Review

Anfangs sieht es noch einfach nach einem mittelmäßigen bis blödsinnigen Action-Streifen aus: Liam Neeson spielt den Ex-Agenten Bryan, der einige Vorbehalte hat, als seine Ex-Frau ihm eröffnet, ihre 17-jährige gemeinsame Tochter wolle den Sommer in Paris verbringen. Und tatsächlich: Kaum ist sie mit ihrer Freundin in ihrem Luxus-Apartment angekommen, dringen maskierte Menschenhändler ein und entführen die beiden. Bryan bleiben 96 Stunden, bevor er die Spur seiner Tochter für immer verliert. Also fackelt er nicht lange, sondern fliegt nach Paris und räumt unter den Verbrechergruppen der Stadt ordentlich auf.

Bis dahin kann man noch nachsichtig schmunzeln, sich über peinliche Macho-Klischees und unsympathische Figuren ärgern (die heißgeliebte Tochter vergibt Liebe immer nur dann, wenn sie bekommt, was sie will - sei es ein Pferd oder die Erlaubnis ihres Vaters zur Reise), von den Reißbrett-Dialogen mal ganz abgesehen. Alles nicht so schlimm, kann man wohlwollend sagen, so lange der Film nach der Einleitung auch ordentlich an der Action- und Temposchraube dreht.

Doch was dann kommt, sobald Bryan in Paris angekommen ist und sich den Entführern seiner Tochter Auge in Auge gegenüber sieht, ist schlimmer, als man es sich im heutigen "modernen" Actionkino hätte träumen lassen. Aus Klischees werden schleichend, aber deutlich rassistische Vorurteile. Alle Bösewichter, Menschenhändler und Verbrecher der Stadt kommen aus Osteuropa oder dem Nahen Osten, sie sprechen Albanisch, sind tätowiert und handeln mit Frauen wie andere Gangster mit Zigaretten. Natürlich blüht dieses menschenverachtende Gewerbe besonders in ärmeren Gebieten der Welt (Zwischenfrage: Wer sorgt denn dafür, dass diese Gebiete so arm sind und bleiben?), aber was dieser Film zu sagen versucht, ist, dass diese Gebiete der Ursprung alles Bösen sind. Dementsprechend ist es nicht nur legitim, sondern geradezu gerecht, wenn Bryan sich durch die Horden von Gangstern prügelt, schießt und foltert, und dabei dutzendweise Leichen zurücklässt. Eine derartige Glorifizierung blindwütiger Gewalt hat es im großen Kino seit den ersten beiden "Rambo"-Fortsetzungen nicht mehr gegeben.

Nun mag man sagen, "96 Hours" sei doch nur ein Actionfilm, der keine Ideologie vertreten, sondern einfach unterhalten wolle. Dieses schwache Argument wird hier von vornherein entkräftet, weil der Film schlicht nicht unterhaltsam ist. Die Action bleibt auf Sparflamme, das Tempo kommt meist daher, dass Liam Neeson sehr schnell spricht und dann sehr schnell prügelt, und als es zum Finale endlich mal mit einer heftigen Schießerei losgeht, ist innerhalb von zwei, drei Minuten auch schon alles wieder vorbei. Viel ausführlicher konzentriert sich der Streifen darauf, wie sein Hauptdarsteller (der zum bedingungslosen Helden emporgehoben wird: Er hatte nicht nur Recht mit seinen Zweifeln an Europa, sondern ist auch der Einzige, der seine Tochter retten kann) albanische Menschenhändler per Stromstoß foltert und dem arabischen Scheich, der seine Tochter gekauft hat, einen Kopfschuss verpasst. Dabei ist der große amerikanische Held sogar noch gnädig: Seinen guten französischen Freund, der ihn verrät, schlägt er nur bewusstlos und dessen völlig unbeteiligter Frau verpasst er nur einen Schuss in den Oberarm. Dass hier der Held genauso dreckig zur Sache geht wie seine Gegner, scheint niemandem aufgefallen zu sein.

Dieses faschistoide, gewaltverherrlichende Vehikel wird formal durchaus souverän in Szene gesetzt. Schnelle Kamerafahrten, treibende Musik, gut choreografierte (wenn auch viel zu wenige) Actionsequenzen. Das ändert nichts an der inhaltlichen Verwerflichkeit des Films (und von zahlreichen Logikschwächen wollen wir gar nicht mal sprechen). Und heuchlerisch ist er auch: Der große Held Brian vollstreckt sein Urteil an den Menschenhändlern, lässt aber alle entführten und gedemütigten Opfer der Verbrecher in ihrem Dreck liegen, solange er nicht seine Tochter gefunden hat. Ein rassistisches, menschenverachtendes Debakel, das die großen amerikanischen Tugenden vor sich her trägt: unhinterfragte Heldenverehrung, Männlichkeit, die sich über gewalttätige Durchsetzungskraft definiert, und Frauen, die ihren tollen Männern zu Füßen liegen. Ein filmischer Rückschritt in die Steinzeit.

Details
Ähnliche Filme