Mehr noch als seine reinen Kameraarbeiten sind es gerade Freddie Francis’ Regiearbeiten, die viel über seine Sichtweise auf das eigene Metier verraten. Denn selbst als Regisseur mit Verantwortung für das harmonische Gesamtbild blieb er auf das Formelle bezogen und bevorzugte es, eine perfekt ausbalancierte Kameraarbeit mit klaren Linien und durchdachter Vision anzuweisen, selbst wenn das bedeutete, dass anderen Kategorien, dem Drehbuch etwa oder der Schauspielerführung, weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde. Seine Beiträge für die Hammer Studios (ein Name, der selbst heute vor allem als klangvolles Synonym für klassisches Grusel- und Monsterkino steht) trugen als schwer definierbare Mischung aus Horrorfilm und Psychothriller zur Erweiterung des Portfolios der britischen Produktionsfirma bei. Andererseits folgte er bei der Prägung dieses Subzweigs lediglich dem hauseigenen Vorbild „Ein Toter spielt Klavier“, vielleicht, weil es ihm zwischen all den Vampiren, Untoten und Werwölfen noch am meisten zusagte. Doch vor allem Alfred Hitchcock hat seine Spuren bei Francis hinterlassen. Einige von dessen späten britischen und frühen bis mittleren Hollywood-Werken üben einen deutlichen Einfluss auf Francis’ Erzählansatz aus. So wie „Haus des Grauens“ (1963) sich am Suspense-Aufbau von „Im Schatten des Zweifels“ orientierte, liefert er mit „Nightmare“ ein Jahr später eine narrative Struktur, die eindeutig von „Psycho“ beeinflusst ist, wenn er tief in die Wahrnehmung seiner Hauptdarstellerin eintaucht, nur um sie in der Mitte des Films aus der Handlung zu reißen und den Fokus auf zwei neue Charaktere zu richten, die bis dahin noch zwei unscheinbare Nebendarsteller waren.
Die Rip-Off-Züge dieses Aufbaus – „Psycho“ war damals erst vier Jahre alt und der Zielgruppe somit unmittelbar präsent – verraten allerdings noch wenig über die eigentlichen Qualitäten des Films, die sich wie angedeutet vor allem in der Kameraarbeit niederlegen. Schon die wahnhafte Eröffnungssequenz stellt in raffinierten Winkeln mit angeschrägter Kadrierung, einer bewussten Nutzung von Räumlichkeit und gekonntem Spiel mit Schwarzweiß-Kontrasten und Schattenwurf klar, worauf das Augenmerk gelegt werden sollte. Es dauert nicht lange, da überträgt sich die Paranoia der Hauptfigur auf den Betrachter, und auch wenn man die Methodik bei der Suspense-Erzeugung zumindest in der ersten Hälfte als klassisch bezeichnen kann, verfehlt sie ihre Wirkung nicht und hätte selbst in einem Hitchcock-Original funktioniert, insbesondere unter Verwendung des aufgeregten Streicher-Scores, der die Nadelstiche gerade so ansetzt, dass sich die Gänsehaut ungehindert verbreiten kann.
Ein Großteil des Films spielt sich ferner in einem Haus ab, dessen Einrichtungsstil an jenen aus der Villa erinnert, die Norman Bates bewohnte und die Hitchcock einmal als „kalifornische Gotik“ bezeichnete. Treppengeländer und lange Flure über mehrere Ebenen prägen das Szenenbild, das je nach Intensität einer Szene sogar mit schiefen Überkopfwinkeln eingefangen wird. Gesichter und andere helle Flächen werden teilweise übermäßig ausgeleuchtet und betonen als grelle Ansammlungen von Weiß erst recht die düsteren Winkel, die im Hintergrund lauern; insgesamt erinnert die Beleuchtung an barocke Horror-Klassiker wie „Frankenstein“ (1931),was den Einfluss durchscheinen lässt, den dessen Regisseur James Whale auf Francis ausübte. Man kann sagen, dass „Nightmare“ noch einmal eine Spur düsterer wirkt als „Haus des Grauens“ (ebenfalls das Remake eines James-Whale-Films), das insgesamt offenere Schauplätze bot; hier wirkt nun trotz der großzügigen und reichhaltig ausgestatteten Sets alles etwas enger und klaustrophobischer.
Jennie Linden, die mit ihrer ersten Filmrolle die kurzfristig ausgestiegene Julie Christie ersetzte, wirkt als Mittzwanzigerin auf Anhieb ein wenig zu alt, um eine Internatsschülerin zu spielen, egalisiert derartige Bedenken aber mit ihrer betonten Unschuld – und natürlich ihrem Scream-Queen-Potenzial, das sie gleich mehrfach unter Beweis stellen darf. Insbesondere wenn sich Realität und Traum kreuzen, hebt sich die Tonspur mit spitzen Schreien hervor. Die Unsicherheit darüber, was Einbildung und was Wirklichkeit ist, erhebt sich recht bald zu einem zentralen Motiv des Films, der es hauptsächlich darauf abgesehen hat, die Angst vor dem Abdriften in den Wahnsinn zu schüren. Entsprechend ist das Skript mit symbolischen Reliquien gespickt, die eine Brücke zwischen den Realitätsebenen schlagen – eine Torte etwa, eine Puppe oder ein Messer.
Anders als „Psycho“ hat der Sprung in der Mitte also nicht unbedingt deswegen eine so radikale Wirkung, weil er den klassischen dramaturgischen Aufbau umwirft, sondern weil er so konsequent mit dem Übernatürlichen abschließt, das immerhin auch zu Promotionszwecken instrumentalisiert wurde und somit eindeutiger Vermarktungsbestandteil war („Three Shocking Murders. Did She Dream Them? … Or Do Them?“). Diesbezüglich hält das Drehbuch nach dem Seitenwechsel nicht ganz seine Linie, weil es selbst kurz vor der Auflösung noch versucht, unerklärliche Phänomene unterzubringen, obgleich die Inszenierung sich längst Krimi-Schemata zugewandt hat. So können die Grusel-Sequenzen der zweiten Hälfte leider nicht mehr die Intensität der ersten halten.
Interessant allerdings bleibt „Nightmare“ bis zum Ende allemal. In der Anlage nicht mehr als ein B-Movie, das sich unverhohlen bei der A-Garde bedient, erreicht der Psychothriller in den formellen Disziplinen wesentlich höhere Früchte und hält mit den Großen mit, die es in anderen Bereichen bestiehlt.