarbeitung der Figuren, die später keinerlei Gewichtung mehr tragen, zieht sich eine Weile. Nach ca. 25 Minuten gehts aber rund, und das für den Rest des Films.
Zwei Strömungen entwuchsen dem folgenden Radaukino. Die einen feiern den intensivsten und emotional mitreißendesten Actionfilm der letzten Jahre. Die anderen beklagen sich über den stupidesten, protektionistischsten, antieuropäischsten Actionfilm der letzten Jahre. Recht behalten beide Lager. Welches Gefühl ein jeder mitnimmt, obliegt dem Einzelnen. Beide Parteien sollten aber in der Lage sein, zuzugeben, dass es sich bei "96 Hours" um einen der unterhaltendsten Thriller in letzter Zeit handelt.
Trotz Minimalstory und abgeschmackter Motive unterhält der ernste Film auf eine sehr rasante, sehr spannende und verdammt actionreiche Art und Weise. Nach der Einführung der Figuren kommt hier zu kaum einer Sekunde Langeweile auf und zu keiner Sekunde bricht das Tempo auch nur ansatzweise ein. Sobald Bryan Mills ins Rollen gekommen ist, haben seine Gegner in Paris nichts mehr zu lachen! Dabei ist es vor allem Liam Neeson, der den Film im Alleingang zum Erlebnis macht. Nach Kevin Bacon ("Death Sentence") und Jodie Foster ("Die Fremde in dir") ist er nun bereits der dritte namhafte Superstar in einem Film mit grundsätzlich fragwürdigen Tendenzen und wie bei den genannten Filmen geht auch hier die Rechnung auf. Denn Neeson pumpt eine Souveränität und Klasse in den Film, die man nur bestaunen kann.
Dementsprechend setzt Regisseur Pierre Morel ("Ghettogangz - Die Hölle vor Paris") auch weniger auf eine verspielte Choreographie, sondern auf eine realistische und einzig auf Effizienz ausgerichtete Variante, die ihre Wirkung definitiv nicht verfehlt. Und freilich auch dem nicht Martial Arts Hauptdarsteller sehr entgegenkommt, der hier mit Hebeln und Handkantenschlägen alles nieder schlägt, was ihm vor den bulligen Körper läuft.
Auch die Schießereien und eine Autoverfolgungsjagd atmen diesen realistischen Ansatz, was dem Film hervorragend steht und durch die eingesetzte, sehr unmittelbare und verdammt raue Optik unterstützt wird. Selten wirkte Paris so abweisend, kalt und schmutzig wie hier.
Allgemein ähnelt "96 Hours" dem vergleichbar temporeichen "Kopfgeld" mit Mel Gibson mit einem grundlegenden Unterschied: Einer gnadenlosen Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren. Die Albaner werden als kaltherzige Bösewichte stilisiert, die sich ohne zu zögern jedes Mädchen schnappen um es drogenabhängig zu machen, und schließlich als Prostituierte zu verkaufen, Europa wird als unsicheres Pflaster skizziert, und der Hauptdarsteller zögert keine Sekunde um der Selbstjustiz zu frönen und hat auch kein Bedenken einen Verdächtigen zu foltern.
Wer durch das Thema des Menschenhandels eine intelligente oder komplexe Geschichte erwartet, wird hier nicht glücklich werden. Der Thriller schneidet das Thema nur an ohne weiter in die Tiefe zu steigen.
Man kann auch die logischen Probleme aufzeigen, beispielsweise dass es Bryan Mills schon fast zu leicht hat um den Drahtziehern auf die Schliche zu kommen und vor allem auch, dass er überhaupt keine Schwierigkeiten hat als unbesiegbare Ein-Mann-Armee in die Schlacht zu ziehen. Doch dies alles wirkt sich nur sehr gering auf den Unterhaltungswert aus.
Bei dieser auf Realismus getrimmten Einmannshow von Liam Neesons ("Batman Begins", "Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung") kommen die meisten Nebendarsteller nicht mit. Gerade wenn er wie ein Berserker wütet, wird klar, wie verzweifelt seine Figur eigentlich ist. Nach außen hin zeigt er dies nie! Es gibt keinen gebrochen in der Ecke weinenden Bryan Mills, der an seiner Mission zweifelt. Es gibt nur den voranschreitenden Knochenbrecher, dessen Angst und Sorge in Brutalität und eisenharte Konsequenz umkanalisiert wird. Absolut genial und sicher eine der kraftvollsten und präsentesten Rollen, die Liam Neeson neben seiner Interpretation des Oskar Schindler in "Schindlers Liste" jemals spielen durfte.
Daneben sind nur noch Famke Janssen ("Goldeneye", "X-Men"-Reihe) und Maggie Grace ("Lost", "The Fog - Nebel des Grauens" (2005)) erwähnenswert, die zwar solide auftreten, aber nicht öfter als storyrelevant zu sehen sind.
"96 Hours" ist ein äußerst befriedigendes wenn auch fragwürdiges Erlebnis. Die gnadenlose Abrechnung mit Frankreichs Unterwelt ist völlig auf Liam Neeson zugeschnitten. Politisch unkorrekt, nicht immer logisch aber dafür emotional außerordentlich stark unterhält der Thriller nach eingangs 25 schwergängigen Minuten außerordentlich gut auf klassischem Kinoniveau. Ein intellektuelles Schwergewicht sollte man dabei aber nicht erwarten.
8 / 10