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Immer mal wieder erfährt das altgediente Genre des Selbstjustizfilms eine Reanimation - und das Niveau der prominenten Revenge-Reißer, die das neue Millennium bislang zutage förderte, ist erfreulich hoch: Nach Quentin Tarantinos kultiger Asiaaction- und Italowestern-Hommage „Kill Bill" 2003/04 und James Wans beeindruckenden Thrillerdrama-Meisterwerk „Death Sentence" 2007 reihte sich mit Pierre Morels „96 Hours" aka „Taken" eine weitere Großtat in die Riege überzeugender Vergeltungsstreifen ein, die die zur absoluten Seltenheit gewordene Ein-Mann-Armee der 80er-Jahre reaktiviert und den großen Klassikern des 20. Jahrhunderts in nichts nachsteht.
Morels irrer Debütfilm „Banlieue 13" hatte in Fankreisen 2004 zu Recht große Beachtung gefunden und einen der besten der zahlreichen Franzosen-Kracher dargestellt, mit denen das umtriebige Luc-Besson-Universum Hollywoodsches Genreschaffen immer öfter auf die Plätze zu verweisen versteht. Mit seinem zweiten Werk „96 Hours", erneut geschrieben und produziert von Actionmogul Besson, legte er nun ein Brett vor, das seinem Erstling in nichts nachsteht, sondern im Gegenteil noch eine Steigerung darstellt.

Um die verlorene Zeit mit seiner Tochter Kim (Maggie Grace) nachzuholen, hat der geschiedene CIA-Agent Bryan Mills (Liam Neeson) seinen Job an den Nagel gehängt. Alsbald jedoch bedürfen seine Fähigkeiten einer ungeplanten Reaktivierung - beim Europaurlaub mit einer Freundin fällt Kim in Paris in die Hände eines afghanischen Menschenhändlerrings. Bryan klopft bei seinen alten Kontakten an, fliegt in die Stadt der Liebe und legt dort unerbittlich alles und jeden in Schutt und Asche, was ihm bei seiner verzweifelten Suche in die Quere kommt...

Mit einer recht monströsen, aber durchaus stimmigen Exposition in Amerika legt „96 Hours" zunächst Familienverhältnisse und Seelenzustand seines Protagonisten dar, ehe er sich mit Bryans Ankunft in Paris in den unerbittlichsten Selbstjustiz-Feldzug der jüngeren Kinogeschichte verwandelt. Liam Neeson prügelt und metzelt sich eiskalt durch die Pariser Unterwelt, macht keine Gefangenen und lässt jeden Charles Bronson oder Jack Bauer in puncto kompromissloser Brutalität als rücksichtsvollen Softie erscheinen. Die Palette der Gewalt reicht dabei von unbewaffneten Fights über Shootouts und Explosionen bis zu rasanten Autoverfolgungsjagden und wurde von Morel so edel, rasant und hart eingefangen, wie man es nach seinem tollen Debüt auch erwarten durfte. Dass der Film seinen durch die lange Einleitung entwickelten Drama-Anspruch in der letzten Stunde einem erbarmungslosen Gewaltinferno opfert, macht aufgrund dessen überragender Inszenierung und beeindruckender political uncorrectness überhaupt nichts.

Dass mit Liam Neeson kein tumber Rambo, sondern ein ausgewiesener Charakterdarsteller die Hauptrolle mimt, befreit „96 Hours" allerdings vom Eindruck des plumpen B-Movies, das er eigentlich ist, und gaukelt so überzeugend vor, ein seriöser A-Thriller zu sein, dass man es ihm bisweilen beinahe abnehmen mag. Neesons Mischung aus zweifelnder Hilflosigkeit in familiären Dingen und zerbrechlicher Sorge in Bezug auf das Schicksal seiner Tochter auf der einen und der unerbittlichen Tötungsroutine einer CIA-Killermaschine auf der anderen Seite verleiht dem Geschehen die Klasse, die einem Steven Seagal-Streifen abgeht. Er ist es auch ganz allein, der schauspielerisch den Film trägt, denn „Lost"-Star Maggie Grace als Kim ist lediglich hübsches, Famke Janssen als Exfrau prominentes und die Badguy-Riege schnell dahingemetzteltes Beiwerk.

Fazit: „96 Hours" ist ein Brett von einem Selbstjustizreißer in 80s-Tradition: Spannend, temporeich, atmosphärisch dicht und absolut gnadenlos zerlegt Liam Neeson die französische Hauptstadt und wird von Pierre Morel durch exzellent inszenierte, harte Oldschool-Action am laufenden Band gehetzt. Ein Actionfilm, wie es sie heutzutage kaum mehr gibt, die Reanimation der 80er-Jahre-Ein-Mann-Armee - großartig!

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