Was macht man Nachts, wenn man nicht schlafen kann? Entweder man schaltet in eines der vielen Call-in-Formate oder zu ProSieben. Dort lief in der Nachtwiederholung das zweiteilige Event-Movie "Die Schatzinsel" an einem Stück.
Die Story kennt wohl jeder, der das Buch gelesen hat. Und das könnte durchaus jeder sein. Alle anderen haben bestimmt irgendwann eine der gefühlten 576 weiteren Adaptionen im TV gesehen.
Der junge Jim Hawkins findet eine Schatzkarte und macht sich auf den Weg zur titelgebenden Insel. An Bord des Schiffes befindet sich aber auch ein gefährlicher Pirat ...
Nach der Verwurstung historischer Tatsachen mit "Die Sturmflut", "Die Luftbrücke" oder "Tarragona" und inspired-by-the-latest-Naturkatastrophe-Werke wie "Tornado - Zorn des Himmels" oder "Tsunami" versucht sich nun ein Privatsender am klassischen Abenteuerroman von Robert L. Stevenson. Wenn das nicht mal Schlimmes befürchten lässt!
ProSieben hat mit Produktionskosten von 8 Millionen Euro wirklich nichts unversucht gelassen, die literarische Vorlage so spannungslos wie nur möglich umzusetzen.
Ein zäher Auftakt, ein langweiliger 08/15-TV-Event-Score und Darsteller, die sich für alles eignen, nur nicht für diesen Film. Und dabei sind Tobias Moretti (hier als Long John Silver mit Holzbein) und Christian Tramitz (vorgestellt mit Blutegeln auf dem Arsch) beileibe keine schlechten Schauspieler. Sie passen einfach nicht in die billigen Kostüme, die sich die Crew wohl von der benachbarten Dorftheatertruppe geborgt hat.
Auch die beiden eigentlichen Hauptdarsteller Francois Göske und Diane Willems gehen ruhmlos unter. Erstens hat ein Weibsbild absolut nichts in "Die Schatzinsel" verloren. Wahrscheinlich wollte man hier mit einer Liebesgeschichte zur Prime-Time-Premiere die RTL-Zielgruppe von "GZSZ" ködern. Zweitens sollte Herr Göske vor seinem nächsten Projekt (oh Gott, es wird die Neuverfilmung von Bernhard Wickis "Die Brücke" sein) zum Vocal-Coach. Das permanente Verschlucken des T's bei Wörtern wie "nich(t)" oder "is(t)" ging mir nämlich gewaltig auf den Zeiger und raubte dem Film das letzte Quäntchen Atmosphäre.
Mit "Die Schatzinsel" hat ProSieben das geschafft, was den eingangs erwähnten Call-in-Formaten erst bei einer zweistündigen Durchstellpause gelingt: mich in seeligen Tiefschlaf zu versetzen. Respekt! Das macht dann 2/10 Punkten, aber nur, weil es noch schlechtere Eigenproduktionen des Senders gibt!